(Originalausgabe) The Carhullan Army von Sarah Hall

My name is Sister.

Kurz zur Handlung…

Sister, deren richtiger Name unbekannt bleibt, macht sich auf die Suche nach der Farm Carhullan. Dies ist ausschließlich von Frauen bewohnte Enklave im Norden des post-apokalyptischen Englands. Obwohl Sister nicht sicher ist, ob es Carhullan überhaupt noch gibt, drängen sie die Zustände in ihrer Heimatstadt Rith sie dazu diese zu verlassen. Doch als sie im lang ersehnten Carhullan ankommt, ist dieses nicht das Paradies auf das Sister gehofft hatte.

Gedanken zum Buch…

Dieser Roman ist rau, ungeschliffen und erinnert vom Ton her stark an Orwells 1984. Mich hat die Geschichte um Sister und die Bewohnerinnen von Carhullan von der ersten Seite an gefesselt. Denn schon der erste Absatz ist so intensiv und unnachgiebig, wie der Rest des Romans, den man an dieser Stelle schon erahnen kann.

Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass es sich bei diesem Buch um die beste Dystopie handelt, die ich je gelesen habe, und ganz bestimmt um eine an der ich jedes weitere Buch im Genre messen werde. Denn es ist vor allem ein Buch für Frauen, aber auf keinen Fall ein Frauenroman. Die Protagonistinnen, welche Sarah Hall in ihrem Roman agieren lässt, sind allesamt vom Leben gezeichnet und auf der Suche nach einer alternative zu einer Welt in der die zivile Reorganisation Englands Frauen wieder zu Objekten gemacht hat, entrechtet und ihrer körperlichen Integrität beraubt.

This was not England, everyone said. This was some nightmarish version that we would wake from soon.

Die Passagen in denen auf die Zustände in der Welt der Carhullan Army Bezug genommen wird, sind keine leichte Kost und Genre-typisch beschreibt Sarah Hall ein hartes Leben, in einer feindlichen Welt. Die Enklave, welche sich einige Frauen auf Carhullan aufgebaut haben, in der sie all ihr Essen selbst anbauen und den ganzen Tag harte körperliche Arbeit verrichten, um unabhängig von den Machthabern Englands zu bleiben, wirkt dagegen wie ein warmer Kokon. Denn die Abstriche im Lebenskomfort werden von den Frauen gerne gemacht und sie sind glücklich mit ihrem freien, selbstbestimmten Dasein auf Carhullan.

Ich schreibe von den Frauen Carhullans im Kollektiv, da die Hauptfigur und Erzählerin durch den gesamten Roman hindurch namenlos und dabei auch etwas schwammig bleibt. Sie beschreibt zwar ihre Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse, aber trotzdem scheint sie für den Leser nur schwer greifbar. Man ertappt sich dabei, wie man Sister nicht auf ihrer Reise begleitet, sondern mehr und mehr zu Sister wird. Dass man die Perspektive der durchweg etwas unwirklichen Erzählerin als seine eigene annimmt. Ich kämpfte mich nach Carhullan durch. Mir blieb die Luft weg, im Angesicht des Charisma der Leiterin Jackie Nixon. Ich lernte meine Arbeitskollegin Shruti kennen und lieben. Ich entschloss mich mit der Carhullan Army in den Kampf zu ziehen, gegen das System und für die Freiheit.

We’ve become used to waiting, hoping to be saved, hoping those in charge will reform and reform us. It’s the sickness of our breed. And it has become our national weakness. Sisters, no one is going to help us. There is only us.

Es fällt mir gleichzeitig schwer diese Wandlung rückgängig zu machen, von diesem Roman zurück zu treten, den Buchdeckel zuzuklappen und zu merken, das war’s. Denn ein Teil von mir ist Sister, wenn auch nicht in Carhullan, wird immer Sister bleiben. Ich bin eine Frau, auf der Suche nach Freiheit, mit dem Wunsch nach einem selbstbestimmten, sinnvollen Leben im Herzen. Und im Grunde ist es das, was Sarah Hall hier beschreibt. Auch wenn es in einer fiktiven Version Englands spielt, geht es doch darum, was es heißt Frau zu sein und erinnert die Leserin so an ihre eigene innere Stärke.

Nachdem ich den letzten Satz gelesen hatte, blieb ich sprachlos sitzen und konnte nicht viel mehr, als das Buch festzuhalten, als eine Welle aus schwer zu beschreibenden Emotionen über mir zusammen brach. Vielleicht war es Rührung oder Entrüstung oder Kampfgeist oder Rastlosigkeit oder Bestürzung, aber vor allem war es das Wissen gerade ein ganz besonderes Buch gelesen zu haben.

My name is Sister. I am second in council to the Carhullan Army. I do not recognise the jurisdiction of this government.

Kurz gesagt… Dieser Roman ist, besonders für Leserinnen, eine überaus empfehlenswerte Dystopie, die mitreißt und aufwühlt und auch nach der Lektüre des Buchs in Kopf und Herzen verbleibt.

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12 Kommentare zu “(Originalausgabe) The Carhullan Army von Sarah Hall”

    1. Diese Dystopie ist, wie man im amerikanischen so schön sagt „right up my alley“ – ich finde diese ganze „Frauen als Schwestern gründen eine Enklave und wehren sich gegen den feindlichen Staat“-Thematik sehr ansprechend.
      Vielleicht kennst Du ja „Die Kluft“ von Doris Lessing, das ist ähnlich – nur ist „The Carhullan Army“ weniger experimentell und romanhafter 🙂

      Auch wenn Du diese Dystopie nicht für die Challenge von Caro wertest, würde ich sie an Deiner Stelle trotzdem lesen – es sind nur 200 Seiten, das kann man an einem Wochenende spontan mal dazwischen schieben 😉
      Und ich garantiere Dir Du wirst es nicht bereuen 😀

      Eine weitere sehr gute Dystopie zum Thema Demografie und Überalterung der Gesellschaft ist übrigens „Die Entbehrlichen“ von Ninni Holmqvist – vielleicht hast Du das ja schon auf Deiner Liste. Ansonsten kannst Du hier nochmal vorbei schauen:

      http://buecherphilosophin.wordpress.com/2011/07/27/r%C9%AA%CB%88vju%CB%90-die-entbehrlichen/

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      1. Das kenn ich auch noch gar nicht – was Dystopien anbelangt, so habe ich bisher vorwiegend Jugend-Dystopien gelesen – angefange bei Panem, was mir ziemlich gut gefallen hat. Aber ich glaube, ich sollte in dieser Hinsicht ein wenig weiter blicken ;-).

        Ach und – mit Deinem bevorstehenden Umzug suchst Du nicht zufälligerweise fürsorgliche Abnehmer für das eine oder andere Buch ;-)?

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    2. Es gibt viele sehr lesenswerte Dystopien im Bereich allgemeine Literatur, viele davon haben auch sozial-kritische Ansätze – das gibt’s in Jugend-Dystopien ja eher nicht.
      (Die Liebe kommt aber auch nicht zu kurz, sowohl in „The Carhullan Army“ als auch in „Die Entbehrlichen“ und sicher auch in vielen anderen ;))

      Leider werden Dystopien für erwachsene Leser diesere Tage durch den YA-Dystopien Hype ein wenig in den Schatten gestellt, aber wo ich welche erspähe, lese und bespreche ich sie hier. Denn ich hab das Genre seit Challenge Start richtig lieb gewonnen 🙂

      Das spannende an den Challenges ist es für mich sich mal in literarische Gefilde zu wagen, die man sonst nicht für sich in Anspruch genommen hätte und dabei ein paar wahre Schätze zu entdecken – daher hab ich mich auch bei einer ganzen handvoll davon angemeldet 😉

      Was meine ausgelesenen Bücher anbetrifft, muss ich Dich leider enttäuschen. Beide Dystopien gehören zu meinen Lieblingsbüchern und die geb ich nie wieder her 😀
      Aber so ein Taschenbuch kostet ja zum Glück nicht die Welt – und das gibt’s dann auch ganz ohne Leseknicke im Rücken – meine Bücher sehen da schon etwas ramponierter aus 😉

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      1. Na – das wäre ja zu schön gewesen ;-). The Carhullan Army werde ich aber dank Deiner Empfehlung auf jeden Fall lesen. Das ist immer das Schöne an Challenges – dass man auch auf die Buchempfehlungen von anderen aufmerksam wird!

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    1. Ich hoffe Dir gefällt der Roman genauso gut wie mir.
      Ich werde mir bald weitere Romane von Sarah Hall zulegen – die Frau kann schreiben, ich bin begeistert 😀

      Leider sind einige der Romane, die ich hier bespreche noch nicht auf Deutsch erschienen, das sollte aber niemanden davon abhalten sie zu lesen.
      Es ist eine überaus unterhaltsame Möglichkeit sein Englisch aufzubessern 😉

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