(Neuerscheinung) Über die Liebe und den Hass von Rachida Lamrabet

In verschiedenen Geschichten schreibt Rachida Lamrabet über das Phänomen der Fremdenfeindlichkeit, bzw. des Fremdseins im eigenen oder angenommenen Land, ob nun aus Sicht einer Universitätsprofessorin, die sich weigert einer Frau mit Kopftuch eine Stelle anzubieten oder der eines jungen Migrantensohns, der sich einen Platz an der Sonne erkämpfen möchte, notfalls mit Gewalt oder dem Gastarbeiter, der Frau und Kind in Nordafrika zurück lassen musste, um nun in Nordeuropa seiner Hautfarbe wegen gegängelt zu werden.

Meine Gedanken zum Buch…

Mehr Hass als Liebe schreibt Lamrabet dem Leser entgegen in dieser kraftvollen, manchmal erschreckenden, dabei aber überaus scharfsinnigen Sammlung von Erzählungen, die sich allesamt mit Migration beschäftigen, mit Fremden in einem fremden Land, mit Diskriminierung, Ab- und Ausgrenzung, aber auch dem Wunsch nach Heimat, nach Zugehörigkeit und dem Versuch Brücken zwischen zwei scheinbar unvereinbaren Kulturen zu bauen, wobei das natürlich nicht in jedem Fall gelingen kann.

Ungeschönt portraitiert Lamrabet dabei die Vorurteile der Benelux Bevölkerung gegen vorwiegend muslimische Einwanderer, die man aber so auch auf andere nordeuropäische Einwanderungsländer übertragen kann, und erschafft somit ein Fenster mit Blick auf eine Welt der Kontraste, der gegenseitigen Vorurteile, die nur allzu oft den Dialog zwischen den Kulturen erschweren, vielleicht sogar verhindern. Ein wichtiges Buch also, nicht nur für Freunde anspruchsvoll geschriebener Kurzprosa, sondern auch für den politisch interessierten Leser, der sich für die Länge dieses Buchs, vielleicht sogar für immer, der Scheuklappen entledigen will, die es ihm unmöglich machen die Fremdenfeindlichkeit, die in Europa herrscht, wahr zu nehmen.

Rachida Lamrabet hält dem Leser den Spiegel vor, wenn sie zum Beispiel über das Verhältnis der „emanzipierten“ Frau zur verschleierten Muslima schreibt. Geht dabei aber auch mit den Einwanderern und ihren Kindern und Kindeskindern hart ins Gericht, wenn sie zum Beispiel davon schreibt, dass eine junge Frau daran zerbricht, dass sie sich gegen ihre Liebe zu einem Belgier entscheiden muss. Oder von der jungen Mutter, die aus gerade diesem Grund von der Familie verstoßen wurde, nach der sie sich mit jeder Faser ihres Herzens sehnt. So ergreift Lamrabet zu keinem Zeitpunkt Partei für eine der beiden Seiten oder einfach die Gesellschaft, die noch nicht bereit scheint für eine Verbrüderung beider, sondern beobachtet, beschreibt lediglich, was um uns herum geschieht, und überlässt es dem Leser seine Schlüsse daraus zu ziehen. Eine Verantwortung derer wir uns nicht entziehen sollten…

Kurz zusammen gefasst… Ein wichtiges und dabei aufrüttelndes Buch voll raffiniert konstruierter Kurzprosa, literarisch ansprechend und politisch brisant.

Info: Über die Liebe und den Hass – Rachida Lamrabet – ISBN 978-3-442-74411-4

Literarische Nachbarn:

  • Geister, Cowboys von Claire Vaye Watkins (Rezension)
  • Worüber wir reden, wenn wir über über Anne Frank reden von Nathan Englander (Rezension)
  • Wunderland von Sophie Albers (Rezension)

3 Kommentare zu „(Neuerscheinung) Über die Liebe und den Hass von Rachida Lamrabet“

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