(Neuerscheinung) Drüberleben von Katrin Weßling

Ida hat seit Tagen weder geduscht, noch aufgeräumt, noch ihre Wohnung verlassen, als sie sich entschließt sich in psychiatrische Behandlung zu begeben, Diagnose: Depressionen. Aus den geplanten 6-8 Wochen werden schnell Monate in denen sie sich mit den Rädchen auseinandersetzt, die in ihrem Kopf nicht so ganz ineinander greifen. Dabei ist sie jedoch nicht alleine, denn in der Psychiatrie tummeln sich allerhand kuriose Gestalten, die alle auf der Suche nach einem glücklicheren Selbst sind.

Meine Gedanken zum Buch…

Dieses Buch hat mich mit seiner Sprachgewaltigkeit und ungeschönten Darstellung der tristen Welt einer psychisch kranken Protagonistin nahezu umgehauen. Selten habe ich Texte gelesen, die es schaffen ihre Worte so aneinander zu reihen, dass jeder Satz, jeder Absatz in meinem Kopf summt und dabei am liebsten laut ausgesprochen werden will. Inwiefern Ida ein Deckmantel für Bloggerin Katrin Weßling ist, habe ich noch nicht vollends herausgefunden, aber um ehrlich zu sein, interessiert es mich nicht sehr. Habe ich doch eine so wortgewaltige Zeit mit dem Buch verbracht, dass es zweitrangig wurde, wer dahinter steckt und wie sich Diagnose zu Romanidee verhält.

Ein bisschen fühlt man sich an Sarah Kuttners „Mängelexemplar“ erinnert, was vom Einband des Buchs noch verstärkt wird. Liest man diesen Roman aber völlig unvoreingenommen, merkt man schnell, dass die beiden Debuts sich zwar ein Thema teilen, aber völlig unterschiedlich damit umgehen. Katrin Weßling schreibt über das Scheitern an sich selbst, ihr fehlt die Schnauze mit der Kuttner sich gerne hervortut, denn Hauptfigur Ida hat keine Schnauze mehr, ist schon zu Anfang winzig klein, ohne Hut und verkriecht sich so in die vermeintlich sichere Parallelwelt einer psychiatrischen Klinik.

Was dieses Gebrochensein der Hauptfigur schön macht, ist die Sprache der Autorin, die anfangs noch schwer im Kopf liegt, mit der Zeit aber zur Norm wird und immer sanfter fließt, während die Handlung voran schreitet. Eine Handlung die nicht, wie von mir zu Anfang befürchtet, hinter den sprachlichen Kunststücken des inneren Monologs der Erzählerin zurück bleibt, sondern nach und nach an Bedeutung gewinnt, wobei die Innenschau natürlich nach wie vor wichtig bleibt, passend zu Thema und Schauplatz der Geschichte.

Meiner Meinung nach das Beste, was ich in diesem Jahr gelesen habe und vielleicht bald auch das Beste, was du in diesem Jahr gelesen haben wirst. So will ich dir mit sanfter Gewalt dieses beeindruckende Debut unterjubeln, damit auch du in den Genuss von Katrin Weßlings Poetry Slam gestähltem Stil kommen kannst. Und in der Hoffnung auf viele weitere Romane aus ihrer Feder.

Das Hörbuch… Katrin Weßling liest selbst, was erst einmal sehr aufregend ist, hört man doch die Stimme zum Buch. Wenn Autoren selbst lesen, kann das natürlich mal in die Hose gehen (siehe Leyla von Feridun Zaimoglu) doch Katrin Weßling macht ihre Sache so gut, dass ich mir dachte – die hat doch sicher geübt. Und ja das hat sie, Poetry Slams sei Dank kommt ihre Prosa von ihr selbst gelesen noch besser zur Geltung, als es ein x-beliebiger Sprecher hätte bewerkstelligen können. Das Hörbuch ist also eine aufregende, spritzige, sprachgewaltige Alternative oder Ergänzung zum Buch.

Kurz zusammen gefasst… Ein beeindruckendes Debut, das ich ohne Zögern an die Spitze meiner Jahresrangliste setzen werde.

Info: Drüberleben – Katrin Weßling – ISBN 978-3442312849

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11 Kommentare zu “(Neuerscheinung) Drüberleben von Katrin Weßling”

  1. Eine tolle Rezension, die den Eindruck, den diese Buch macht, sehr gut einfängt! „Umhauen“ ist wahrlich das richtige Wort für ‚Drüberleben‘! Ich habe das Buch letzte Woche gelesen und ich werde wohl noch eine Weile brauchen, bis ich eine Rezension schreiben kann. In meinem Kopf ist einfach noch viel zu viel Gedankenwerk im Gange, als dass ich das jetzt schon verschriftlichen könnte!

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  2. Das Buch habe ich schon eine Weile im Visier, schleiche aber auf Grund des Themas nur drumherum.
    Ich selbst habe eine Freundin gehabt, die leider von den Depressionen nicht geheilt werden konnte und der diese Krankheit das Leben kostete.
    Ich habe Angst, dass die Heftigkeit der Worte zu sehr auf mir lasten. Auf der anderen Seite, habe ich die Hoffnung durch das Buch etwas besser zu verstehen, was Depressionen wirklich sind.
    Dank deiner Rezi, werde ich wahrscheinlich doch noch zum Buch greifen.

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    1. Es freut mich zu hören, dass Dich meine Rezi vom Buch überzeugen konnte 🙂

      Katrin Weßling zeichnet in ihrem Roman ein Bild der Krankheit, das sehr nah an der Wirklichkeit ist. Obwohl sie nicht Ida Schaumann ist, hat sie lange mit Depressionen gelebt und gekämpft.
      Wenn Du in Deinem Freundeskreis tragische Erfahrungen mit der Krankheit gemacht hast, kann ich verstehen, dass Du zögerst. Die Zeichen in diesem Roman stehen aber eindeutig auf Heilung, auch wenn es immer wieder kleine und große Rückschläge gibt.

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  3. „Umhauen“ beschreibt auch das Gefühl, das ich beim Lesen hatte. Ich habe eine Weile gebraucht, um mich von der Lektüre zu erholen, da sie mir sehr nage gegangen ist und mich sehr berührt hat. Ich stelle es mir sehr beeindruckend vor, zu diesem Buch das Hörbuch zu hören und dann auch noch von Kathrin Weßling selbst gesprochen.

    Herzlichen Dank für diese tolle Besprechung. 🙂

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  4. Oh ja, liebe Bücherphilosophin, dieses Buch bleibt. Als ich es gelesen habe und zwischendurch zur Seite legen musste, war Ida immer bei mir. Das Buch geht sehr unter die Haut und ist einfach unglaublich gut geschrieben. Für mich war „Drüberleben“ auch eins der eindrucksvollsten Bücher in diesem Jahr. Schön, dass dir das Vorgelesene der Autorin so gefallen hat.

    Herzliche Grüße,

    Klappentexterin

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  5. Vielen Dank für deine Rezension, „Drüberleben“ ist schon länger auf meiner Wunschliste und…eigentlich mag ich Hörbücher ja nicht so, aber jetzt überlege ich tatsächlich, ob ich nicht doch die Hörbuch-Version will. Sarah Kuttners „Mängelexemplar“ habe ich vor Jahren gelesen und es hat mich nicht wirklich berührt, sie kratzt ja kaum mal an der Oberfläche, zumindest war das mein Eindruck, wohl gerade auch wegen ihrer „Schnauze“. Ich hatte nicht den Eindruck, Kuttner wusste wirklich, worüber sie da eigentlich schreibt. Hört sich so an, als wäre da „Drüberleben“ vielversprechender. Auch wenn ich natürlich niemanden wünsche, zu erfahren, wie es sich anfühlt, selbst an Depressionen zu leiden.
    Liebe Grüße vom buchstabenchaos

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    1. Wenn Du Dir wegen des Hörbuchs noch nicht ganz sicher bist, empfehle ich Dir den Buchtrailer anzuschauen. Da liest Katrin Weßling aus ihrem Roman und Du kriegst schon mal einen Vorgeschmack darauf, was Dich im Hörbuch erwartet.

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      1. Vielen Dank, das ist ein toller Tipp, das werde ich machen! Ich kann mich irgendwie noch gar nicht so an den Gedanken gewöhnen, dass es jetzt nicht nur für Filme Trailer gibt. Sowas neumodisches! 😉

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  6. Okay, jetzt bin ich endgültig überzeugt und werde mir dieses Buch zumindest noch dieses Jahr besorgen, vielleicht auch noch lesen. Ansonsten begleitet es mich ins nächste Jahr… Lieben Dank für deine Besprechung!

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