(Klassiker) Die Ballade vom traurigen Café von Carson McCullers

Wie schon bei Die verlorene Ehre der Katharina Blum von Heinrich Böll, maße ich mir nicht an über die Qualität von Carson McCullers Prosa zu diskutieren – der Fakt, dass sie Jahrzehnte nach Tod der Autorin noch immer gelesen und geliebt wird, spricht meines Erachtens für sich. Worüber ich statt dessen schreiben möchte ist mein Erlebnis mit dieser Novelle, das Kronjuwel einer Erzählungs-Sammlung gleichen Titels. Bis zuletzt hatte ich gewartet mit dieser Geschichte und mich so schon etwas mit Carson McCullers Stil bekannt gemacht. Sie schreibt ganz offen, ehrlich, unbeschönt über oft schwierige Charaktere oder Charaktere, die sich mit kuriosen Figuren herum schlagen müssen. Diesen Stil trägt sie natürlich auch in Die Ballade vom traurigen Café.

Zunächst musste ich mich etwas hinein denken in Carson McCullers Welt der Gescheiterten, doch glücklichen Charaktere. Man trifft sie alle, so wie sie einander, nach einer Enttäuschung, einer Niederlage, einem Rückschlag und sie suchen Zuflucht, oft ganz wörtlich, bei einander, wie auch im Kopf des Lesers. So schaffen sie sich eine eigene Welt in der anders zu sein von Vorteil ist und man nur den nötigen Ehrgeiz braucht um etwas auf die Beine zu stellen. Doch diese Welt steht auf gläsernen Füßen, ist zu zerbrechlich um dem rauen Alltag der Charaktere stand zu halten. Manche von ihnen entpuppen sich als weit weniger harmlos, als zunächst angenommen, als ihre äußere Erscheinung es dem Leser suggeriert. Was das Café in dieser Ballade zu einem traurigen Ort macht, ist die Hoffnung auf bessere Zeiten, die sich kurz zeigen und dann auf immer dahin schwinden, die Liebe welche bei McCullers in diesem Fall alles zerstören kann, da sie Charaktere schwach macht, für die Schwäche der Untergang sein wird.

Dies und mehr macht die Erzählung so pointiert, wie sie bei McCullers seit jeher ist. Der Stich ins Herz sitzt und geht nicht mehr weg, da man das Ende gesehen hat, nicht verhindern konnte, so als wäre man einer der Gäste des traurigen Cafés, die sich den Konflikten der Hauptfiguren nicht verschließen, sie aber gleichzeitig nicht für sie lösen können. Mein erstes Buch von Carson McCullers als Einleitung zu ihrem viel zu spärlichen Werk. In Verbindung mit den Kurzgeschichten besonders gelungen, da sich Entwicklungen in der Prosa und damit verbundene Anerkennung beim Leser abzeichnen.  Ob nun alleine stehend oder als Teil einer Sammlung, schätze ich Die Ballade des traurigen Cafés als Teil von Carson McCullers Werk. Eine Erzählung, die genau die richtige Länge hat und bei so manchem Leser, bei mir auf jeden Fall, etwas zum Klingen gebracht hat, was so schnell nicht wieder verstummen wird.

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4 Kommentare zu „(Klassiker) Die Ballade vom traurigen Café von Carson McCullers“

    1. Und keiner schreibt von den Gescheiterten so bezaubernd wie Carson McCullers 😉
      Freut mich, dass ich Dich als Leserin für diese Novelle gewinnen konnte 🙂
      Ich plane selbst bald mehr von McCullers zu lesen, besonders ins Auge gefasst habe ich „Das Herz ist ein einsamer Jäger“.

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  1. Schön – eine Carson Mc Cullers Liebhaberin. Ich habe letzthin „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ gelesen und finde es wunderbar, wie herrlich einfach, unprätentiös, aber deutlich und sensibel Mc Cullers über jene schreibt, die wir oft übersehen oder über die wir fast nie nachdenken. So schön und so wertvoll, so viele Worte, aber so still und so tief. Sie vermag den richtigen Ton zu treffen, deutlich bezieht sie Position, ohne mit dem politisch-moralischen Zeigefinger zu drohen – mit einer großen Liebe zu menschlichen Unzulänglichkeiten. Sie zeigt uns, was das eigentlich Wichtige ist – sie lernt uns einander besser wahrzunehmen, zu sehen. Die „Ballande…“ möchte ich auch noch bald lesen. Habe deinen Blog soeben entdeckt… Finde mich in deiner Lektüre wieder… Schönen Abend – Katja von @boutsomething

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  2. Ui, dieses Büchlein liegt auch noch auf meinem SuB, allerdings in der Originalfassung, was mich bis dato noch davon abgehalten hat. Jetzt, nach deiner tollen Rezi, bin ich wieder sehr neugierig darauf …

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