(Die Sonntagsleserin) Zuhause ist es doch immernoch am schönsten…

Stell dir vor diese Woche ist Buchmesse und die Bücherphilosophin geht nicht hin 😉 Ein sehnsuchtsvoller Blick schweift nach Frankfurt. Doch zu viel gewollt, zu schnell gelebt, zu früh verreist, das kann ja nur in einer Katastrophe enden – mal ganz davon abgesehen das die Zugverbindungen aus Norddeutschland im Moment unmöglich sind – so heißt die Devise im eigenen Zimmer; Also bleibe ich, trotz der verlockenden Flut an Einladungen zu Bloggerfrühstück, -treffen und -umtrunk diverser Verlage und Organisationen, dieses Jahr lieber zu Hause. Denn das ist der Ort, wo ich wann immer ich will, und der Kreislauf es verlangt, die Füße hochlegen kann, wo mich mein Bücherregal mit den Versprechen fremder Welten lockt, wo die Tasse grünen Tees keinen Boden hat und die flauschigen, schnurrenden Ehrengäste dieses, wie jedes Jahr aus Schottland kommen. Vielleicht geht es dir ja ebenso oder zumindest ähnlich; Dann meine liebe Leserin, schreibe ich diesen Beitrag nämlich auch für dich.

Vor den Augen…

Diese Woche ist meine Lektüre ein ungleiches Duo. Das erste Buch die Kurzgeschichtensammlung einer Debütantin, das andere die Modernisierung eines Klassikers durch eine erfahrene Autorin. Das eine ganz frisch im eigenen Zimmer eingetrudelt, das andere dort fast schon etwas eingestaubt. Eines haben beide Bücher jedoch gemeinsam, sie sind überaus lesenswert.

51NgcJ6XbcL._SX311_BO1,204,203,200_und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus von Doris Anselm… Was ist der Auslöser für Veränderung in unserem Leben? Die Nachricht einer längst vergessenen Freundin, eine Kränkung zu viel, eine absurde Passion, der es plötzlich nachzugeben gilt. In Doris Anselms Erzählungen begegnen uns Karrieremenschen und Loser, Charismatiker und Verrannte, die diese Momente lostreten oder erleben. So wechselt ein Schmuckstück den Besitzer, unpersönlich und doch symbolträchtig. Am Ende ist ein Mädchen erwachsen geworden und ihr Lehrer ein Stück kindlicher. Dabei bleibt manches scheinbar Wichtige elegant in der Schwebe, um den Blick fürs Wesentliche zu öffnen. Ereignisse wirken aus der Vergangenheit in eine intensiv wahrgenommene Gegenwart hinein, ein bedrohlicher Unterton schwingt mit, ein böses Wuchern und Wachsen.

coverDer weite Raum der Zeit von Jeannette Winterson… Der Londoner Investmentbanker Leo verdächtigt seine schwangere Frau MiMi, ihn mit seinem Jugendfreund Xeno zu betrügen. In rasender Eifersucht und blind gegenüber allen gegenteiligen Beweisen verstößt er MiMi und seine neugeborene Tochter Perdita. Durch einen glücklichen Zufall findet der Barpianist Shep das Baby und nimmt es mit nach Hause. Jahre später verliebt sich das Mädchen in einen jungen Mann – Xenos einzigen Sohn. Zusammen machen sie sich auf, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen und alte Wunden zu heilen, damit der Bann der Vergangenheit endlich gebrochen wird.

Auf den Ohren…

Diese Woche steht für mich im Zeichen der Selbstoptimierung, zumindest zum Teil, schließlich kann frau nicht 24 Stunden am Tag, bzw. die 10 Stunden, die das Hörbuch „Procrastination“ dauert, an sich arbeiten. Manchmal muss diese Leserin auch einfach nur entspannen dürfen und das geht am besten mit dem bissigen Humor von Kolumnist Dan Savage, dem David Sedaris für Leserinnen mit Familiensinn.

51t4JMLURXL._SL300_Procrastination: Why you do it, what to do about it NOW von Jane B. Burka, PhD & Lenora M. Yuen, PhD… Based on their workshops and counseling experience, psychologists Jane B. Burka and Lenora M. Yuen offer a probing, sensitive, and at times humorous look at a problem that affects everyone: students and scientists, secretaries and executives, homemakers and salespeople. Procrastination identifies the reasons we put off tasks; fears of failure, success, control, separation, and attachment; and their roots in our childhood and adult experiences. The authors offer a practical, tested program to overcome procrastination by achieving set goals, managing time, enlisting support, and handling stress. Burka and Yuen even provide tips on living and working with the procrastinators you may know.

41NOI6Z1ASL._AA300_The Commitment von Dan Savage… Dan Savage’s mother wants him to get married. His boyfriend, Terry, says “no thanks” because he doesn’t want to act like a straight person. Their six-year-old son DJ says his two dads aren’t “allowed” to get married, but that he’d like to come to the reception and eat cake. Throw into the mix Dan’s straight siblings, whose varied choices form a microcosm of how Americans are approaching marriage these days, and you get a rollicking family memoir that will have everyone—gay or straight, right or left, single or married—howling with laughter and rethinking their notions of marriage and all it entails.

Neu im Regal…

Nicht jede Woche bringt neue Bücher mit sich, manchmal muss sich auch eine begeisterte Buchbloggerin mit dem Lesefutter zufrieden geben, welches das gute alte Regal ungelesener Bücher gerade so hergibt. Zum Glück gibt es mehr als genug ungelesene Büchern in meinem eigenen Zimmer, und so tut es mir auch gar nicht weh mal eine Woche auf Verlags-, bzw. Buchpost zu verzichten.

Nur zu Besuch… auf der Frankfurter Buchmesse!

Wie ich einleitend schon bemerkte, nehme ich an der diesjährigen Frankfurter Buchmesse leider nicht aktiv teil. Das heißt aber nicht, dass ich anderen Leserinnen ihren Messespaß nicht gönne. Gespannt verfolgte ich das Messegeschehen von den Zuschauerrängen aus und dies sind meine bisherigen Highlights.

Den ersten Messetag verbringe ich mit dem buecherfuellhorn, schlendere schon am frühen Morgen durch noch fast leere Hallen, verkoste Spezialitäten vom größten Bio-Bauernhof der Toskana und entdecke anschließend zwei unabhängige Kleinverlage.

Durch den zweiten Tag der Buchmesse bewege ich mich an der Seite von litblogkoeb, die ich unter anderem in den Ehrengast Pavillon begleite, der zwar etwas spartanisch dekoriert ist, dafür jedoch mit ungewöhnlichen Sitzgelegenheiten aufwartet.

Etwas kritischer wird die diesjährige Buchmesse von schneeschmelze analysiert und kommentiert. Als Buchmesseveteran macht er mich auf unserem Messerundgang unter anderem auf das graduelle Verschwinden der unabhängigen Verlage und die Abwesenheit diverser Medienvertreter aufmerksam und nimmt mich schließlich mit zu einer Paneldiskussion zum Thema Digitalisierung des Lesens.

Und auch wenn mir nach meinen drei virtuellen Messerundgängen schon ganz schön die metaphorischen Füße weh tun, kann ich doch nicht umhin noch einen abschließenden Blick auf den Buchmesse tumblr von buchmerzmensch zu werfen – fühlt sich fast an, wie selbst dabei gewesen zu sein!

Genug geplaudert, meine liebe Leserin. Ich verabschiede mich nun fürs Erste in den Sonntag und wünsche Dir noch viel Spaß beim Lesen und Entdecken!

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Virginie Despentes: Ein „enfant terrible“ wird erwachsen…

Auf der Frankfurter Buchmesse sind dieses Jahr die Franzosen zu Gast und zu meiner großen Freude sorgen vor allem die Bücher einer handvoll Französinnen schon im Vorfeld für reichlich Furore, darunter auch das kürzlich von mir besprochene „Dann schlaf auch du“ der Autorin Leila Slimani. Was meiner Freude einen kleinen aber entscheidenden Dämpfer verpasst, ist dass ich dieses Jahr schon wieder oder viel mehr immer noch nicht mit dabei sein kann, und dabei verbindet mich doch seit meiner Jugend eine skandalträchtige literarische Liebe mit dem europäischen Nachbar. Objekt meiner Begierde ist damals wie heute die Autorin Virginie Despentes – eine unkonventionelle Wahl, dessen war ich mir schon immer bewusst, aber man kann sich nun einmal nicht aussuchen an wen man sein (literarisches) Herz verliert – und um sie und ihre Romane soll es deshalb heute auch gehen.

couvertureDer Debütroman der Autorin heißt Baise-Moi und erscheint 1993. In Frankreich schlägt die Geschichte zweier sexpositiver Frauen, die sich im Stil von Thelma und Louise durch die französische Provinz morden, ein wie eine Bombe. Es ist auch mein erster Roman der Autorin, gelesen habe ich ihn mit 18 Jahren und was ich damals noch nicht weiß, er wird eine lebenslange Sucht begründen. Endlich sind die Mädels mal am Zug; leben, lieben und morden so wie es sonst immer nur die Kerle tun. Baise-Moi, das ist Fight Club für Frauen und ich bin mit Leib und Seele dabei!

die_unberuehrte-9783499229114_xxl1996 versucht Virginie Despentes mit Die Unberührte den Erfolg ihres Debüts zu wiederholen. Das Buch spielt im Rotlichtmilieu von Lyon und ähnelt in seinen Schockeffekten dem Vorgänger, nur dass ich als Leserin leider mittlerweile etwas abgestumpft bin. Wir schreiben das Jahr 2014 und Torture-Horror, ebenso wie echte Folter von politischen Gefangenen sind Teil der Nachrichten und des Abendprogramms, Gonzo-Pornos sind fester Bestandteil des Internets und wer sich darüber aufregt gilt als verklemmt. Virginie Despentes hat sich nicht verändert, die Welt hat es und das macht ihren Roman in meinen Augen weniger krass als er das zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung war.

9783499234064Pauline und Claudine aus dem Jahr 1998 war neben Teen Spirit, das 2002 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, eines des Bücher, die ich als direkte Vorbereitung auf diesen Beitrag las. Letzteres galt bis zur Veröffentlichung der Vernon Subutex Trilogie (2015) in Kritikerkreisen als das beste Buch der Autorin. Meiner Meinung nach ist es jedoch lediglich das Konventionellste. Während der Lektüre dachte ich mehr als einmal: „Wie schade, meine französische Lieblingsautorin hat ihren Biss verloren.“ Die junge Virginie Despentes, die Virginie Despentes der neunziger Jahre ist wütend. Sie wettert gegen das System und schlägt sich auf die Seite der gesellschaftlichen Verliehrer, obwohl sie als Erfolgs-, bzw. gefeierte Skandalautorin, schon lange nicht mehr dazu gehört. So ist das auch in Pauline und Claudine, auch wenn ich als Leserin der Autorin ihre Bodenhaftung, ihren Draht zum Prekariat, schon lange nicht mehr so wirklich abnehme.

91ve6IQBS4LIn Bye Bye Blondie, das ich fast zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung 2004 las, lässt Virginie Despentes die Wut des Pöbels, an die sie schon gar nicht mehr selbst zu glauben scheint, ein letztes Mal aufleben. Doch die Zornesschreie und Hasstiraden ihrer Hauptfigur verklingen ohne Echo. In den Vorstädten brennen die Autos, Paris hat andere Sorgen und die Probleme der weißen Unterschicht verblassen neben denen der Kinder marokkanischer und algerischer Einwanderer. Die realen Pendants der Figuren über die Virginie Despentes so gerne schreibt pfeifen auf eine sozialistische Neuordnung der Gesellschaft und fangen stattdessen an der rechtsradikalen Front National zuzulaufen. Die Autorin verkennt diese Entwicklung und entfernt sich somit zusehends vom Puls der Zeit. Und auch ich habe langsam genug vom Unangepasstsein ihrer Figuren, das auf mich eher wirkt wie eine nie ganz ausgestandene kindische Trotzphase.

king_kong_theorie-9783833305733_xxlZwei Jahre später wird Virginie Despentes unerwartet persönlich. In ihrer Essaysammlung King Kong Theorie erzählt sie mir unter anderem von ihrer Vergewaltigung in jungen Jahren und ihrer späteren Tätigkeit als Prostituierte; und auch wenn sie in einem fort behauptet im Reinen zu sein mit ihrer Vergangenheit, ja sich sogar für Prostitution als Beruf wie jeder andere ausspricht und Empathie, die stellenweise schon an Mitleid grenzt, für die Männer zeigt, die einst ihren Körper kauften, glaube ich ihr nicht so ganz – woher, frage ich mich mit Blick auf ihr frühes literarisches Werk, kommt denn sonst dieser überbordene Ärger, dieser blanke Hass, den besonders die Figuren in ihrem Debüt, aber auch in den Romanen danach, auf brutalste Weise vor allem an Männern auslassen. Baise-Moi liest sich stellenweise wie eine Rachefantasie und seit meiner Lektüre der King Kong Theorie ahne ich zunehmend warum.

9781846688423_1502177004292_xxlMeine Lektüre von Apokalypse Baby, der letzten deutschen Veröffentlichung der Autorin aus dem Jahr 2010 – abgesehen natürlich von dem Buch mit dem Virginie Despentes dieses Jahr auf der Frankfurter Buchmesse zu Gast ist – ließ mich mit dem Eindruck zurück meine französische Lieblingsautorin habe nach langen Jahren des Schreibens ihr explosivstes Pulver verschossen. Teen Spirit ließ es mich schon ahnen, das einstige Enfant Terrible der Pariser Literaturszene ist erwachsen geworden. Als Leserin hätte ich natürlich am liebsten gehabt, dass Virginie Despentes, über diesen schriftstellerischen Reifeprozess erhaben auf ewig in ihrer Wut gefangen, einen Skandalroman nach dem anderen veröffentlicht; auf menschlicher Ebene gönne ich ihr den Zugewinn an persönlicher Weitsicht und literarischer Erfahrung natürlich durchaus, wenn auch bisher etwas verhalten.

Im Angesicht dieser Retrospektive und mit Blick auf ihre neusten Veröffentlichungen, muss ich schweren Herzens die Virginie Despentes meiner Jugendjahre, die Rebellin, die Furie und Rachegöttin loslassen. Denn in dieser Form gibt es sie schon seit Anfang des neuen Jahrtausends nur noch zwischen den Seiten ihrer Debütromane. Als Leserin und als Frau fällt es mir dennoch manchmal schwer meine Erwartungshaltung an gerade diese Autorin zu transformieren. Denn ich bin ihr nach all den Jahren, die wir zusammen verlebt haben, nach wie vor dankbar für ihre (frühen) Romane und deren Figuren. Diese zeigten mir, die ich gerade in einem Alter war, indem ich zu merken begann, dass diese Welt besonders für Frauen teils scheinbar unüberwindbare Grenzen hat, das Versprechen von Freiheit und Selbstverwirklichung, welches mir meine Eltern mit auf den Weg gaben, nur bedingt einlösbar sein wird, dass Frauen nicht passive Empfängerinnen vom Leid der Welt und alleinige Trägerinnen der Bürde ungleicher Machtverhältnisse sein müssen, sondern stark und brutal sein können, wütend und gewalttätig, risikobereit und nur dem eigenen Willen verpflichtet, nach den eigenen Regeln lebend und kompromisslos frei. Diese Darstellungen von Frauen in der modernen Literatur waren Pionierarbeit und gehören leider noch immer zu einer Ausnahmeerscheinung, die mich, und mein Bild davon, was (literarisch) möglich und akzeptabel ist, stark geprägt haben. Dafür verzeihe ich Virginie Despentes gerne ihren Scheuklappen-Feminismus, ebenso wie ihre spätere Abkehr von den Handlungs- und Figurenmustern, die mich einst so für ihre Romane begeisterten. Jeder denkende, fühlende Mensch gewinnt im Alter an Perspektive, und wenn die Schriftstellerin Virginie Despentes das kann, dann kann diese, ihr nach wie vor treu ergebene, Leserin das auch.

Die Sonntagsleserin ist zurück…

Als ich Ende Januar meine „Abwesenheitnotiz“ veröffentlichte, brauchten ich und mein gematerter Körper eigentlich nur eine kleine Pause. Nie und Nimmer hätte ich damit gerechnet, dass diese kleine Pause fast ein ganzes Jahr andauern würde. Ich will an dieser Stelle gar nicht so sehr ins Detail gehen, denn so ganz verarbeitet habe ich die Erinnerungen an die längsten acht Monate meines Lebens noch nicht – trotz des Happy Ends. Seit Anfang September geht es Dank der Bemühungen eines Ärzteteams, das mich einfach nicht aufgeben wollte, zum Glück wieder bergauf. Zum ersten Mal seit fast drei Jahren darf ich nun endlich Zeuge davon sein, dass mein Körper von Tag zu Tag, Woche zu Woche, ein klein wenig stärker wird. Ich habe wohl noch ein gutes Stück Weg vor mir, bis ich wieder so am Leben teilnehmen kann, wie ich das gerne möchte und ein paar Kompromisse werden mich vielleicht noch darüber hinaus begleiten. Doch davon werde ich mir meine Vorfreude auf den Rest meines Lebens (und Lesens und Schreibens und Reisens, und, und, und…) nicht nehmen lassen 🙂

Vor den Augen…

Seitdem ich wieder lesen kann, verschlinge ich ein Buch nach dem anderen, in einer Geschwindigkeit, die selbst mich atemlos zurück lässt. Diese beiden Bücher waren die letzten, die ich vor meiner Pause in den Händen hielt und diese Woche durfte ich sie endlich genießen.

51k8TP6oriL._SX319_BO1,204,203,200_Zärtliche Klagen von Yoko Ogawa… Tief verletzt durch die Untreue ihres Mannes, flieht Ruriko aus Tokio und zieht sich in ein einsam gelegenes Landhaus zurück. Sie arbeitet als Kalligrafin und will dort Ruhe finden, um die Transkription der Lebenserinnerungen einer englischen Dame abzuschließen. Bald schon lernt sie ihre neuen Nachbarn kennen. Nitta war früher ein bekannter Pianist und widmet sich nun dem Bau von Cembalos. Dabei geht ihm eine junge Frau namens Kaoru zur Hand, die er als seine Assistentin vorstellt. Von ihr erfährt Ruriko, dass Nitta nicht mehr vermag, in der Gegenwart anderer Klavier zu spielen. Es ist, als wäre sein Herz zu Stein geworden und die Musik zur bloßen Erinnerung. Ruriko und Nitta fühlen sich zueinander hingezogen, und doch spürt die Kalligrafin, dass zwischen ihm und seiner Assistentin unsichtbare Bande bestehen, die stärker sind als das, was Nitta für sie empfindet.

9783550081125_coverGold Ruhm Zitrus von Claire Vaye Watkins… Niemand kann sagen, wann es das letzte Mal in Kalifornien geregnet hat. Das Land liegt unter einer gigantischen Dünenformation begraben, die Bewohner werden, teils mit Waffengewalt, teils durch undurchsichtige bürokratische Vorschriften davon abgehalten, in fruchtbarere Regionen zu ziehen. Die meisten haben sich mehr oder weniger freiwillig in Notlager begeben, einige wenige hausen in den Villen und Bungalows, die andere verlassen haben, und leben von Notrationen. Auch Luz und Ray gehören zu ihnen. Als das Schicksal ein zweijähriges Mädchen namens Ig in ihre Hände legt, ändert sich für sie alles. Luz, ehemaliges Model, will des Kindes wegen die Flucht nach Osten wagen, ihr Freund Ray, Kriegsveteran und Surfer, unterstützt sie trotz seiner Vorbehalte. Spätestens als sie in den Weiten der Amargosa-Wüste auf eine sektenartige Kommune und ihren charismatischen Anführer stoßen, wird klar, dass Gefahr nicht nur von der erbarmungslos brennenden Sonne ausgeht. Die gleißende Schönheit der Landschaftsbeschreibungen lässt in keiner Sekunde die tödliche Bedrohung vergessen, die über allem liegt.

Auf den Ohren…

Kurz vor meiner Zwangspause hatte ich mich mit Hörbüchern eingedeckt, und diese warten nun nur darauf von mir gelesen zu werden – nicht zu Schweigen von dem massigen audible Guthaben, das ich angehäuft habe. Ich kann mich gar nicht entscheiden, welches ich zu erst hören soll.

51y5CwCneGL._SL300_Why have kids? von Jessica Valenti… In Why Have Kids?, Valenti explores these controversial questions through on-the-ground reporting, startling new research, and her own unique experiences as a mom. She moves beyond the black and white “mommy wars” over natural parenting, discipline, and work-life balance to explore a more nuanced reality: one filled with ambivalence, joy, guilt, and exhaustion. A must read for parents as well as those considering starting a family, Why Have Kids? is an explosive addition to the conversation about modern parenthood.

41drbZqDaAL._SL300_The Case Against Sugar von Gary Taubes… More than half a billion adults and 40 million children on the planet are obese. Diabetes is a worldwide epidemic. Evidence increasingly shows that these illnesses are linked to the other major Western diseases: hypertension, heart disease, even Alzheimer’s and cancer, and that shockingly, sugar is likely the single root cause. Yet the nutritional advice we receive from public health bodies is muddled, out of date, and frequently contradictory, and in many quarters still promotes the unproven hypothesis that fats are the greatest evil.With expert science and compelling storytelling, Gary Taubes investigates the history of nutritional science which, shaped by a handful of charismatic and misguided individuals, has for a hundred years denied the impact of sugar on our health. He exposes the powerful influence of the food industry which has lobbied for sugar’s ubiquity – the Sugar Association even today promoting ’sugar’s goodness‘ – and the extent that the industry has corrupted essential scientific research. He delves into the science of sugar, exposes conventional thinking that sugar is ‚empty calories‘ as a myth, and finds that its addictive pleasures are resulting in worldwide consumption as never experienced before, to devastating effect.

Neu im Regal…

Nach meiner langen Leseabstinenz konnte ich natürlich nicht anders als zu schauen, was ich über Frühjahr und Sommer so alles verpasst habe. Beim Ullstein Verlag habe ich angefangen und mich direkt in dessen „Ullstein fünf“ Imprint verliebt, wie frau an meinen Neuzugängen unschwer erkennen kann 😉

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Schwimmen von Sina Pousset… Milla und Jan kennen sich seit Kindertagen. In einem heißen Sommer fahren sie gemeinsam mit Jans Freundin Kristina ans Meer. Drei Tage lang schweben sie zwischen Angst, Liebe und Sehnsucht. Bis sich alles bei einem heftigen Gewitter katastrophal entlädt. Jan überlebt nicht. Vier Jahre später sind Milla und die kleine Emma an einem kalten Morgen durch die große Stadt unterwegs. Da findet Milla etwas, das sie an Jan erinnert und stellt sich endlich der Vergangenheit. Ein Roman voller zarter Melancholie und berührender Bilder, die einen nicht mehr loslassen.

9783961010042_coverDas Rauschen in unseren Köpfen von Svenja Gräfen… »Die Abende, die Nächte gehörten uns. Wir gingen nicht raus. Wir hatten hier alles, was wir brauchten, das heißt: uns. Wir hätten uns auch in einer Bar gehabt, im Kino, in einem Restaurant; aber eben nicht so, wir hätten uns teilen müssen mit einer ganzen Welt, die nach Aufmerksamkeit schrie.« Lene lebt mit ihrer besten Freundin in einer WG in einer großen Stadt, ihre liebevolle Familie und der Freundeskreis geben Halt. Als sie Hendrik begegnet, scheint ihr Glück perfekt. Sie plant eine gemeinsame Zukunft, doch Hendriks Vergangenheit schleicht sich in ihr Leben ein. Da ist seine zerrüttete Familie, sein bisweilen merkwürdiges Verhalten. Und Klara.

9783961010035_coverFuchsteufelsstill von Niah Finnik… Die siebenundzwanzigjährige Juli steht mitten im Leben – manchmal sogar ein bisschen zu sehr. Sie ist Autistin und jeder Tag bedeutet eine gewaltige Masse an Emotionen, die es zu meistern gilt. Als Juli nach einem missglückten Suizidversuch auf eine psychiatrische Station kommt, trifft sie dort auf die überschwänglich-herzliche Sophie und auf Philipp, der mal mehr und mal weniger er selbst, aber stets anziehend für Juli ist. Die drei nehmen Reißaus und verbringen ein gemeinsames Wochenende, nachdem nichts mehr so ist wie zuvor.

Nur zu Besuch…

Nach so langer Zeit platzt mein WordPress Reader aus allen Nähten. Zum Glück kann ich mich bei meiner Auswahl interessanter Links auf die letzte Woche beschränken. Doch bei einer Unmenge an liebevoll gestalteten Beiträgen von so vielen engagierten Bloggerinnen, fällt mir die Entscheidung trotzdem schwer.

Mitte nächster Woche ist es so weit, Blogger aus ganz Deutschland strömen nach Frankfurt auf der Suche nach Rezensionsexemplaren, Autoreninterviews oder auch nur einem netten Plausch mit dem Pressekontakt vom Lieblingsverlag, den frau bisher nur aus Emails kennt. Wer zum ersten Mal dabei ist, dem greift Buchnotizen, die kürzlich erst ihr Rosenjubiläum gefeiert hat, mit einer Checkliste unter die Arme – damit sich selbst die Buchmessen-Frischlinge wie alte Hasen fühlen können.

Wer am letzten Oktoberwochenende noch nichts vorhat, den lädt die kürzlich generalüberholte Wörterkatze zum Lesemarathon ein. Wenn sich kurzfristig nichts anderes ergibt, werde ich sicher auch mit von der Partie sein.

Fernweh machten mir diese Woche Phantasienreisen, die in meine ehemalige Heimat Großbritannien reiste und mir nun von ihren bibliophilen Fischzügen und dem englischen Essen vorschwärmt. Während es Binge Reading & More auf ihrer Parisreise vor allem um das mitgebrachte Lesefutter geht. Vom Fernweh gepackt, aber kein Geld zum Verreisen? Kein Problem mit dem Tramping Guide von Pollenleben.

Woran erkennt frau eigentlich einen österreichischen Autor? Wer sich das schon mal gefragt hat, findet beim Bücherwurmloch eine humorige Liste, die einem in Zukunft bei der Identifikation derselben zur Hand gehen kann. Und selbst wenn nicht, dann brachte sie mich, als deutsche Leserin wenigstens ein bisschen zum Lachen – und das ist ja auch was wert.

Genug geplaudert, meine liebe Leserin. Ich verabschiede mich nun fürs Erste in den Sonntag und wünsche Dir noch viel Spaß beim Lesen und Entdecken!

(Feminismen) Das weibliche Geschlecht, vom Aussterben bedroht…

Zu diesem Buch bin ich auf zweierlei Art gekommen. Zum einen hat mich der Film „The three deadliest words in the world: It’s a Girl!“ (inklusive TED Talk des Regisseurs) für das Thema angefixt, und dann habe ich dieses Buch auf dem amerikanischen Buchblog „Feminist Texican Reads“ besprochen gesehen. Bald darauf hielt ich meine eigene Ausgabe in Händen und möchte sie nun nicht mehr missen, auch wenn mir ihr Inhalt zeitweise schwer im Magen liegt…

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Auf der ganzen Welt gerät das ausgewogene Zahlenverhältnis zwischen den Geschlechtern aus der Balance. Es gibt zu viele Jungen und zu wenig Mädchen. Das gilt für China, wo die Differenz mit 163 Millionen fehlenden Frauen bereits der Gesamtanzahl der weiblichen Bevölkerung der USA entspricht, es gilt für Indien, aber inzwischen auch für weitere Länder in Osteuropa, Afrika und Lateinamerika. Anders als bisher angenommen verschwindet das Phänomen nicht mit steigendem Wohlstand und wachsender Bildung. Der Frauenmangel führt zu steigender Gewalt gegenüber Frauen, Zwangsverheiratungen und grenzüberschreitendem Frauenhandel.

Mara Hvistendahls Buch über den Genozid an weiblichen Föten zeichnet ein düsteres Bild für die Zukunft der Welt. Ob es nun um die potenzierte Gewaltbereitschaft unzähliger junger Männer geht und das erhöhte Risiko Opfer einer Gewalttat zu werden, für die versprengten Frauen und Mädchen oder um das harte Schicksal als abgekapselter Junggeselle seine alten Eltern pflegen zu müssen; Mara Hvistendahl widmet sich allen nur erdenklichen Szenarien, die aus einem Überschuss an Männern innerhalb der Gesellschaften verschiedener Schwellenländer und jungen Industrienationen von Indien, über China bis nach Albanien, erwachsen können. Schon heute zeichnet sich ab, dass es höchste Zeit ist für die politischen Eliten der erwähnten Länder gegenzusteuern, auch wenn der gefährliche Trend der Vermännlichung der Welt nur schwer aufzuhalten zu sein scheint.

Mara Hvistendahl geht in ihrer Schilderung der selektiven Geburtenkontrolle, wie sie besonders in Indien, China aber auch in Teilen Osteuropas praktiziert wird, an die Ursprünge dieser Entwicklung, die wie sollte es auch anders sein, von den westlichen Industrienationen losgetreten wurde. Um die Überbevölkerung der Welt zu verhindern machten die ehemaligen Kolonialmächte besonders in Indien Abtreibungen salonfähig – eine Entwicklung, die sich mit der Erfindung der Geschlechtsbestimmung durch Ultraschall verselbstständigen sollte. Ich will an dieser Stelle nicht zu sehr ins Detail gehen, denn das tut Mara Hvistendahl in „Das Verschwinden der Frauen“ viel besser als ich es je könnte; lass mich nur so viel sagen, die Liste der Ereignisse, die in ihrer Verkettung zu einem Ungleichgewicht der Geburten führten ist lang.

Von Indien geht es nach China, wo die historische Bevorzugung von Söhnen und die moderne Ein-Kind-Politik gnadenlos aufeinander trafen und eine Generation von überflüssigen Junggesellen produzierten. Mara Hvistendahl erzählt davon, wie Bräute aus Vietnam angeworben werden, manchmal auch ohne vorher deren explizite Einwilligung einzuholen – die Entscheidung treffen in der Regel die Familien der jungen Frauen. Sie erzählt von der oft aussichtslosen Situation der Frauen, deren Ehen mit chinesischen Männern selten gut gehen und von chinesischen Aktivisten, die sich auf die Befreiung und Rückführung der verschleppten Frauen spezialisiert haben. An dieser Stelle wird mir als Leserin die politische Brisanz dieses Buchs schlagartig bewusst. Hatte Mara Hvistendahl mich zuvor mit geschichtlichen Zusammenhängen eingelullt, schlägt sie mir nun ihre Konsequenzen um die Ohren.

Der letzte Stopp auf der Suche nach den verlorenen Mädchen ist für mich als deutsche Leserin quasi vor der Haustür. Denn auch in Albanien wird selektiv abgetrieben, um mehr Söhne zu zeugen in einer Zeit in der diese für das Überleben einer Familie gar nicht mehr unbedingt notwendig sind, die Gesellschaft aber weiterhin an ihrem historischen Prestige, das ihre Mütter und Gemeinden aufwertet, festhält. Doch was sollen all die ruhelosen Männer in einer strukturschwachen Region, in der es nicht einmal mehr genug Frauen gibt, um ihnen ein sesshaftes Lebens als Familienväter in Aussicht zu stellen? Diese und andere Fragen kann oder will Mara Hvistendahl mir leider nicht beantworten. Stattdessen beschränkt sie sich darauf die Entwicklungen der Vergangenheit nachzuvollziehen, politische und demographische Fehlentscheidungen aufzuzeigen und deren Auswirkungen zu illustrieren.

Insgesamt ist „Das Verschwinden der Frauen“ eine aufrüttelnde Lektüre zu einem weltweiten Problem, das so in den westlichen Industrienationen nur äußerst selten zur Sprache kommt. Vielleicht haben die Verantwortlichen ein schlechtes Gewissen oder die Auswirkungen einer Welt voller unverheirateter, kinder- und familienloser, Männer werden hier, weit weg von den Schauplätzen dieser Entwicklung, noch weitläufig unterschätzt. In den betroffenen Ländern werden langsam Maßnahmen in Gang gesetzt um dem Verschwinden der Frauen entgegen zu wirken, so viel verrät Mara Hvistendahl dieser Leserin dann doch. Ob diese Lösungsansätze allerdings noch rechtzeitig greifen, das bleibt zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Das Verschwinden der Frauen“ leider fragwürdig.

Das Verschwinden der Frauen: Selektive Geburtenkontrolle und ihre Folgen – Mara Hvistendahl – ISBN 978.3.423.28009.9

Für Leserinnen, die…

  • …sich ihren Platz in der Welt erkämpfen mussten.
  • …bisher noch nie vom Genozid gegen das weibliche Geschlecht gehört haben.
  • …sich für weltpolitische Probleme interessieren.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) Über Männer, die die Welt erklären und Frauen, die es besser wissen…

Lange schon steht die englische Audioversion auf meinem Merkzettel bei audible.de. Da es sich bei diesem Buch um einen Essayband handelt, habe ich mich nie so ganz dazu durchringen können es zu kaufen. Denn Essays hören, dass bringt mich viel zu oft aus dem Lesefluss heraus. Daher freute ich mich als der btb Verlag die gedruckte Version für kleines Geld herausbrachte, und im Nu war die Entscheidung für das Buch getroffen…

Wenn Maenner mir die Welt erklaeren von Rebecca SolnitEin Mann, der mit seinem Wissen prahlt, in der Annahme, dass seine Gesprächspartnerin ohnehin keine Ahnung hat – jede Frau hat diese Situation schon einmal erlebt. Rebecca Solnit untersucht die Mechanismen von Sexismus. Sie deckt Missstände auf, die meist gar nicht als solche erkannt werden, weil Übergriffe auf Frauen akzeptiert sind, als normal gelten. Sie schreibt über die Kernfamilie als Institution genauso wie über Gewalt gegen Frauen, französische Sex-Skandale, Virginia Woolf oder postkoloniale Machtverhältnisse. Leidenschaftlich, präzise und mit einem radikal neuen Blick zeigt Rebecca Solnit auf, was längst noch nicht selbstverständlich ist: Für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern gilt es, die Stimme zu erheben.

Rebecca Solnits Buch besteht aus sieben Essays verschiedener Länge, der Kürzeste über den frischen Wind, den die gleichgeschlechtliche Ehe in eine zutiefst hierarchische Verbindung bringen wird, ist gerade mal zehn Seiten lang, ihr Essay über die Schriftstellerin Virginia Woolf ist wiederum ausführlich genug um sein eigenes schmales Büchlein zu verlangen. Wenn sie in Länge und Aufbau auch noch so verschieden sind, thematisch gleichen sich die Essays alle. Denn in „Wenn Männer mir die Welt erklären“ hat Rebecca Solnit ihre Gedanken zum Thema Feminismus, Patriarchat und Gewalt zusammengetragen, eine explosive ebenso wie introspektive Sammlung, die bei mir als Leserin und als Feministin einiges ausgelöst hat und mir dadurch wohl noch lange in guter und aufwühlender Erinnerung bleiben wird.

In Rebecca Solnits Essays geht es ebenso um aktuelle Themen, wie um persönliche und ab und zu auch mal um eine Herzensangelegenheit. Der titelgebende Essays zum Beispiel basiert auf den Erfahrungen der Autorin im Gespräch mit zumeist älteren Männern, die über Dinge schwadronieren, von denen sie keine Ahnung haben. Niemand wird gerne unterbrochen, schon gar nicht, wenn frau weiß wovon sie spricht, und doch ist dieser kleine Erfahrungsbericht, dem die Autorin natürlich noch ein paar kluge sozio-psychologische Eindrücke beigibt, noch verhältnismäßig erheiternd; vor allem dann wenn man sich dem nächsten Essay mit dem Titel „Der längste Krieg“ zuwendet, in dem es um Gewalt gegen Frauen geht und der selbst für Nicht-Betroffene schwer verdaulich sein dürfte. Und trotzdem ist gerade dieser Essay der meines Erachtens nach Lesenswerteste der Sammlung als Ganzes.

Darüber hinaus widmet sich Rebecca Solnit dem Internationalen Währungsfond und der Strauß-Kahn Affäre, der Auslöschung weiblicher Ahnen aus den Stammbäumen des Patriarchats und schließt letztlich mit einer Zuversicht, die den Sturm in meinem Inneren, der sich auf dem Weg zum Schlusswort aufgebaut hat, zu einem leisen Lüftchen werden lässt. Insofern ist „Wenn Männer mir die Welt erklären“ eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die mich mal zum Schmunzeln bringt und mir kurz darauf die Galle überkochen lässt, um mich dann wieder zu beruhigen, ja fast schon versöhnlich zu stimmen. Rebecca Solnit versteht es ihre Leserinnen mit Haut und Haar in ihr jeweiliges Thema zu ziehen, ihnen begreiflich zu machen, warum es wichtig ist hinter die Fassade von beispielsweise Nachrichtenmeldungen zu schauen und zu hinterfragen, welche Strukturen es sind, die das Elend der Welt, das disproportional von Frauen ertragen wird, überhaupt möglich machen.

Insgesamt ist dieses Buch ein kurzweiliges, dabei aber auch aufrüttelndes Lesevergnügen, nicht nur für feministische Leserinnen. Denn Rebecca Solnit predigt nicht, sondern erzählt einfach, präsentiert Fakten und kommentiert Aktuelles; und überlässt es ihrer Leserin deren Denkapparat anzuwerfen und politische Schlüsse aus ihren Essays zu ziehen. Ich persönlich bin mal mehr, mal weniger erschüttert über die behandelte Thematik, kann einiges nachvollziehen, habe mit anderem so wiederum nie zu tun gehabt. Trotzdem denke ich, dass „Wenn Männer mir die Welt erklären“ ein lesenswertes und ein wichtiges Buch ist, als Augenöffner, als Grundstein für eine feministische Lesekarriere oder auch durch seinen Wiedererkennungswert für alle Leserinnen, die gelangweilt weghören, wenn Männer wieder mal über Sachen dozieren, von denen sie eigentlich keine Ahnung haben.

Wenn Männer mir die Welt erklären – Rebecca Solnit – ISBN 978.3.442.71439.1

Für Leserinnen, die…

  • …sich nicht so leicht unterkriegen lassen.
  • …sich welt- und frauenpolitisch interessieren.
  • …sich ihre Meinung selbst bilden.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Im Haus unserer Mutter werden wir wieder zu den Kindern, die wir einst waren…

Seitdem die Originalversion mit dem Titel „The Green Road“ im letzten Jahr auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction stand, wollte ich dieses Buch unbedingt lesen. Der Lesewunsch alleine führt leider nicht dazu, dass sich Bücher wie von Geisterhand in meinem Regal materialisieren; letztlich haben wir (mit etwas Verspätung) dann aber doch zueinander gefunden…

Rosaleens Fest von Anne Enright

Rosaleen ist eine Frau, die nichts tut und von den anderen alles erwartet. Sie ist Mitte siebzig, die Kinder gehen schon lange ihre eigenen Wege. Da entscheidet sie sich, Ardeevin, das Haus, in dem die vier groß geworden sind, das voller Erinnerungen an Glücksmomente und Verletzungen steckt, zu verkaufen – und lädt zu einem letzten Weihnachtsfest ein. Die Geschwister reisen mit diffuser Hoffnung auf Versöhnung an – und doch endet auch dieses Weihnachten, wie noch jedes geendet hat.

„Rosaleens Fest“ spannt seine Leserin auf die Folter; denn das titelgebende Fest ist nicht etwa der Anfang der Geschichte, sondern deren Ende. Den Anfang machen fünf Novellen, die dieser Leserin je eines von Rosaleens vier Kindern vorstellen und schließlich dann Mutter Rosaleen selbst. Erst nachdem Anne Enright mir über 200 Seiten lang eine erzählerische Lupe vors Gesicht gehalten hat, vertraut sie mir endlich die Geschichte an, die mir der Klappentext versprochen hat; die des letzten Weihnachtsfestes der ganzen Familie im ehemaligen, mittlerweile etwas verwohnten Elternhaus. An diesem Punkt sind mir als Leserin das Leben und die Probleme der Figuren schon zu Genüge bekannt und ich weiß zudem, was sie voreinander geheim halten und kann so die Spannungen innerhalb der Familie ohne Weiteres deuten, wie es mir bei ähnlichen Romanen selten gelingt. Insofern hat dieser unerwartete, vielleicht sogar etwas ungewöhnliche, Aufbau auch seine guten Seiten; und ich stürze mich kopfüber ins Geschehen.

Der Roman beginnt mit einer Novelle über die kleine Hannah, das Baby der Familie, zu einer Zeit in der zwei der vier Kinder noch zu Hause wohnen. Während Hannah erst noch heranwächst, treffen ihre ältesten Geschwister schon lebensverändernde Entscheidungen. So zum Beispiel ihr ältester Bruder Dan, der bei einem Besuch daheim gesteht, dass er sich nach dem Studium in Galway am Priesterseminar einschreiben will. Dies stürzt die temperamentvolle Mutter Rosaleen in eine tiefe Depression, warum wird allerdings nicht klar. Was man als Leserin allerdings sofort merkt, ist dass es in dieser Familie viele ungesagte Dinge gibt, viele zerborstene Eier auf deren Schalen die Kinder durchs Haus tänzeln, immer in der Angst sie vollends zu zertreten. Im folgenden kommt jedoch ein harter Schnitt und ich befinde mich im New York der frühen 90er Jahre an der Seite des ältesten Bruders Dan und umgeben von Figuren, die ich so noch gar nicht kenne.

Fünfmal muss ich mich neu orientieren, fünfmal muss ich mich einlesen, bevor ich weiß, was genau in diesem oder jenem Teil der Geschichte vor sich geht. Das kann eine unkonzentrierte Leserin schon mal aus der Spur drängen, aber ich persönlich war nur milde verunsichert wegen der, vielleicht anfangs auch etwas pikiert über die massiven Zeit und Schauplatzsprünge, die mich in fünf bis zehn Jahresschritten von Irland nach New York nach Afrika und wieder zurück nach Irland transportieren, und die ich zusammen mit Autorin Anne Enright im ersten Teil des Buchs bewältigen muss. Gerade hatte ich „Zärtlich“ den neuen Roman von Anne Enrights irischer Schrifstellerkollegin Belinda McKeon aus der Hand gelegt und um ganz ehrlich zu sein, hatte ich von Landsfrau Enright stilistisch etwas mehr Geradlinigkeit erwartet, und so überraschte mich der anfängliche Kunstgriff der Autorin ihre Leserin zunächst einmal mit den einzelnen Mitgliedern der Familie bekannt zu machen, bevor sie diese in den Dampfkochtopf der Festtage wirft und miteinander interagieren lässt.

Seitdem Anne Enright den Booker Preis gewann hatte ich vorgehabt ihren Roman „Das Familientreffen“ zu lesen. Als ich „Rosaleens Fest“ in Händen hielt dachte ich mir, das ist sicher fast so gut wie. Doch dann merkte ich, dass es hier nicht etwa um die Dynamik einer dysfunktionalen Familie als Einheit geht, sondern um das Päckchen Sorgen und Nöte, welches jedes einzelne Mitglied bis ins späte Erwachsenenalter mit sich herum trägt und von dem es einfach nicht lassen kann. Beruf, Ehe und Kinder passieren, aber im Grunde sind Rosaleens Töchter und Söhne immer noch die Kinder, die sie einst waren; verzweifelt gierend nach der spärlichen, oft herunter putzenden Aufmerksamkeit der Mutter, die sie aber auch beschuldigen für alles, was im Hier und Jetzt gerade nicht so laufen mag, sprich Beruf, Ehe oder auch die eigenen Kinder. Diese unausgesprochenen Vorwürfe hängen schwerwiegend in der Luft, sobald alle unter einem Dach versammelt sind, bis es Mutter Rosaleen zu viel wird und sie in die dunkle Winternacht entflieht.

Insgesamt hat dieser Roman viele überaus lesenswerte, aber auch weniger eingängige Aspekte. Das erzählerische Wassertreten des Anfangs wird zwar gegen Ende des Romans belohnt, doch muss man sich als Leserin erst einmal durch die fünf scheinbar unzusammenhängenden Novellen kämpfen um dort anzukommen, wo sich alles ineinander fügt und schließlich einen Sinn ergibt. Stilistisch kann ich an der Booker-Preisträgerin Anne Enright, wie zu erwarten war, nichts aussetzen; „Rosaleens Fest“ ist weder zu blumig, noch zu zäh geschrieben und trifft meines Erachtens erzählerisch genau den richtigen Ton. Die Thematik des Romans, kann manchmal etwas schwer verdaulich, wenn nicht sogar deprimierend sein, was ich persönlich von irischen Schriftstellerinnen, die so meisterhaft über den Mikrokosmos Familie schreiben, aber schon gewohnt bin, und es sogar ein bisschen erwarte. Insofern liegt es an Dir, liebe Leserin, ob du die Einladung zu „Rosaleens Fest“ annehmen möchtest oder nicht…

Rosaleens Fest – Anne Enright – ISBN 978.3.328.10023.2

Für Leserinnen, die…

  • …einen unsentimentalen Weihnachtsroman suchen.
  • …erst einmal alle Figuren kennen lernen wollen, bevor sie in die Geschichte eintauchen.
  • …selbst schwer an einem Wehmutspäckchen aus der Kindheit zu tragen haben.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Ein Fiebertraum von Freundschaft, Liebe und Besessenheit…

Mit diesem Roman verbindet mich im Grunde keine besondere Geschichte. Als ich das Cover zum ersten Mal im Vorschaukatalog des Ullstein Verlages sah, da hatte ich schon im Gefühl, dass dieses Buch mir gefallen könnte. Dann las ich den Klappentext und es war um mich geschehen – wie das eben manchmal so ist…

9783550081286_coverAls Catherine und James sich kennenlernen, ist es Seelenverwandtschaft von Anfang an. Beide sind sie aus der irischen Provinz in die aufregende und liberale Stadt Dublin gekommen, Catherine als Studentin der Literaturwissenschaft, James, um Fotograf zu werden, und beide stürzen sich mit derselben Neugier und Leidenschaft ins Leben. Doch während Catherine in ihrer neuen Umgebung aufblüht, ist es für James selbst im vermeintlich offenen Klima der Großstadt unmöglich, zu seiner Homosexualität zu stehen. Sein Geheimnis schweißt die beiden noch enger zusammen, aber dann verliebt sich Catherine in James, auch wenn sie ahnt, dass ihre Liebe aussichtslos. Beide verstricken sich immer haltloser in eine von widersprüchlichen Gefühlen geprägte obsessive Beziehung und steuern sehenden Auges auf eine emotionale Katastrophe zu.

„Zärtlich“ ist mein erster Roman aus der Feder der irischen Autorin Belinda McKeon und er erzählt die Geschichte eines Frontalzusammenstoßes zweier junger Leben. Als Leserin erlebe ich die Ereignisse aus der Sicht der 19-Jährigen Studentin Catherine, die am Trinity College in Dublin studiert und zusammen mit zwei anderen jungen Frauen in einer kleinen Wohnung in der Baggot Street lebt. Ihr Zimmer hat sie von einem gewissen James übernommen, den Catherine zunächst nur aus Erzählungen und von Fotos kennt; denn er befindet sich zu Anfang der Geschichte in Berlin, wo er einem berühmten Fotografen als Studio-Assistent zur Hand geht. Eines Tages jedoch findet Catherine ihn in ihrer Wohnung vor, ihre Mitbewohnerinnen sind ausgeflogen und so beginnt ein vorsichtiges Gespräch zwischen den jungen Fremden; und für die nächsten paar Tage sind die beiden unzertrennlich.

Das Buch beginnt chronologisch gesehen im Grunde etwas später, mit einem Besuch Catherines bei James Familie. In diesen sommerlichen Tage gesteht James seiner jungen Freundin, die er eigentlich kaum kennt, dass er schwul ist – im Irland der neunziger Jahre scheint das übrigens noch eine große Sache und ein offen homosexuelles Leben für viele LGBTs noch undenkbar zu sein, das zumindest entnehme ich dem Roman. Catherine ist mir als Figur ehrlich gesagt etwas unsympathisch und so wundere ich mich nicht über ihre bemüht diplomatische, aber im Grunde vollkommen überzogene und irgendwie auch überaus unreife Reaktion auf James Geständnis. Als Leserin sitze ich ihr über die Dauer der Erzählung hinweg quasi auf der Schulter, darf jeden ihrer Gedanken hören und diese sind oft unsicher und fahrig. Catherine weiß selten wie sie sich verhalten soll und ich kann für ihre kratzbürstige Verletzlichkeit wenig Einfühlungsvermögen aufbringen.

Über James, das Yin zu Catherines Yang, erfährt diese Leserin nur was gegenüber Catherine ausgesprochen wird. Ich bin also über die Dauer des Romans im Kopf eines Menschen gefangen, den ich im realen Leben niemals befreunden würde, dessen emotionale Verletzlichkeit als Figur mich jedoch nicht unbeeindruckt lässt. Wenn Belinda McKeon doch nur die gleiche erzählerische Finesse an den Tag gelegt hätte, als sie die übrigen Figuren zeichnete – bis auf Catherine und James sind sie nämlich alle etwas flach und farblos, aber vielleicht ist das ja auch so beabsichtigt, schließlich ist James mehr und mehr der einzige der für Catherine existiert und alle anderen sind nur Beiwerk. Während der Roman voran schreitet wird die Erzählstruktur übrigens etwas linearer und Belinda McKeon verzichtet über lange Strecken darauf in der Zeit hin und her zu springen, was es mir als Leserin möglich macht noch tiefer in ihre Erzählung einzutauchen.

Dann jedoch beginnt sich die Beziehung der beiden Hauptfiguren zu intensivieren und Belinda McKeon beschwört ihre innere Zadie Smith herauf und versucht sich in experimenteller Prosa. Auf mich als Leserin wirkt dieser plötzliche Wandel im Erzählstil, die Verknappung der erzählerischen Passagen, die Handlung und Schauplatz beschreiben, ein bisschen so als hätte die Autorin ab Seite 300+ keine Lust mehr gehabt ausführlich zu schreiben und hätte den Rest ihres Romans einfach im Entwurfstadium zum Lektor gegeben. Die Kritiker-Lobeeren, die dem Buch auf dem Umschlag zuerkannt werden, kann ich als Leserin daher so nicht unterschreiben. Denn auf mich wirkt dieser Versuch innere Zustände von Entrücktheit und Obsession über stilistische Kunstgriffe zu vermitteln auf ganzer Linie gescheitert, vor allem durch den stilistischen Bruch mit den übrigen Teilen des Romans. Ein bisschen trauere ich um diesen verschenkten Teil der Geschichte, der mich ebenfalls hätte fesseln können, wäre er nicht so darauf bedacht gewesen mich zu beeindrucken.

Insgesamt ist „Zärtlich“ trotz der stilistischen Bauchlandung gegen Ende ein lesenswerter Roman über die Verwirrung der Jugend auf der Suche nach einer erwachsenen Identität. Auch ich habe in dem Alter der Hauptfiguren viele Brücken eingerissen, habe neu anfangen müssen und es im Nachhinein zeitweise bereut. Insofern birgt „Zärtlich“ ein Identifikationspotenzial in sich, dass seine Leserin nicht unterschätzen sollte. Die Neurosen der Hauptfigur treffen mich dort wo es unangenehm zwickt und lassen mich schier verzweifeln, mit jedem weiteren Schritt den sie in Richtung Abgrund tut. Und auch wenn es bei weitem nicht perfekt ist, lässt dieses Buch seine Leserin doch so schnell nicht wieder los. Denn die Konflikte der Hauptfiguren und deren Reibungspunkte repräsentieren in ihrer Einzigartigkeit doch universelle Meilensteine eines jungen Erwachsenenlebens, das zunächst viel verspricht diese Versprechen dann aber nur selten auch hält.

Zärtlich – Belinda McKeon – ISBN 978.3.550.08128.6

Für Leserinnen, die…

  • …unglücklich verliebt sind oder waren.
  • …einen Freund zum Liebhaber werden ließen.
  • …mit ihrer (sexuellen) Identität hadern.

Literarische Nachbarinnen…

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In support of the radical notion that women are writers…