(Reread) Das Gesicht des Mondes von Alice Sebold

When all was said and done, killing my mother came easily.

Kurz zur Handlung…

Helen, ein Aktmodell mittleren Alters und Mutter von zwei erwachsenen Töchtern, erstickt ihre demenz-kranke Mutter mit einem Stapel Handtücher. Die Beziehung der beiden war nie einfach, denn Helens Mutter ist psychisch krank, hat es sich jedoch nie eingestehen wollen. Dies und noch einige andere Familiengeheimnisse werden zu Tage gefördert, während Helen beginnt die Leiche ihrer Mutter auf dem Küchenfußboden zu waschen.

Gedanken zum Buch…

Der erste Satz ist schon mal ein Schlag ins Gesicht, darum geht’s hier also merke ich, Muttermord. Und dann fängt das Grübeln an, ist dieses Thema denn was für mich, ich hab nichts gegen meine Mutter, werde ich mich denn überhaupt mit der Hauptfigur identifizieren können?! Wer an dieser Stelle beschließt das Buch zur Seite zu legen, dem entgeht ein atemberaubend guter Roman, und der möge sich nun bitte ein wenig dafür schämen 😉

Denn es ist es wert sich durch das erste Kapitel zu kämpfen und vor der Beschreibung des Mordes und der Waschung der Leiche nicht die Augen zu verschließen. Schließlich ist das nur der Anfang des Romans und es geht beeindruckend weiter. Alice Sebold entwirft in ihrem dritten Buch das Psychogramm einer Mutter Tochter Beziehung, die sich stark an Sebolds eigene Kindheitserinnerungen anlehnt – nur dass ihre Mutter natürlich noch lebt.

The Moon is whole all the time, but we can’t always see it. What we see is an almost moon or a not-quite-moon.

Roh und ungeschönt wird in die Zeit zurück geschaut, bevor Tochter Helen aus dem Haus ging und dann später in diese in der sie zurück kam um die alte verwitwete Mutter zu pflegen. Alice Sebold beweist eine Detailgenauigkeit, mit der sie ganz klar darstellt, wie in zerstörerischen Beziehungen eins zum anderen kommt und diese schlussendlich eskalieren lässt. So rollt sie die Geschichte von hinten auf, fängt mit einem Mord an und erklärt anschließend warum er geschehen konnte, ja fast schon musste.

Helen ist keine liebenswürdige Heldin, wie man sie aus heiteren Frauenromanen kennt. Sie ist jung Mutter geworden, ebenso jung geschieden, praktisch veranlagt und ein wenig verhärmt. In folge ihrer langjährigen Arbeit als Aktmodell wirkt sie fast wie ein Körper ohne Kopf, auf Haut und Fleisch reduziert. Das alles macht ihre Tat und all das, was in der darauf folgenden Nacht noch geschieht umso glaubwürdiger. Trotzdem ist sie keine Figur, die man aus verschiedenen Gründen völlig ablehnt, denn schließlich lernt man sie im Laufe des Romans immer besser kennen und verstehen.

Other than murder and seduction, I’d limited my vices to such an extent recently that from just one inhale (of the cigarette), I felt an immediate rush.

„The Almost Moon“ hat wenig gemein, mit seinem Vorgänger The Lovely Bones. Auch wenn Alice Sebold sich wieder eine Gewalttat aussucht, mit der sie ihre Geschichte beginnt, ist die Grundaussage ihres zweiten Romans eine völlig andere. Mir kommt „The Almost Moon“ realistischer, aber auch ein bisschen hoffnungsloser vor. Man erhält einen Einblick in eine ausweglose Situation, in eine Familie, die sich liebt, aber deren Mitglieder sich doch gegenseitig zerstören, weil sie sich selbst nicht helfen können. Man erhält ein realistisches Bild davon, wie es sich anfühlt mit einer psychisch kranken Mutter aufzuwachsen, und davon wie schwer es ist sich von einer solchen Familie zu lösen.

Das mag sich alles so anhören, als wäre man gut beraten einen Bogen um diesen Roman zu machen. Doch ich halte dagegen, manche Bücher sind es wert sich den metaphorischen Verband abzunehmen, um auf die Wunde darunter zu schauen. Dies ist sicher nicht Alice Sebolds schönster Roman, aber in vielen Bereichen ist er der beste.

Kurz gesagt… Ein Roman für Leser, die ihr Steak blutig mögen und keine Angst davor haben, sich mal eine literarische Welt anzuschauen, die nicht nur aus Zuckerwatte und Regenbogen besteht.

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8 Kommentare zu „(Reread) Das Gesicht des Mondes von Alice Sebold“

  1. Ich liebe deine Bücherwahl. Deine Rezensionen machen mich immer neugierig und stoßen mich auch gerne mal in andere Genres.

    Alice Sebold sollte ich auch mal lesen. Vor allem, nachdem die Kirsche und ich „in meinem Himmel“ gesehen haben. Der Film war ja so traurig und soo gut gemacht (sagt die, die das Buch dazu nicht kennt – man möge es mir verzeihen 😉 )

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    1. Ich lese gerne Bücher, die nicht jeder kennt. Das gibt mir die Chance als erste wahre Schätze zu entdecken und dann weiter zu empfehlen 😉
      „The Almost Moon“ steht sehr im Schatten von „In meinem Himmel“, dabei ist es genauso lesenswert, nur ein bisschen anders – auch weil die Hauptfigur deutlich älter ist als Suzie Salmon 😉

      Das Buch „In meinem Himmel“ zu lesen lohnt sich auf jeden Fall. Es kam mir, im Vergleich zum Film, viel hoffnungsvoller und versöhnlicher vor – aber sehr gerührt war ich am Ende natürlich trotzdem 🙂

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  2. Hach,lesen oder nicht lesen… Auf einer Seite reizt mich das Buch nach deiner Rezension und weil es mal etwas ganz Neues thematisiert. Andererseits weiß ich nicht, ob ich mich mit der Muttermordthematik anfreunden kann. Aber ich liiiebe Bücher, die so etwas wagen. Hach, ich werde wohl noch weiter grübeln, allerdings sehe ich so langsam wieder ein Buch auf meine Wunschliste wandern … 😀

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    1. Der Mord an sich ist eine sehr unblutige Szene, die anschließende Waschung der verstorbenen Mutter ist etwas an der Grenze. Aber Alice Sebold schafft es trotz Kontroverse nicht geschmacklos zu werden.
      Das Buch behandelt hauptsächlich die gestörte, bzw. zerstörerische Beziehung der Mutter und ihrer Tochter und wie die psychische Krankheit der Mutter die ganze Familie ins Unglück stürzt.

      Wenn Dich diese Thematik reizt, der Mord an der Mutter aber einen Schritt zu weit geht, kann ich Dir noch den Roman „Homework“ von Suneeta Peres da Costa ans Herz legen. Den hab ich Anfang/Mitte August gelesen und vor ein paar Tagen auch rezensiert und der ist ebenfalls sehr lesenswert 😀

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  3. Deine Rezi zu „Homework“ hatte ich neulich auch gelesen und fand den Inhalt auch interessant. Allerdings sollte ich wohl erst einmal in das Buch reinlesen, wenn der sprachliche Stil wirklich so sperrig ist. 😉

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    1. Da hast Du sicher recht.
      Ich hätte Dir an dieser Stelle so gerne einen Leseproben-Link geboten, aber weder der Rowohlt Verlag noch Bloomsbury haben Suneeta Peres da Costa noch als Suchbegriff verfügbar 😦
      Daraus schließe ich, dass es wohl erstmal kein neues Buch der Autorin geben wird. Irgendwie schade, aber vielleicht findet sie ja einen neuen Verlag.

      Vielleicht hat die Buchhandlung Deines Vertrauens ja eine Ausgabe zum reinlesen 😉

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