(Backlist) Tausend kleine Schritte von Toni Jordan

Die Quintessenz: Grace zählt alles, Schritte, Kuchenstücke, Zahnbürsten. Dann lernt sie Seamus kennen, und nach Jahren alleine verliebt sie sich wieder. Die Beziehung wird schnell ernst und Grace hat die Nase voll von den Zahlen, die ihr Leben bestimmen. Sie fängt eine Therapie an, doch die Medikamente nehmen ihr mehr als nur den Drang zu zählen.

Meine Rezension:

Für mich DER Frauenroman des Jahres. Wenn ich jemals ein Buch dieses Genres permanent mit meinem Regal verheirate dann dieses hier. Gut, ich bin nicht Frauenroman erfahren, aber ich gehe einfach mal so weit zu sagen – muss ich nicht sein!

Denn dieses Buch bietet alles, was einem ein gutes Stück Gegenwartsliteratur auch bietet, und mehr – nämlich Sex, (prescription) Drugs and – nun ja, Rock ‚N Roll sucht man hier zwar vergebens, dafür gibt es aber Zahlen, Zahnbürsten und Erfinder satt. Du siehst, ich bin immer noch ganz wuschig 😉

Die Ich-Erzählerin hat mein Herz erobert, mit ihrer Skurrilität und ihrer Schwärmerei für den Erfinder Nikola Tesla. Der eigentlich gar nicht so unattraktiv war, mal abgesehen von Schnurrbart und Fifi-Frisur (irgendwie sieht er ein bisschen so aus wie das „Love-Child“ von George Orwell und Ralph Fiennes).

Okay, genug des Geplauders über die Sex-Symbole des Industrie-Zeitalters, zurück zum Buch. Und das war, wie oben schon angedeutet, wirklich sehr gut. Ich finde es trifft genau den richtigen Ton zwischen Komik und Tragik. Zum einen hat man die leichtfüßige Liebesgeschichte, zum anderen das ernste Thema Zwangsstörungen.

Und dann gibt es obendrauf noch eine saftige Portion Philosophie/medizinische Ethik. Denn im Handlungsverlauf wirft die Autorin, mit Hilfe der Entwicklung ihrer Hauptfigur, die Frage auf, ob Psychopharmaka und eine mit ihrer Einnahme verbundene Sympthom-Minderung, die Nebenwirkungen und Persönlichkeits-Veränderungen rechtfertigen, die mit ihnen einher gehen.

Langer Satz und ein großes Ziel für dieses Buch, das man zunächst gar nicht, als eines der ernsteren erkennen mag. Mich erinnert diese Wendung stark an Mängelexemplar von Sarah Kuttner, die ebenfalls mit ihrer witzigen Schreibe ein ernstes Thema, in diesem Fall Depressionen, auflockert. Sowas lese ich gerne, da ich in Reinform eher zurück scheue vor zu viel Süße oder auch zu viele Bitterkeit in Büchern. Die Mischung macht dieses Buch einzigartig und lesenswert, und die Grundaussage gibt dem Leser Aufwind:

Normalität kommt in vielen verschiedenen Ausprägungen, finde Deine Nische im Leben, werde glücklich und scher Dich nicht darum, der Norm zu entsprechen.

Meine Empfehlung: Ich möchte dieses Buch jeder weiblichen erwachsenen Person ans Herz legen die gerne liest. Denn es hat wirklich für jeden Geschmack etwas zu bieten. Besonders schön und bestärkend wird die Lektüre für diejenigen sein, die sich intensiv mit dem Thema psychische Störungen (bzw. was ist schon normal) auseinandersetzen möchten.

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13 Kommentare zu “(Backlist) Tausend kleine Schritte von Toni Jordan”

  1. Hallo Katarina

    Für mich war das Buch auch ein Absolutes Highlight gewesen.
    Ich bin auch so ein kleiner Nikola Tesla Fan und habe mich Wahnsinnig gefreut das er in dem Buch eine Rolle hat. =)

    Auf jeden Fall ein Buch das man jedem nur weiter Empfehlen kann und einen den Einblick auf ein Leben mit Zwängen gibt. Psychopharmaka helfen bei dieser Angelegenheit nur bedingt. Psychopharmaka sind evtl. im Kriesen Situation notwendig aber wer will schon sein Leben lang in Watte gepackt sein? Und ich spreche aus Erfahrung, meiner Meinung nach machen diese Tabletten alles nur noch schlimmer.
    Lieber eine gute und oft lang dauernd Tiefenherapie als sehr starke Persönlichkeits Veränderungen und Massenweise Nebenwirkungen. Was in diesem Buch besonders gut beschrieben ist.

    LG Sumpflicht

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    1. Ich kenne Tesla seit dem Film „Prestige-Meister der Magie“, da war auf der DVD eine Mini-Doku zu Tesla. Es ist echt faszinierend, was er so alles erfunden hat, und dabei ist er gar nicht so bekannt dieser Tage.

      Ich fand es ganz schön erschreckend, was die Pillen mit Grace’s Gehirn angestellt haben. Ich stimme Dir zu, oft sind die Nebenwirkungen den Einsatz von Psychopharmaka nicht wert. Das muss dann jeder für sich entscheiden, ob er wirklich so unter den Symptomen etwaiger Störungen leidet, dass er es in Kauf nimmt einen Teil seiner selbst zu verlieren.
      Viele Störungen wären gar kein Hindernis mehr, wenn die Betroffenen ihren Alltag darauf anpassen würden. Grace schafft es am Ende ja auch einen Platz für sich zu finden 😉

      Dieser Tage werden zu leichtfertig Medikamente verschrieben.
      Bei organischen Krankheiten des Gehirns ist das natürlich anders, da besteht die Notwendigkeit zur Medikation, damit der Betroffene keine Gefahr ist für sich und andere.
      Ich bin froh, dass dieses Buch, trotz Liebesgeschichte, das Thema Medikamente nicht romantisiert. Eine überaus gelungene Auseinandersetzung mit dem Thema 😀

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  2. Hallo liebe Bücherphilosophin,
    ich bin eigentlich eher eine deiner stillen „Mitleserinnen“, aber bei so einer tollen Rezension muss ich mich auch mal bei dir bedanken 🙂 Also: Danke für die tolle Buchvorstellung – ich habe vorher noch nie etwas von „Tausend kleine Schritte“ gehört, aber jetzt ist das Buch sofort auf meine Leseliste gewandert! Da ich „Mängelexemplar“ auch schon sehr mochte, kann es ja nur gut werden!
    Liebe Grüße von deiner Bücherdiebin, die mal wieder glücklich einen Buchtipp gestohlen hat

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    1. Es freut mich sehr, dass Dir meine Rezension gefallen hat 😀

      Und auch, dass Du Dich mal zu Wort gemeldet hast. Ich hab selbst nicht immer was zu sagen, wenn ich meine Blog-Runde mache. Aber es ist immer wieder schön zu hören, wenn jemandem meine Rezension gefallen hat.

      Ich hab das Buch eher zufällig entdeckt, und wegen des schönen Covers den Klappentext gelesen. Dann fiel mir die Ähnlichkeit zu „Mängelexemplar“ auf. Der große Unterschied ist, dass dieser Roman klar gegen Psychopharmaka argumentiert, während das bei „Mängelexemplar“ ja anders ist.

      Du kannst hier gerne weiter Bücher stibitzen, dafür sind die Empfehlungen schließlich da 😉

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    1. Ich bin auch keine Frauenroman-Leserin und mag es gar nicht, wenn meine Lektüre zu kitschig wird.
      Dieses Buch ist also quasi der Frauenroman, für Frauen, die eigentlich keine Frauenromane mögen 😉

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    1. Mach ich doch gerne 😉
      Ich freu mich immer wie’n Elch, wenn ich jemanden dazu animieren kann ein von mir geliebtes Buch zu lesen 😀

      Wenn Du es sowieso schon auf dem SUB hast, dann ist die Zeit dafür gekommen. Ich hoffe es gefällt Dir genauso gut wie mir 🙂

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  3. Oh Danke für die tolle Rezension. Ich stand letztens vor dem Buch (eher virtuell gesehen, nicht wortwörtlich – Amazon) und fand den Klappentext sehr ansprechend. Ich mag Menschen die Ticks haben wie zählen. Aber dieses Frauenroman-Dings hat mich irgendwie dann doch abgeschreckt.

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    1. Es ist kein schnulziger Frauenroman, das kann ich Dir versichern – um die Dinger mache ich einen großen Bogen.
      Also kannst Du Dich ruhig trauen es auf den SUB zu packen, wenn Du mal wieder davor stehst 😉

      Im Buch gibt es übrigens einige lustige Passagen aus der Selbsthilfegruppe von Grace, wo alle anderen einen Wasch-Tick haben und sich z.B. gegenseitig erklären, wie man am besten eine Klo-Spülung mit dem Fuß betätigt.

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