(Neuerscheinung) Wunderland von Sophie Albers

Ich sitze da und betrachte eine Horde Vollidioten, die völlig zu Recht Außenseiter sind. Warum will ich noch mal über die schreiben? Verdammt, sie ficken meinen Kopf.
Klappentext: Hanna hat ihr bürgerliches Leben im Griff. Sie hat einen guten Job und ist voller Gewissheiten. Bis sie Tamer trifft, den faszinierenden arabisch-stämmigen Macho mit der Goldkette, den markigen Sprüchen und den ganz anderen Wahrheiten. Hanna muss sich plötzlich fragen: Was ist Heimat, was Glauben, was Freundschaft? Wen rufe ich an, wenn meine Welt zusammenbricht?
Meine Meinung: Dieses Buch ist kurz und knackig, ein bisschen wie ein langer Artikel. 
In klarer unverschnörkelter Sprache, passend zu ihrer Karriere in den Printmedien, erzählt mir Sophie Albers die Geschichte von Hanna und Tamer. 
Hanna ist ihres Zeichens selbst Journalistin und soll in den Tagen der Rütli-Schule aufsässige Jugendliche mit Migrationshintergrund interviewen. Dann trifft sie Tamer, einen Mann Mitte zwanzig, palästinensischer Herkunft, der sich bereit erklärt für Interviews zur Verfügung zu stehen. So taucht Hanna über die Gespräche mit Tamer ein in dessen Welt, ohne jedoch ein Teil davon zu werden…
Das Buch fängt sehr verwirrend und bruchstückhaft an. Zunächst erfährt man, das Ende der Geschichte um Tamer und dann wird zurückgepult bis zum Anfang. 
Der Stil, in dem das Buch geschrieben ist, sich ausschließlich auf die Interviews konzentrierend und alles unwichtige zu den Charakteren, etc. weg lassend, wird einem beim Lesen schnell zur zweiten Natur. Und so liest sich dieses Buch sehr flüssig, obwohl der Inhalt aus Momentaufnahmen der Interviewerin und des Interviewten besteht. 
Tamer ist eine streitbare Figur, die mir als Leserin viel Kopf zerbrechen beschert hat. Zum einen hasse ich seine Macho-Art, wie er Menschen einteilt in Opfer und Ausländer oder Frauen, in Schlampen und Jungfrauen. Zum anderen möchte ich mir vorstellen, dass würde ich Tamer über den Weg laufen, er mich respektieren und mögen würde. 
Ich durchlebe beim Lesen quasi die gleichen Gefühlsschwankungen, wie die Hauptfigur Hanna auch. Sie idealisiert Tamer als neuzeitlichen Propheten, hat aber fortwährend das Gefühl sich zu irren und Tamer zu etwas hochzustilisieren, was er nicht ist.
Im Endeffekt bleibt die Beantwortung dieser Fragen zum Antagonisten Tamer am Leser hängen. Ist Tamer nun weise oder beschränkt? Sollten wir alle ein wenig mehr Tamer sein? Sollten wir verlangen, dass sich die Tamers dieses Landes endlich integrieren? Sind es vielleicht wir Deutschen, die die Tamers dieses Landes als Teil von uns akzeptieren müssen? Oder ist es dafür schon zu spät?
Ich bin da überfragt, lege aber jedem Leser, der sich für die Thematik Migration in Deutschland interessiert, dieses Buch ans Herz. Denn es macht nachdenklich, scheinbar ohne es darauf anzulegen.
Es ist kein Sachbuch und die Figur Tamer scheint der Prototyp des Migranten aus 2. Generation, aber ich habe das Gefühl, irgendwo da draußen in Berlin Neu-Kölln oder anderswo sitzt vielleicht ein Tamer oder Tamer-ähnlicher junger Mann herum und spielt Backgammon mit seinen Cousins, in einer von diesem türkischen Männerkneipen.
Fazit: „Ich glaub ich bin ein Gitarrenmädchen.“
Meine Lieblingszitate:
  • Manchmal ist es so als würde (Tamer) den Dingen die Verpackung nehmen.
  • Wenn jemand sagt, dass Paris eine Frau ist, dann ist Berlin ein  Mann, ein abgeklärter Kerl, der immer wieder aufsteht, egal, wie häufig er auf die Fresse kriegt, überhaupt nicht nostalgisch, dafür brutal und davon überzeugt, der Größte zu sein.

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