(Neuerscheinung) Ich liebe dich nicht, aber ich möchte es mal können von Tessa Korber

Tessa Korber lebt mit Mann und Kind im eigenen Haus und könnte zufriedener nicht sein. Als Schriftstellerin erfolgreich ist ihr Leben nahezu vollkommen, wäre da nicht der Wunsch nach einem zweiten Kind. Als Simon dann geboren wird können die Eltern gar nicht glauben wie perfekt der Kleine ist mit seinem Engelsgesicht und der fröhlichen Natur. Doch das bürgerliche Idyll wärt nicht lange, als Simon in den Kindergarten kommt fällt er zum ersten Mal durch sein ungewöhnliches Verhalten auf. Er spielt zwar und stellt auch keinen Ärger an, aber er kommuniziert nicht, weder mit den Erzieherinnen, noch mit den anderen Kindern.

Meine Gedanken zum Buch…

Schonungslos ehrlich beschreibt Tessa Korber, Autorin zahlreicher Krimis und historischer Romane, das Leben mit ihrem Sohn Simon, dessen frühe Kindheit, die vom Traum zum Alptraum wurde, dem die Ehe der Autorin zum Opfer fiel, ebenso wie die Jugendzeit ihres älteren Sohnes. Detail genau breitet sie die Odyssee ihrer Familie vor dem Leser aus, vom ersten Auftreten der Symptome, dem sozialen Rückzug ihres vorher so strahlenden kleinen Jungen, über die zahlreichen Ärzte, die zunächst nicht von Autismus sprachen, ihre Einschätzung dann aber doch änderten, den Ergotherapeuten, der den verzweifelten Eltern erklärte, dass was auch immer nicht stimmt nicht besser werden wird, bis zu der Suche nach einer Schule, die Simon nicht brechen sondern fördern will.

Tessa Korber gibt mit einer Eindringlichkeit und Selbstlosigkeit an dieses Kind, das sie oft nur marginal wahrnimmt, nicht liebt es aber mal können möchte, vielleicht aber nie können wird, die mich als Leser oft erschreckt hat. Jahrelang schläft sie nicht, denn Simon schläft auch nicht. Ihr Alltag dreht sich um das behinderte Kind, und das ältere Kind wird dabei oft vergessen, ebenso wie der Ehemann. Korber opfert ihrem Autisten nicht nur ihre Familie sondern auch ihre Gesundheit und steht über Jahre hinweg kurz vor dem Nervenzusammenbruch, hält sich nur um Simons Willen irgendwie über Wasser, was dieser ihr wohl niemals danken wird. Als Leser schüttelt man da oft den Kopf, ist sogar geneigt Simon böse Absichten zu unterstellen, will der Autorin aber auf jeden Fall raten das Kind endlich ins Heim zu geben, damit sie wieder atmen, wieder gesunden und leben kann.

Doch gerade das ist es, was Tessa Korber nicht will. Das Kind kommt nicht ins Heim, egal wie schwer es wird. In dem Sinne scheint sie mir fast wie die Gallionsfigur des deutschen Mütterideals, eine Frau, die bereit ist in der Pflege für ihr Kind aufzugehen, nur tut sie dies eben nicht stillschweigend, sondern schreibend und lässt in diesem Buch viel raus, was wohl Jahre lang unter der Last des Lebens mit einem behinderten Kind begraben lag. Sie beklagt sich, wettert gegen all die, die sie und Sohn Simon über die Jahre verletzt oder nur missverstanden haben. Ein besonders sympathisches, bzw. demütiges Bild zeichnet sie also weder von Simon, noch von sich selbst.

Im Endeffekt war mein Erlebnis mit dem Buch durchwachsen, wohl ähnlich wie das Leben mit einem autistischen Kind. Denn es gibt in all dem Chaos auch immer wieder diese Momente, die man wohl nur als Mutter eines Autisten erleben kann und bei denen der Blickwinkel auf die Situation entscheiden kann ob diese nun einen Lach- oder Wutanfall auslöst oder vielleicht doch einen Heulkrampf. Ganz weiß Korber nicht zu beantworten ob und was in ihrem Sohn vorgeht, auch wenn dieser für einen Autisten ungewöhnlich verbal ist. Ihre Schilderungen geben also nur einen Blick in die Welt mit einem Autisten, die Welt des Autisten selbst bleibt jedoch bis zum Ende ein Geheimnis. Ob Tessa Korber ihren Sohn jemals verstehen wird und ob er jemals lernt sie zu lieben ist unklar. Als Leser wünscht man es den beiden jedoch von Herzen, auch wenn man es als solcher wohl nie erfahren wird.

Kurz zusammen gefasst… Dieses Buch ist keine leichte Lektüre, sondern ein ungeschönter Bericht über das Leben als Mutter eines autistischen Kindes. Angenehm geschrieben, aber themenbedingt oft schwere Kost.

Info: Ich liebe dich nicht, aber ich möchte es mal können – Tessa Korber – ISBN 978-3550088957

Literarische Nachbarn:

  • Ein besonderer Junge von Philippe Grimbert (Rezension)
  • Der beste Tag meines Lebens von Miller & Stentz
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4 Kommentare zu “(Neuerscheinung) Ich liebe dich nicht, aber ich möchte es mal können von Tessa Korber”

    1. Nachdem mir heute schon zum wiederholten Male ein Beitrag entwischt ist, der eigentlich noch in Arbeit war, und das nicht nur daran liegt, dass ich manchmal den Post erst plane, um ihn später zu schreiben, habe ich mich schweren Herzens entschlossen „Die Jugendbücherphilosophin“ bis auf weiteres einzustampfen.
      Ich hatte es gut gemeint, hänge ich doch an meinen Bekanntschaften zu anderen Jugendbuchlesern und -bloggern. Ich hatte aber im Endeffekt unterschätzt, wie wenig Zeit ich neben meinem ersten Blog und dem Studium, bzw. Verfassen literarischer Texte zwecks Veröffentlichung, übrig habe. Und bevor „Die Jugendbücherphilosophin“ zu einer schlecht geführten Blogleiche zusammenschrumpft gestehe ich mir lieber ein, dass nicht alles was ich lese auch unbedingt rezensiert werden muss.
      Wer nicht auf meine Beiträge verzichten möchte, den lade ich ein auf http://buecherphilosophin.wordpress.com/ vorbei zu schauen, wo ich ab sofort auch wieder Jugendbücher empfehlen werde, aber nur die, die mich beim Lesen so sehr berührt haben, dass ich nicht anders kann als sie Dir ans Herz zu legen 🙂

      (Hatte ich auf facebook veröffentlicht, aber da hat es glaub ich keiner gesehen ;))

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      1. Achso! Vielen Dank für das ausführliche Statement. Ich mochte den Blog, aber solange die Highlights unter deinen gelesenen Jugendüchern dann wieder hier auftauchen, bin ich auch schon zufrieden!

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