Abwesenheitsnotiz

Meine liebe Leserin,

leider habe ich mich vor ein paar Wochen etwas übernommen und ein ME Schub folgte auf dem Fuße. Derzeit versuche ich mich davon zu erholen und teste aus, was ich noch kann und was nicht. Drück mir die Daumen, dass das Lesen und Bloggen noch dazu gehören. Selbst wenn, kann es ein bisschen dauern, bis ich wieder voll belastbar bin und in der Lage mich um dieses Blog zu kümmern.

Bibliophile Grüße,

Katarina 🙂

(Lesen ist hardcore!) Die atemlose Flucht der Jugend in den Berliner Sommer…

Die Empfehlung für diesen Roman habe ich mir von meinen Kolleginnen aus der Blogosphäre geholt; wer genau die alles entscheidende Rezension verfasst hat, weiß ich leider nicht mehr – es ist schon etwas her, dass ich mir in den Kopf setzte dieses Buch unbedingt lesen zu müssen. Wie dem auch sei, Hauptsache „Tigermilch“ hat es in mein Regal geschafft, alles Weitere erfährst Du etwas weiter unten…

51cBEaVcl8L._SX304_BO1,204,203,200_Nini und Jameelah leben in derselben Siedlung, sie sind unzertrennlich und mit ihren 14 Jahren eigentlich erwachsen, finden sie. Sie mischen Milch, Mariacron und Maracujasaft auf der Schultoilette. Sie nennen das Tigermilch und streifen durch den Sommer, der ihr letzter gemeinsamer sein könnte. Die beiden Freundinnen lassen sich durch die Hitze treiben, hängen mit Nico ab. Nico, der Nini ein Gefühl von Zuhause gibt. Sie machen Bahnpartys, rauchen Ott in Telefonzellen und gehen mit Amir ins Schwimmbad. Amir, dessen großer Bruder Tarik im Dauerstreit mit seiner Schwester liegt, weil diese sich in einen Serben verliebt hat. Nini und Jameelah erschaffen sich eine Welt mit eigenen Gesetzen, sie halten sich für unverwundbar, solange sie zusammen sind. Doch dann werden sie ungewollt Zeuge, wie der Konflikt in Amirs Familie eskaliert.

„Tigermilch“ ist eines der Bücher, die ich schon bald nach der Veröffentlichung gekauft und dann doch erst Jahre danach gelesen habe. In diesem Fall hat sich das Warten gelohnt, der Debütroman von Stefanie de Velasco ist nicht perfekt, dennoch fühlen ich und meine hohen Ansprüche sich zwischen den Seiten durchaus gut aufgehoben. Ein bisschen erinnert mich der Ton des Romans an das Debüt von Alina Bronsky „Scherbenpark“, ebenfalls ein Jugendbuch mit dem auch erwachsene Leserinnen etwas anfangen können. „Tigermilch“ ist vom Ton her sogar noch etwas rauer, etwas näher an der Jugend, deren Stimme es einzufangen versucht. Gleichzeitig ist das Buch aber auch ungewöhnlich verspielt und lässt seine Figuren zwar mehrmals gegen die Wand fahren, dann aber auch nahezu unbeschadet davon kommen.

Wir treffen die beiden Hauptfiguren in der Blütezeit ihrer Jugend, an diesem magischen Moment in dem sich junge Mädchen unsterblich und unverwundbar fühlen. Und so benehmen sich die beiden auch, trinken Tigermilch (Müllermilch + Weinbrand) als wäre es Wasser, gehen im Supermarkt klauen und am falschen Ende des Berliner Kurfürstendamm anschaffen. Als Leserin kann ich das dicke Ende schon kommen sehen, doch hätte ich nicht damit gerechnet, dass es jemanden das Leben kosten würde. Schon bald wird es ernst für die Freundinnen, doch platziert Stefanie de Velasco sie nicht im Auge des Sturms, sondern macht sie lediglich zu Mitwissern aus denen schon bald Komplizen werden. Denn hier treffen wie in den meisten sozialen Brennpunkten zwei Kulturen aufeinander und während die eine mit ihrem Gewissen ringt, kommt die Polizei zu rufen für die andere nicht in Frage.

Darüber hinaus hat jedes der Mädchen auch noch seine eigenen Probleme vor denen es in den Sommer und in die Straßen der Hauptstadt flieht, die beste Freundin immer mit dabei. Jameelahs Familie wird überraschend die Duldung gekündigt und ihr Leben in Deutschland scheint für immer vorüber zu sein. Doch die Heimat ihrer Eltern kennt sie nicht, will nicht dorthin zurück und ist doch machtlos angesichts der Bürokratie der Erwachsenen. Eine Bürokratie, die auch einen Freund der beiden Mädchen ins Jugendgefängnis wirft, obwohl er dort gar nicht hingehört. Als Leserin begleite ich die beiden Hauptfiguren auf Schritt und Tritt, suche mit ihnen Präsentkörbe aus und fahre in den Wald, um den unschuldig Verurteilten zu besuchen. Für die Mädchen eine wunderbare Ablenkung von den eigenen Schwierigkeiten.

„Tigermilch“ begegnet seinen Figuren auf Augenhöhe und gibt ihnen auch dann Rückendeckung, wenn sie sich vollkommen daneben benehmen, sei es dass sie für einen Adrenalinkick ihren Leib und ihr Leben aufs Spiel setzen oder einen Mörder decken. Als Leserin bin ich nicht immer so offen, bin nicht immer auf der Seite der beiden Mädchen, besonders Jameelah macht es mir manchmal sehr schwer. Insofern schafft Stefanie de Velasco es nicht so ganz eine wertfreie Atmosphäre entstehen zu lassen, in der ihre Figuren schalten und walten können, wie es ihnen gerade passt, ohne dass diese Leserin das Buch entnervt zur Seite legt – aber vielleicht hat sie das so auch gar nicht angestrebt. Was ihr stattdessen mit Bravour gelingt ist es diese Leserin zu fesseln, sie sich fragen zu lassen, wie das bloß alles ausgehen soll, sie hoffen zu lassen, dass sich doch noch alles zum Guten wendet oder zumindest der wahre Mörder am Ende für seine Taten büßen muss.

Insgesamt ist „Tigermilch“ also ein Roman, der zwar von Jugendlichen handelt, meines Erachtens nach aber nicht unbedingt auch für Jugendliche geschrieben wurde. Die Welt der Figuren ist mitunter so brutal, dass ich doch schwer hoffe die Autorin habe sich in der Beschreibung dieser kreative Freiheiten genommen. Mit unzähligen Grauschattierungen zeichnet sie das Bild einer Freundschaft, wie sie nur junge Mädchen miteinander verbindet. Eine Freundschaft, die für die Freundinnen auch schon mal zum Gefängnis werden kann, wenn die Loyalität der einen zur anderen nämlich das eigene Gewissen ausschaltet. Als Leserin fühlt man sich während der Lektüre ein bisschen so als säße man am Steuer eines Wagens der unaufhaltsam aus einer Kurve hinaus steuert. Dieses Gefühl kann dabei sowohl erschreckend als auch erhebend sein.

Tigermilch – Stefanie de Velasco – ISBN 978.3.462.04573.4

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Für Leserinnen, die…

  • …eine bewegte Jugend haben/hatten.
  • …sich auch in moralischen Grauzonen wohl fühlen.
  • …für ihre beste Freundin durch die Hölle gehen würden.

Literarische Nachbarinnen…

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(Feminismen) Alle Menschen sind gleich, aber manche sind nach wie vor gleicher als andere…

Wie genau ich auf dieses Buch gekommen bin, weiß ich mittlerweile gar nicht mehr so unbedingt. Was ich noch weiß, ist dass es eines Tages unter meinen amazon- Empfehlungen auftauchte und interessant klang. Mehr Gründe brauchte ich ehrlich gesagt nicht, um schon bald beherzt zum Buch zu greifen…

51myybd1c1l-_sx316_bo1204203200_In The Equality Illusion Kat Banyard argues passionately and articulately that feminism continues to be one of the most urgent and relevant social justice campaigns today. Women have made huge strides in equality over the last century. And yet: Women working full-time in the UK are paid on average 17 per cent less an hour than men 1 in 3 women worldwide has been beaten, coerced into sex, or otherwise abused because of her gender Of parliamentary seats across the globe only 15 per cent are held by women and fewer than 20 per cent of UK MPs are women 96 per cent of executive directors of the UK’s top hundred companies are men Structuring the book around a normal day, Banyard sets out the major issues for twenty-first century feminism, from work and education to sex, relationships and having children.

Auch wenn sich dieses Buch vor allem an Leserinnen aus Großbritannien richtet, kann man auch als Deutsche einiges an Weisheiten daraus mitnehmen. Denn auch wenn die Statistiken nicht übereinstimmen, haben die Britinnen doch auf ganzer Linie die gleichen Probleme wie deutsche Frauen; sie sind unterrepräsentiert in der Politik und in Führungspositionen, sie werden unverhältnismäßig oft Opfer von häuslicher und sexueller Gewalt, sie verdienen nicht ansatzweise so viel wie ihre männlichen Kollegen, sie verrichten trotz Vollzeitjob den Hauptteil von Kindererziehung und Haushaltsarbeit – gleichzeitig glauben aber auch viele von ihnen, dass der Feminismus alles erreicht hat, was er erreichen kann und mittlerweile überflüssig ist. Mir persönlich kommen diese Ungleichheiten und Ansichten überaus bekannt vor, und das eben nicht nur aus meiner Zeit in Großbritannien.

Was Kat Banyard zunächst einmal mit ihren Buch „The Equality Illusion“ bezweckt ist, Schluss zu machen mit der Augenwischerei, die junge Frauen glauben macht, wir wären schon seit Jahrzehnten gleichgestellt und es gäbe nichts mehr für das wir kämpfen könnten oder sollten. Dies tut sie indem sie einen typischen weiblichen Tag beschreibt, inklusive all der Ungerechtigkeiten, die einer Frau aber niemals, oder nur äußerst selten, einem Mann, vom Aufstehen bis zum Zubettgehen, passieren. Es geht um Lohnungleichheit, die „zweite Schicht“ mit Küche und Kindern, häusliche Gewalt und den Beauty Terror, der manche Frauen nur geschminkt das Haus verlassen lässt und etliche mehr zu Dauerdiäten nötigt, einfach um sich als Mensch zu fühlen, der es wert ist geliebt und begehrt zu werden. Als Leserin koche ich innerlich vor Wut angesichts der Ungerechtigkeit und eines Systems, das zwar auf dem (Gesetzes)Papier gleiche Rechte zusichert, sie dann aber nicht konsequent im Alltag umsetzt.

Wie schon angedeutet finde ich den Aufbau von „The Equality Illusion“ äußerst clever und auch wenn man als Frau nicht von jeder hier beschriebenen Ungerechtigkeit persönlich betroffen ist, kann man sich doch gut in diejenigen Frauen hineinversetzen, die zum Beispiel das Unglück haben nach der Arbeit zu einem prügelnden Ehemann heimzukehren. All diese Beweise, dass Frauen auch heutzutage für ihre Rechte, bzw. dafür dass diese Rechte auch angewendet werden, kämpfen müssen, gelten meiner Erfahrung nach auch im deutschen Raum – für dahingehende Parallelen, sollten denn im privaten Umfeld nicht genügend Bespiele vorhanden sein, muss frau nur mal die aktuelle EMMA lesen, oder sich an die Medienberichte zur Aufschrei Debatte von 2013 erinnern.

Denn auch ohne akut körperlich bedroht zu sein, schleppen Frauen ihr Kreuz durch den Alltag und Kat Banyard macht dieses in ihrem Buch sichtbar, auch für diejenigen Leserinnen, die es aufgrund glücklicher Lebensumstände bisher leugnen konnten. Insofern ist dieses Buch erst der Anfang Deiner feministischen Erweckung, liebe Leserin. Gerne würde ich Dir sein deutsches Äquivalent vorstellen, doch das muss noch geschrieben werden – wer sich an dieser Stelle berufen fühlt, setze sich bitte an den Schreibtisch und los geht’s! Für alle anderen gilt Augen auf und weiterlesen, bis der Haaransatz glüht. Denn gegen Ende des Buchs wird Kat Banyard deutlich, die Welt ändert sich nicht von selbst, wer um die Ungerechtigkeiten – jegliche, nicht nur geschlechtspolitische – weiß, der oder die ist in der Pflicht seine/ihre Ärmel hochzukrempeln und etwas dagegen zu tun. Ich stelle hier dieses Buch vor, auch weil ich krankheitsbedingt leider nicht mehr tun kann – was machst Du?

Insgesamt ist „The Equality Illusion“ ein wunderbarer Anfang für Leserinnen, die sich feministisch bilden wollen, auch wenn sich das Buch auf Großbritannien und die dortige Politik bezieht. Denn es öffnet seiner Leserin die Augen für Missstände in Politik und Gesellschaft und den Graben, der zwischen den politisch zugesicherten Rechten und deren Anwendung im Alltag liegt. Das Buch lädt seine Leserin ein sich Zähne und Klauen wachsen zu lassen und verbissen für ihre Rechte auf gleiches Geld für gleiche Arbeit, gerechte Arbeitsteilung im Haushalt und körperliche Unversehrtheit zu kämpfen, sich mit anderen Frauen zu verschwestern und vor allem nicht länger weg zu schauen, auch wenn sie die Ungerechtigkeit des Systems im Moment vielleicht nicht direkt betrifft.

The Equality Illusion – Kat Banyard – ISBN 978.0.571.24627.4

Für Leserinnen, die…

  • …ihre rosarote Brille in den Staub treten wollen.
  • …Parallelen zwischen Deutschland und Großbritannien ziehen.
  • …den langen, steinigen Weg zur Gleichheit der Geschlechter bis zu Ende gehen wollen.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) In einer Liebe kann man nie nur einem die Schuld geben…

Die tragische Geschichte, welche diesen Roman inspiriert hat, ist mir seit meiner Lektüre von Sylvia Plaths im Grunde autobiografischem Werk „Die Glasglocke“ in Ansätzen bekannt. „Du sagst es“ versprach nun eine neue, noch nie gehörte Perspektive auf das Leben der Autorin. Und auch wenn diese reine Fiktion ist, war ich doch gespannt darauf mehr über das Ehepaar Hughes/Plath zu erfahren…

45013979zSylvia Plath und Ted Hughes sind das berühmteste Liebespaar der modernen Literatur – und das tragischste: Denn nach Sylvias Suizid im Jahr 1963 galt sie als Märtyrerin, hingegen ihr Mann als Verräter – eine Schuldzuweisung, zu der er sich zeitlebens nie äußerte. In dieser fiktiven Autobiographie bricht er sein Schweigen. Palmen lässt ihn auf seine leidenschaftliche Ehe zurückblicken und eine Liebe neu beschreiben.

Wer, wie ich, mit bestürzter Begeisterung „Die Glasglocke“ gelesen hat, der kennt die eine Seite dieser Geschichte sicher schon. In ihrem neuen Roman „Du sagst es“ beschreibt die niederländische Autorin Connie Palmen nun die andere Seite des Ehedramas Hughes/Plath, das mit dem Selbstmord der Letzteren und der Beschuldigung des Erstgenannten durch Medien, Kritik und frühere Freunde endete. Dies alles tat der literarischen Karriere und daraus resultierenden Unsterblichkeit des Dichters Ted Hughes keinen Abbruch, auch wenn oder vielleicht gerade weil er seine Seite der Geschichte nie erzählt hat, sich nie hat hinreißen lassen, mit dem Finger auf eine Frau zu zeigen, die sich nicht mehr wehren kann. Connie Palmen nimmt ihm das fast zwanzig Jahre nach seinem Tod nun ab und schildert die Ereignisse aus seiner Perspektive von den Anfängen der Ehe mit Sylvia Plath bis zu deren Tod.

Dabei scheint die Autorin Partei zu ergreifen für ihren Erzähler, seine Ehefrau dagegen kommt nicht gerade gut weg. Connie Palmen lässt Sylvia Plath neurotisch und selbstzerstörerisch wirken. In ihrem Roman ist sie es, die Ted Hughes in die Arme einer außerehelichen Affäre treibt mit ihrer Eifersucht und ihrem Kontrollzwang, mit ihrer Unfähigkeit ihn auch nur für ein paar Augenblicke loszulassen und mit ihrem unablässigen Bedürfnis nach Bestätigung. Zwischen den Seiten von „Du sagst es“ ist Sylvia Plath die psychisch labile Furie und ihr Ehemann Ted Hughes mehr Krankenpfleger als Liebhaber, zumindest in den späteren Jahren der Romanze, ständig darauf bedacht einen Zusammenbruch zu vermeiden, die Wogen zu glätten auf der dunklen See Plath und die eisige Beziehung zur Schwiegerfamilie etwas aufzutauen.

Und doch scheint Ted seine Sylvia zu lieben, will sie beschützen vor allem, was sie aus der Ruhe bringen könnte, verteidigt sie gegen jegliche Kritik und steht zu ihr, seiner ersten großen Liebe, mit einer Verbissenheit, die ihres gleichen sucht. Als Leserin begegnen mir zwischen den Seiten von „Du sagst es“ also zwei Geschichten. Zum einen ist da die Geschichte, welche die Autorin für mich zum Leben erweckt, die einer tobenden Ehefrau, die aus Eifersucht die Durchschläge der Gedichte ihres Ehemannes in Fetzen reißt. Zum anderen ist da die Geschichte, welche ich den Worten des Erzählers Ted Hughes entnehme, der bis zum bitteren Ende ein schwer nachvollziehbares Einfühlungsvermögen für seine neurotische Ehefrau aufbringt, ihre Launen verteidigt, ja oft sogar rationalisiert, und der es selbst nach ihrem Tod nicht zulässt, dass die beiden Kinder ihre Mutter vergessen.

Insofern fühle ich mich hin und her gerissen, gefangen zwischen zwei Extremen, und die Wahrheit liegt, so vermute ich, irgendwo dazwischen. War Ted Hughes nun ein treuherziger Ehemann, der von einer künstlerisch frustrierten Furie aus einer bis dahin vollkommen intakten Ehe getrieben wurde? Oder war er ein verkappter Romeo, der das unsichere Selbst seiner Frau derart auf die Probe gestellt hat mit seinen außerehelichen Abenteuern, dass diese in die Depressionen ihrer Jugendzeit zurück katapultiert wurde? Diese Frage lässt Connie Palmen offen, doch eines ist klar, was das Ehepaar Hughes/Plath anfangs in verzweifelter Liebe und wilder Leidenschaft zusammen schweißt, ist genau die Kraft, die in späteren Jahren die Kluft reißt, welche diese beiden Leben auf grausame Weise entzweien sollte.

Insgesamt bin ich mehr als beeindruckt davon, wie mühelos Connie Palmen es schafft die Erzählstimme und Perspektive von Ted Hughes einzufangen, auch wenn ihre Ausführungen etwas voreingenommen zu sein scheinen. Wer sich der Perspektive von Sylvia Plath verpflichtet sieht, den dürfte ihre Entzauberung zwischen den Seiten von „Du sagst es“ schwer treffen. Aus dem Nachwort jedoch entnehme ich, dass dieses Buch das Produkt einer ausführlichen Recherche ist; insofern scheint es zwar nicht die absolute, aber zumindest die nahe liegende Wahrheit über die turbulente Ehe von Ted Hughes und Sylvia Plath zu enthalten – ein weiteres Puzzlestück, aus dem jede Leserin für sich alleine ihre persönlichen Schlüsse über das Zusammenleben des tragischen Paares Hughes/Plath ziehen kann.

Du sagst es – Connie Palmen – ISBN 978.3.257.06974.7

Für Leserinnen, die…

  • …unter die Glasglocke schauen wollen.
  • …eine andere Perspektive auf die Tragödie der Sylvia Plath erlangen wollen.
  • …eine ähnlich turbulente Ehe führen.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Zwischen Mensch und Wolf liegt die Dämmerung…

Im Sommer 2011 bin ich Sarah Hall verfallen, damals durch ihren dystopischen Roman „The Carhullan Army“. Der Klappentext ihres neusten Romans lässt zwar einen ganz anderen Roman erahnen, als den von mir so geliebten, aber ich konnte trotzdem nicht umhin zuzugreifen und mal zu schauen, was Sarah Hall seit 2011 so getrieben, bzw. geschrieben hat…

Bei den Woelfen von Sarah Hall

Eigentlich wollte Rachel Caine nie mehr nach England und zu ihrer schwierigen Familie zurück. Die Wolfsexpertin lebt seit zehn Jahren in Amerika und geht in ihrer Arbeit auf. Doch dann stürzt das Angebot eines einflussreichen Lords, auf seinen Ländereien ein Wölfspärchen anzusiedeln, sie in Konflikte. Aber zu ihrer eigenen Überraschung sind ihre Heimkehr, eine ungeplante Schwangerschaft und die intensive Arbeit in der wilden Landschaft des Lake District die beste Medizin für ihre Seele. Sie kann sich sogar vorsichtig auf eine neue Liebe einlassen und kommt zur Ruhe. Bis ein unvorhergesehenes Ereignis die eigentlichen Motive ihres Arbeitgebers entlarvt.

In Sarah Halls fünftem Roman „Bei den Wölfen“ erzählt sie dieser Leserin die Geschichte einer emanzipierten Einzelgängerin, einer einsamen Wölfin, die im Laufe des Buchs nach und nach ihr Rudel und ihre Heimat findet, auch wenn sie sich zunächst nach Kräften dagegen wehrt. Hauptfigur Rachel Caine braucht nichts und niemanden, ich treffe sie in den Weiten der amerikanischen Wildnis, wo sie mit einer handvoll Kollegen ein Rudel Wölfe studiert. Das jedoch ist nur der Anfang eines Romans, der mich als Leserin an der Seite der Hauptfigur von Amerika nach England bis in die schottischen Highlands transportieren wird, immer auf den Spuren der Wölfe natürlich. Eine atemberaubende Reise, die die anfangs emotional abgekapselte Rachel für immer verändern wird.

Bleiben wir gleich beim Thema, die Hauptfigur von „Bei den Wölfen“ macht eine beeindruckende Entwicklung durch, von einer Frau, die andere Menschen auf Armeslänge von sich fern hält, sexuelle Abenteuer mit Fremden hat und den Kontakt zu ihrer Familie scheut, hin zu einer liebenden Mutter, die ihren Bruder in schweren Zeiten bei sich aufnimmt und mit einem alleinerziehenden Vater anbändelt. Es ist diese Veränderung, die im Mittelpunkt der Geschichte steht, die Wölfe sind da lediglich eine Nebensache, ein Grund für die Hauptfigur aus ihrer Komfortzone zu treten und zu ihren Wurzeln zurück zu kehren. Nach und nach verliert die Hauptfigur so ihre anfängliche Härte und wird sanfter, fraulicher, mütterlicher, ohne jedoch ihren anfänglichen Kampfgeist einzubüßen.

Stilistisch kann man an „Bei den Wölfen“ bei weitem nichts aussetzen. Die Erzählstimme ist formvollendet, ordnet sich der Handlung jedoch auf ganzer Linie unter. Das macht es dieser Leserin leicht sich auf das jeweilige Geschehen zu konzentrieren und vollkommen darin abzutauchen. Sarah Hall beschwört Bilder herauf von amerikanischen Wäldern, die einfach kein Ende nehmen wollen und englischen Moorlandschaften, grün und im Mondlicht dampfend – Beschreibungen, die bei dieser Leserin Sehnsucht wecken. Diese Beschreibungen urwüchsiger Natur und des Wolfsrudels, das sich darin tummelt, machen diesen Roman, dessen Handlung eher unscheinbar ist – verglichen mit Sarah Halls früheren Romanen – zu einem Erlebnis der Sinne. Als Leserin glaubt man den erdigen Geruch von Moos wahrnehmen zu können, das raue Fell der Wölfe unter den Fingern zu spüren und ihr vielstimmiges Geheul zu hören, wenn man nur angestrengt lauscht.

Was ich bei der Lektüre von „Bei den Wölfen“ vermisst habe, war der organische Verlauf der Geschichte. Immer wieder fährt Sarah Hall Wendungen innerhalb der Handlung auf, die so nicht unbedingt glaubwürdig scheinen und wohl mehr dazu dienen diesen gut 500 Seiten langen Schmöker nicht zu verkopft, ja vielleicht sogar langweilig erscheinen zu lassen. Besonders der Subplot um den vom rechten Weg abgekommenen Bruder der Hauptfigur wirkt forciert und dient wohl nur dazu die Hauptfigur wieder beziehungsfähig zu machen, bevor es ernst wird zwischen ihr und dem Tierarzt, der sich um die Gesundheit der Wölfe im Reservat kümmert. Als Leserin fühle ich mich ab und zu ein bisschen wie ein argloses Schaf, das von der Hütehündin Hall durch das Wolfsgehege gelotst wird und dabei bloß nicht vom vorgefertigten Weg abkommen darf, denn das wäre das Ende dieser Geschichte.

Insgesamt ist „Bei den Wölfen“ ein intelligenter und stilistisch ansprechender Schmöker, den ich persönlich jedoch nicht als das beste Buch der Autorin bezeichnen würde. Sarah Halls große Stärke ist ihre Fähigkeit eine glaubhafte, alle Sinne ansprechende Naturatmosphäre aufzubauen, in der diese Leserin mit Haut und Haar versinkt. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass sie der Geschichte und ihren Figuren dabei etwas mehr Spielraum für eine glaubwürdige, emotionale Entwicklung gelassen hätte, anstatt ihren Alltag mit Handlung zuzupflastern. Ansonsten habe ich jedoch nichts an diesem Buch auszusetzen; im Gegenteil „Bei den Wölfen“ ist für mich persönlich, trotz kleiner Macken und wegen der beeindruckenden Naturbeschreibungen, bei weitem der empfehlenswerteste literarische Schmöker des Lesejahres 2016.

Bei den Wölfen – Sarah Hall – ISBN 978.3.813.50679.2

Für Leserinnen, die…

  • …starke, unabhängige Frauenfiguren schätzen.
  • …selbst sehr naturverbunden sind.
  • …auf Sinnsuche, in der englischen „Wildnis“, gehen wollen.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Ja, ich habe meine Tage! So what?

Zum ersten Mal bin ich diesem Buch in der EMMA begegnet; diese hatte ein kleines Dossier zum Thema Menstruation und der nicht ganz neuen aber trotzdem topaktuellen freebleeding-Bewegung zusammengestellt. Teil dessen war auch ein Auszug aus dem Vorwort von „Ja, ich habe meine Tage! So what?“ – ein Buch, das ich daraufhin unbedingt lesen musste…

9783407864307Willkommen im Klub. Die Mitgliederzahl ist gigantisch hoch. Viele junge Gebärmutterträgerinnen müssen da durch, ohne genau zu wissen, was hier eigentlich vor sich geht. Und vor allem: was gegen dumme Sprüche hilft! Frech und unverkrampft verknüpft Skandinaviens bekannteste YouTuberin eigene Erlebnisse mit medizinischen Informationen und Tipps zu Tampons, Menstruationstassen & Co. Sie macht Mut, selbstbewusst mit dem eigenen Körper umzugehen, und verrät ihre besten Lifehacks, damit auch du aus deinen Tagen das Beste machen kannst.

So selbstbewusst, wie der Titel es proklamiert, konnte ich diesen Satz selbst leider nie aussprechen. Denn auch wenn ich verhältnismäßig offen mit meiner Menstruation umgehe, bin ich noch lange nicht so emanzipiert, wie ich es gerne wäre. Das Buch und sein Inhalt rennen bei mir also offene Türen ein, hinter denen sich seelische Zustände verstecken, die gerne mehr Rückgrat hätten. In ihrem Buch versucht die schwedische Video-Bloggerin Clara Henry also innere Menstruationshütten, in die sich auch westliche Frauen gerne mal verkriechen, wenn sie Monat für Monat wieder „unpässlich“ sind, einzureißen; damit die nächste Generation heranreifender Frauen sich gar nicht erst über unsichtbare Hürden kämpfen muss, sondern jeden Monat offen und selbstbewusst erklären kann: „Ja, ich habe meine Tage! So what?“

Dabei wendet sie sich vor allem an Jugendliche, vor und in der Pubertät, ebenso wie junge Erwachsene, die im Aufklärungsunterricht ähnliche Augenwischerei erlebt haben wie die Autorin selbst und denen daher wichtiges Grundwissen über den eigenen Körper fehlt, das es an dieser Stelle nachzuholen gilt. Ich las das Buch sowohl als interessierte Feministin, die eventuelle Wissenslücken füllen wollte und als potenzielle Mentorin einer neuen Generation von Frauen, die in einer Gesellschaft aufwachsen die alles daran setzt Frauenkörper von sich selbst zu entfremden. Mit jugendlich frechem Stil schreibt die 21-Jährige über ihre eigenen Erfahrungen während der allmonatlichen „Erdbeerwoche“, darüber wie sehr sie der schulische Aufklärungsunterricht enttäuscht hat, wann sie zum ersten Mal ihre Tage bekam und warum sie anfing darüber zu bloggen. In Schweden ist die Autorin übrigens trotz ihrer jungen Jahre eine Sensation und moderierte sogar im Rahmen der Vorauswahl für den Eurovision Song Contest.

Doch es geht in „Ja, ich habe meine Tage! So what?“ nicht nur um Clara Henry und ihre Menstruation, vielmehr leitet sie mit ihren persönlichen Erfahrungen Kapitel ein die alles abdecken von der ersten Menstruation, über Binden vs. Tampons, bis hin zu den Schattenseiten der Menstruation wie zum Beispiel PMS, Menstruationskrämpfe und der Autoimmunkrankheit Endometriose, die etwa jede 10. Frau betrifft und in schlimmen Fällen nur durch eine Hysterektomie in den Griff zu kriegen ist. Zu diesen und vielen weiteren Themen gibt Clara Henry mal mehr mal weniger ernst gemeinte Tipps, auch für etwas ältere Menstruierende, so zum Beispiel zum Sex während der Tage. Auch der feministische Ansatz kommt übrigens nicht zu kurz und Clara Henry hat trotz junger Jahre intelligente Einsichten über die sozialen Rollen von Männern und Frauen…

„Es gibt Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Ein Unterschied ist, dass ein Mann ein Mann ist und eine Frau aus mehreren Körperteilen besteht (…) Und für jedes Körperteil existiert ein eigenes Ideal.“

Darüber hinaus ist das Buch an sich auch noch sehr ansprechend gestaltet, sprich liebevoll bebildert und rotzfrech illustriert 🙂

Was mir persönlich an diesem Buch nicht so gefallen hat, ist dass die Autorin sich samt und sonders nur auf ihr eigenes aus Erfahrungen stammendes Wissen bezieht. Nirgendwo wird erwähnt wie lang zum Beispiel eine durchschnittliche Periode ist, ein gewisses Grundwissen der Leserin wird also vorausgesetzt – hier sind Erwachsene im Umfeld des jungen Mädchens in der Pflicht Aufklärung zu leisten, so peinlich es ihnen auch sein mag. Lediglich der Abschnitt über Endometriose scheint recherchiert, darüber hinaus bin ich ein bisschen schockiert, dass ich als Leserin hier und da mehr weiß als die Autorin eines Buchs, das für sich selbst den Anspruch erhebt aufzuklären. Clara Henry hätte gut daran getan ab und zu über den Rand der eigenen Binde hinaus zu schauen, vielleicht sogar Verwandte, Freundinnen und Bekannte zu ihren Tagen zu befragen. Das jedoch hat sie bei all ihrem Enthusiasmus für das Thema leider auf ganzer Linie versäumt.

Insgesamt ist „Ja, ich habe meine Tage! So what?“ jedoch ein guter Anfang für diejenigen, die gerade erst in das Abenteuer Frau starten. Clara Henry begegnet ihren Leserinnen auf Augenhöhe und mit viel Humor, der das für viele Mädchen und Frauen schamhaft besetzte Thema angenehm auflockert. Sie animiert ihre Leserinnen dazu sich mit dem eigenen Körper und dem monatlichen Ereignis der Menstruation zu befreunden oder zumindest damit Frieden zu schließen, PMS und Menstruationskrämpfe als notwendige Übel zu begreifen und nicht länger zu schweigen, auch wenn andere manchmal etwas peinlich berührt sind. Für mentruationserfahrene Leserinnen hält „Ja, ich habe meine Tage! So what?“ allerdings wenig Neues bereit. Insofern empfehle ich es als Geschenk für Töchter, Nichten und kleine Schwestern, die lernen möchten, wie frau selbstbewusst mit ihrem Körper und seinem Zyklus umgeht.

Ja, ich habe meine Tage! So what? – Clara Henry – ISBN 978.3.407.86430.7

Für Leserinnen, die…

  • …dem pubertierenden Mädchen in sich etwas Gutes tun wollen.
  • …eine Schwester/Tochter/Nichte, an der Schwelle zum Frauwerden, haben.
  • …sich nicht länger für ihre Menstruation schämen wollen.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Auch in trüben Zeiten gibt es jeden Tag etwas Gutes oder Schönes, mag es auch noch so unscheinbar sein…

Banana Yoshimoto gehört bei mir alle Jahre wieder schon zur literarischen Routine. Denn seit ich vor ein paar Jahren „Der See“ gelesen habe, lasse ich keine ihrer Neuerscheinungen aus. Deshalb fand auch „Lebensgeister“ kurz nach der Veröffentlichung den Weg in mein Bücherregal; und dort stand es nicht lange, bevor ich es zur Hand nahm und an nur einem Tag verschlang…

51-ww1ygcel-_sx321_bo1204203200_Nach einem schweren Unfall und dem Verlust ihres Geliebten ist Sayoko nicht mehr sie selbst. Sie hat das Zwischenreich der Geister betreten und Geheimnisse der unsichtbaren Welt erfahren. In der Tempelstadt Kyoto lernt sie allmählich das Leben so zu akzeptieren, wie es ist: voller Ungewissheiten und Rätsel, dem Tod immer nahe, ob man jung ist oder alt. Aber sie begreift auch, wie einmalig und geheimnisvoll das Diesseits ist.

Bei der japanischen Schriftstellerin Banana Yoshimoto weiß man als Leserin, was man kriegt. Ihre Bücher gleichen sich in ihrer Erzählstimme, oft ist es die einer jungen Frau auf der Suche nach sich selbst, und in der Magie, die sich wie ein roter Faden durch den Alltag der Hauptfiguren zieht. In den Romanen von Banana Yoshimoto ist der Tod selten das Ende des Lebens und so verhält es sich auch mit ihrem neuen Werk „Lebensgeister“. Hier ist der Tod sogar erst der Anfang der Geschichte, zumindest für die Erzählerin. Diese überlebt nämlich nur knapp einen Autounfall bei dem die Liebe ihres Lebens, ein bildender Künstler aus Kyoto, ums Leben kommt. Detailreich beschreibt Banana Yoshimoto, wie ihre Hauptfigur von einer Eisenstange durchbohrt wird, und erinnert mich dabei etwas an das tragische Schicksal der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo.

Dann jedoch befreit sich Banana Yoshimotos Handlung wie gewohnt von den Fesseln des Realismus, indem ihre Hauptfigur in ein Zwischenreich entschwebt, wo sie ihren verstorbenen Großvater trifft. Diese Begegnung stimmt mich als Leserin schon einmal darauf ein, was mich im Laufe des Romans erwartet; auf philosophische Betrachtungen über das Leben und den Tod, ebenso wie Begegnungen der anderen Art. Doch auch wenn es im Folgenden zwischen den Seiten von „Lebensgeister“ nur so von eben diesen wimmelt, bleibt die Angst vor dem Übernatürlichen, dem Unerklärbaren, die Geistergeschichten normalerweise in mir auslösen, aus. Denn Banana Yoshimoto bettet mich in ihren typischen spannungsarmen Erzählstil wie in Watte und das nächtliche Toben der unruhigen Seelen, die sich im Schlafzimmer der Hauptfigur tummeln, wird so zum Hintergrundgeräusch.

Ein bisschen erinnert mich dieser Roman, sowohl vom Ton als auch vom Schauplatz her, an Banana Yoshimotos vorletzte deutschsprachige Veröffentlichung „Der See“. In beiden Büchern befinden sich die Hauptfiguren größtenteils außerhalb der Großstadt, an Gedenkstätten und in öffentlichen Bädern, die ihr Wasser aus heißen Quellen schöpfen, sogenannten Onsen (google das mal, es sieht traumhaft entspannend aus). Diese Schauplätze entschleunigen die Handlung und transportieren die Leserin in eine andere Welt, in der die Handlung selbst weichgezeichnet scheint. Banana Yoshimoto versteht es dabei nur zu gut diese atmosphärisch beeindruckenden Landschaften zu einem Crescendo aufzuwirbeln, das über die bloßen Worte hinweg alle Sinne der Leserin erreicht. Die Natur selbst wächst über sich hinaus und erhält etwas geisterhaftes, jedoch nie gruseliges oder gar unwirkliches.

Langsam schreitet die Handlung voran, scheint zu schlafwandeln, während die Hauptfigur sich nicht zu lösen weiß, von der geisterhaften Präsenz ihres Liebhabers und dessen künstlerischen Erbe. Sie ist dabei nicht die einzige, die mit der Nachwelt, einer Zwischenwelt der Seelen, in ständigem Kontakt steht. Auf ihrer Reise ans Ende der Geschichte, an den Punkt an dem sie endlich genügend Kraft gesammelt hat um loszulassen, trifft sie Trauernde und Träumer, allesamt einsame Herzen, die geliebte Menschen verloren haben. In ihrem Roman „Lebensgeister“ macht Banana Yoshimoto dieses schwammige, nur schwer vermittelbare Phänomen der Trauer für ihre Leserinnen greifbar. Und manch eine mag sich wiedererkennen in dieser Welt voller Geister. Denn wer trauert sieht sie überall, an den Orten die man mit vergangenen Menschen geteilt hat, sowie in schier unerträglichen Momenten der Stille.

Insgesamt bleibt Banana Yoshimoto sich und ihrem charakteristischen Stil in ihrem neuen Roman auf ganzer Linie treu, was Freunde dieser Autorin freuen wird. Für mich persönlich gehört diese Spannungsarmut der Handlung zwar immernoch zu den Kritikpunkten, von der Lektüre der Romane der Autorin würde mich dieses Manko jedoch nie abhalten. Denn Banana Yoshimoto hat einiges zu erzählen über das Leben, das Lieben und oft auch über das Sterben, so zum Beispiel wieder in „Lebensgeister“. Ihre Ausführungen dienen mir persönlich als Denkanstöße und so philosophiere ich auch nach der Lektüre noch etwas weiter, und das nicht nur über das Ende des (jeweiligen) Romans. Insofern gehört die philosophische Fortbildung und Formung der Leserin zu den wiederkehrenden Merkmalen der Geschichten von Ausnahmetalent Banana Yoshimoto, diese eingeschlossen.

Lebensgeister – Banana Yoshimoto – ISBN 978.3.257.30042.0

Für Leserinnen, die…

  • …einen geliebten Menschen verloren haben.
  • …eine literarische Japanreise planen.
  • …das magische im Alltag entdecken wollen.

Literarische Nachbarinnen…

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In support of the radical notion that women are writers…