Und dann war da auf einmal eine Wand…

Vor ein paar Tagen las ich den im Jahre 1963 veröffentlichten und kürzlich verfilmten Roman „Die Wand“ von Marlen Haushofer und so ganz weiß ich nicht, was ich davon halten soll. Ist Haushofer nun brillant oder eher ein bisschen langweilig und verschroben? Revolutionär oder wenig herausragend? Wurde ihr Roman zu recht neu aufgelegt oder handelt es sich dabei eher um geschicktes Marketing beim List Verlag, der im Zuge des Films ein paar, bzw. ein paar mehr, Euro verdienen will?

Für alle diejenigen, die den Roman noch nicht oder vor längerer Zeit gelesen haben, fasse ich ihn an dieser Stelle noch einmal kurz zusammen. Die namenlose Protagonistin, ebenfalls Ich-Erzählerin, reist mit ihrer Cousine und deren Ehemann in die Berge. Dort wollen die drei ein paar Tage in einer Jagdhütte verbringen. Als es Abend wird geht das Ehepaar für einen Umtrunk ins Dorf und die Hauptfigur bleibt in der Jagdhütte, packt aus, kocht und füttert Hund Luchs. Als das Paar auf sich warten lässt, geht sie ins Bett. Doch am nächsten Tag ist das Paar nach wie vor nicht zurück gekehrt. Also wandert die Hauptfigur samt Hund ins Tal, bzw. nimmt sie sich das vor. Doch auf halben Weg stößt sie gegen eine unsichtbare, kühle Wand, die sich nicht überwinden lässt und scheinbar den gesamten Talkessel einzäunt.

Das erklärt auch schon den Titel des Romans, ist allerdings nicht der Grund warum dieser mir Rätsel aufgibt – sondern eigentlich nur der Grund, warum ich ihn zur Hand nahm. Denn nach der Entdeckung der Wand, verknüpft mit ein paar Atomkriegstheorien der Hauptfigur, passiert gar nichts mehr, was sich hier zu erwähnen lohnt. Die Wand als solches nimmt ca. 25 Seiten in Anspruch, auf den folgenden 250 Seiten beschreibt Haushofer eine Frau, die als Selbstversorger auf dem Land lebt – das war’s, ehrlich. Oder war’s das doch nicht ganz? Habe ich irgendwas überlesen? Ist mein kleiner Bloggerverstand nicht dazu in der Lage das literarische Genie einer Marlen Haushofer zu begreifen? Oder habe ich doch recht, wenn ich das Buch weglege, mich am Kopf kratze und denke – das kann sie doch nicht ernsthaft so gemeint haben oder, die Tante macht ja gar nichts… da hätte ich auch eine Woche beim Bauern mithelfen können und wäre genauso schlau gewesen?!

(Das sind übrigens keine rhetorischen Fragen, zumindest nicht im weiteren Sinne – ich freue mich über Antworten, Anregungen und Diskussionen zum Buch.)

Für ein Buch in dem es um nichts weiter geht als das Landleben und den Weg zurück zur Natur, hat Marlen Haushofer mir zu wenig Introspektive eingebaut. Die Hauptfigur denkt nur ungern nach, denn dann müsste sie ja an die Wand denken und das macht traurig, depressiv, ja sogar suizidal. Mit dieser (durchaus realistischen) Annahme, bzw. Charakterisierung der Hauptfigur, errichtet Haushofer aber ihres Zeichens eine Wand zwischen dem Leser und der Botschaft, die sie ihm senden will – nur leider ist diese Wand nicht durchsichtig. Geht es aber um Atomkrieg und gesellschaftliche Strömungen, bzw. Ängste, der 1960er, dann fehlt mir das dicke Ende oder irgendein Ende. Oder was meinst Du dazu?

6 Kommentare zu „Und dann war da auf einmal eine Wand…“

  1. Ich habe das Buch leider nicht gelesen. Aber deine Gedankengänge machen ja schon irgendwie neugierig. Vielleicht muss man das Buch im Kontext seiner Zeit sehen? Vielleicht gab es damals kein dickes Ende und die Menschen haben nur so wenig darüber nachgedacht, wie die Protagonistin…aus Angst vor den Konsequenzen?

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    1. Stimmt, Anfang der 60er sah die Welt noch ganz anders aus. Da gab’s ja noch die zwei Supermächte, die sich die Stirn boten und vielleicht einen Atomkrieg liefern würden.
      Diese Einflüsse sind auch definitiv spürbar, zum Beispiel darin, dass Haushofer ihre Hauptfigur nicht einfach auswandern lässt, sondern diese (etwas kuriose) Wand da in die Welt stellt und dem Leser damit Rätsel aufgibt.

      Ich hab leider nur ganz wenige Romane aus der Zeit gelesen und habe daher gar keine Ahnung davon, wie damals so Sachen wie Stil und Handlungsaufbau angegangen wurden.
      Ich denke, dass Romane zu der Zeit als es noch nicht die Massen an Veröffentlichungen gab, die wir heute in den Buchläden finden, vielleicht einfach etwas – ich sag’s mal ganz gerade heraus – langweiliger sein durften, als es heute der Fall ist.
      1963 konnte Haushofer also vielleicht einfach ein Buch schreiben, das nichts besonderes erzählt und das reichte den Lesern aus. In diesem Falle bin ich als Leserin vielleicht ein bisschen verwöhnt 😉

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  2. Ein toller Post 🙂 Was du mit „Die Wand“ erlebt hast, kenne ich auch – jedoch mit anderen Büchern. „Die Wand“ habe ich noch nicht gelesen, bin durch deine Zeilen aber doch neugierig geworden, weil ich mich nun – genau wie du – frage: Kann das alles sein?
    An sich finde ich den Inhalt gar nicht mal übel, allerdings hätte ich mir bei diesem Buch schon mehr vorgestellt, als dass nach Auftauchen der Wand lediglich das Einsiedler-Leben beschrieben wird.

    Vielleicht finden sich ja noch ein paar Leser deines Blogs, die das Buch bereits kennen und uns aufklären können. Ansonsten werde ich wohl zunächst einmal in den Film reinschauen – vielleicht kann der schon etwas mehr Aufschluss geben.

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    1. Das Buch an sich ist gar nicht mal schlecht, nur habe ich beim Lesen oft gedacht: „Eine Novelle hätte es auch getan.“ Denn bei fast 300 Seiten erwarte ich als Leser unterhalten zu werden, dass da in der Mitte oder am Ende oder irgendwann nochmal was kommt.
      Wenn diese Erwartung dann partout nicht erfüllt wird, das frustet schon und man stuft das Buch nach der Lektüre anders ein.

      Den Film will ich auch unbedingt sehen, schon alleine wegen Martina Gedeck. Der Trailer wirkt vielversprechend, auch wenn ich mich zuweilen frage, was es denn da groß zu verfilmen gibt?!
      Melde Dich, wenn Du den Film gesehen hast. Ich bin gespannt zu erfahren, wie der Stoff umgesetzt wurde.

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  3. Leider habe ich mich in Deinen Blogs von vorne nach hinten gearbeitet, so daß ich meinen Kommentar zu „Der Wand“ bereits in Deinem Monatsrückblick gepostet habe.
    Ich finde, es gibt zahlreiche Deutungsmöglichkeiten, Depression ist vielleicht etwas zu vorschnell, aber sicher hatte Haushofer die Distanz zwischen den Einzelnen im Sinn, vielleicht auch Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Sehr erhellend dazu ist Daniela Strigls Biographie über Haushofer. Dort erfährt man außerdem, daß die Idee der gläsernen Wand vielleicht auf einen Sci-Fi-Roman zurück geht.
    Anlässlich des Film-Besuchs, habe ich noch einmal Roman und Biographie gelesen, meine Eindrücke finden sich hier.

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