(Originalausgabe) Saraswati Park von Anjali Joseph

Saraswati Park ist ein Vorort Bombays, in dem Briefeschreiber Mohan Karekar und seine Frau Lakshmi ein gemächliches Leben führen. Die Kinder sind bereits aus dem Haus und so entscheiden sich die beiden ihren Neffen Ashish bei sich aufzunehmen, als dieser das letzte Jahr an der Uni wiederholen muss. Die Anwesenheit des jungen Studenten bringt die Routine des alternden Paares gehörig durcheinander und fördert lang vergessene Wünsche, aber auch alte Unzufriedenheit bei Mohan und Lakshmi zu tage…

Meine Gedanken zum Buch…

Bücher, die in Indien spielen, ob nun von indischen oder europäischen Autoren, kenne ich viele. Dieses ist jedoch das erste, welches ich gelesen habe. An dieser Stelle darf Du gerne kurz erschrocken Aufseufzen – ich habe es ebenfalls getan. Denn Anjali Joseph zeigt mir am Beispiel ihres Romans „Saraswati Park“, dass es noch so viel zu entdecken gibt. So viele magische Schauplätze auf diesem Subkontinent, den ich nun endlich einmal literarisch bereist habe. Eine Reise voller Eindrücke, die mir den Alltag in Bombay nahe gebracht haben, als wäre ich selbst für ein Jahr in den Straßen der Stadt gewandelt. Dafür bin ich Anjali Joseph und ihren Figuren, deren Geschichte ich noch lange im Herzen tragen werde, sehr dankbar.

Denn auch wenn Josephs Figuren vor den Augen des Lesers ihre Alltagsdramen durchleben, ist es doch der Schauplatz, der diesen Roman zu etwas besonderem macht. Und dabei geht es nicht nur um exotische Handlungsorte, und ihre Wirkung auf den Leser, im allgemeinen, sondern auch darum, wie die Autorin dem Leser diese Handlungsorte nahe bringt. Mit einem Auge fürs Detail beschreibt Joseph das Straßenleben Bombays wie eine Blindenführerin, mit der, der Leser die Stadt erkundet. Im Kopf des Lesers entsteht eine Szenerie, die vor Leben überquillt. Nirgends bleiben weiße Flecken zurück, die der Leser alleine füllen muss, Anjali Josephs Beschreibung umfasst die vollen 360°. Und ich als Leser drehe mich wieder und wieder um mich selbst und genieße dabei den Ausblick.

Und inmitten dieses aufregenden, exotischen Schauplatzes geht Mohan Karekar seinen täglichen Geschäften nach, trauert seine Frau Lakshmi um den kürzlich verstorbenen Bruder und verliebt sich Neffe Ashish zum ersten Mal. Mit offenem Herzen und Monsun im Kopf las ich von diesen Geschichten, die nie spektakulär, aber immer rührend sind. In ihrer Alltäglichkeit und Menschlichkeit tragen sie den Roman, wie auf einer sanften Brise, die den Leser umspielt, während er ihn liest. Wer Abenteuer, Slumdogs und Millionäre sucht, der liest hier vergebens. Doch wer die Ruhe hat einen gemächlichen Blick auf Bombay zu werfen, wer den Bewohnern der Stadt gerne auf Augenhöhe begegnen möchte, der ist bei diesem Roman genau richtig.

Kurz zusammen gefasst… „Saraswati Park“ ist ein Roman, der seine Leser auf eine Reise nach Bombay einlädt – nicht um Abenteuer zu erleben und Sehenswürdigkeiten zu bestaunen, sondern um zu verweilen. Ein beeindruckendes Debüt, das ohne viel Brimborium auskommt und trotzdem das Herz und die Augen des Lesers öffnet, wie kein anderes Buch.

Info: Saraswati Park – Anjali Joseph – ISBN 978-0-007-36078-9

Literarische Nachbarn:

  • Geister, Cowboys von Claire Vaye Watkins (Rezension)
  • Die Schachspielerin von Bertina Henrichs (Rezension)
  • Das Schneemädchen von Eowyn Ivey (Rezension)
  • Madalyn von Michael Köhlmeier (Rezension)

7 Kommentare zu „(Originalausgabe) Saraswati Park von Anjali Joseph“

  1. Eine schöne Rezension, die neugierig macht! Ich habe schon ewig keine Bücher indischer Autoren mehr gelesen (wenn man mal von Vikas Swarups „Rupien, Rupien!“ als Hörbuch absieht). Das sollte ich wohl wieder ändern 😉

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