(Neuerscheinung) Kirschholz und alte Gefühle von Marica Bodrožić

Arjeta, die Erzählerin, sitzt in ihrer Berliner Wohnung, am Kirschholztisch ihrer Großmutter und schaut sich Fotos an, die ihre Mutter in einer Plastiktüte aus dem zerschlagenen Jugoslawien mitgebracht hat. Arjetas Erinnerungen schweifen, zurück zu dem Tag an dem sie ihre Brüder auf tragische Weise an den Krieg verlor, zu dem Tag an dem sie ihr Philosophiestudium in Paris begann und zu dem Tag an dem sie Arik kennen lernte, den geheimnisvollen Mann, der seine Fäden durch ihr Leben in Paris spinnt, bis eine blaue Bluse nicht mehr nur eine blaue Bluse ist, sondern ein Sinnbild wird, für Arjetas gebrochenes Herz.

Meine Gedanken zum Buch…

„Kirschholz und alte Gefühle“ ist ein melancholisches Buch, in Gedanken versunken wird es von Hauptfigur Arjeta erzählt, deren Blick mal hierhin, mal dorthin schweift, von den Fotografien auf ihrem Kirschholztisch in die Welten ihrer Erinnerungen herabgezogen. Schön sind diese Erinnerungen nur manchmal, meistens kurz bevor das Unheil kommt und Arjeta mit sich fort spült. Unheilsbringer ist hier nicht nur der Krieg, der Arjetas Heimat zerstört und ihr Leben aus der Ferne überschattet, sondern vor allem Arik, der wankelmütige Liebhaber, der Arjeta mit seinen Launen keine Ruhe lässt und dessen Chaos ähnlich dem des Krieges auch dann noch nachwirkt, als er längst verstorben ist.

Ich habe dieses Buch langsam, nahezu bedächtig gelesen. Denn so scheint es mir, will es auch gelesen werden, Seite für Seite, Kapitel für Kapitel, Pause und Atemzug dazwischen. Sieben Tage dauerte also meine Reise in Arjetas Erinnerungen, so wie auch das Erinnern selbst die Hauptfigur für sieben Tage in Anspruch nimmt. Sieben Tage in denen sie immer wieder an den Kirschholztisch zurück kehrt und darüber sinnt, was einmal war. Dabei springen ihre Gedanken von einem Erlebnis zum nächsten, sind nicht immer chronologisch, reisen von Paris nach Berlin und wieder zurück, auch wenn die Erzählerin selbst, ähnlich dem Leser, sich keinen Zentimeter bewegt hat. Man darf nicht abschweifen, muss aufmerksam sein, sonst verpasst man den Absprung und findet sich wieder in einer fremden Stadt, einer fremden Zeit, verläuft sich im Text. Doch gerade das war es, was mich so an dieser Erzählung faszinierte.

Eine Besonderheit der Prosa von Marica Bodrožić, zumindest in diesem Fall, ist, dass sie keinerlei direkte Rede enthält. Es wird zwar gesprochen, doch bleibt der Leser immer zusammen mit der gealterten Arjeta auf der Metaebene und kommt sich dort manchmal etwas ausgeschlossen vor. Gerne möchte man hinein springen in das Geschehen, daran teilhaben, nicht nur schauen, aber da ist diese Barriere zwischen dem Leser und dem Text, genannt Arjeta, die ihre Geschichte in einen Schaukasten sperrt und den Leser hineinschauen lässt, aber mehr auch nicht. Trotzdem bin ich froh am Kirschholztisch gesessen zu haben, wo ich Arjeta zuhörte und mit ihr die alten Fotos betrachten durfte. Denn „Kirschholz und alte Gefühle“ ist ein schönes Buch, Arjeta eine glaubhafte Erzählerin und Marica Bodrožić, auch wenn dies mein erster Roman aus ihrer Feder ist, eine ganz besondere Schriftstellerin.

Kurz zusammen gefasst… Eine melancholische Reise in die Erinnerungen einer manchmal tragischen, manchmal hoffnungsvollen Figur.

Info: Kirschholz und alte Gefühle – Marica Bodrožić – ISBN 978-3-630-87395-4

Literarische Nachbarn:

  • Tauben fliegen auf von Melinda Nadj Abonji
  • Die Tigerfrau von Téa Obreht (Rezension)
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3 Kommentare zu „(Neuerscheinung) Kirschholz und alte Gefühle von Marica Bodrožić“

  1. Ich freue mich sehr, dass dir das Buch auch gut gefallen hat. Ich denke, dass es sehr speziell ist, aber ich habe mich von der poetischen Sprache und den wunderschönen Bildern sofort gefangen nehmen lassen. Ein sehr feinfühliger Roman, der dennoch viele wichtige Themen anspricht: besonders eindrücklich ist mir die ambivalente Beziehung zwischen Arjeta und Arik in Erinnerung geblieben, aber natürlich auch die Kriegserinnerungen.
    Liebe Grüße
    Mara

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    1. Die Autorin hat ihren ganz eigenen Stil, da muss man sich als Leser erst mal hinein denken 😉 Aber dann war der Text geradezu inspirierend – eine ganz wundersame Weise über Gefühle zu schreiben, anders kann ich es nicht sagen.

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