(Backlist) Als Mutter verschwand von Kyung-Sook Shin

Auf dem Bahnhof von Seoul, auf dem Weg zur Wohnung ihres ältesten Sohnes, geht Mutter verloren. Vater dachte sie wäre direkt hinter ihm, als er in die U-Bahn einstieg. Doch statt dessen blieb sie auf dem Bahnsteig zurück und nun suchen ihre Kinder verzweifelt nach der Frau, die ihnen ihr Leben und ihre Gesundheit geopfert hat. Doch egal wie oft und wie gründlich sie die Straßen von Seoul auch durchkämmen, Mutter bleibt verschwunden und bricht ihrer Familie damit das Herz…

Meine Gedanken zum Buch…

„Als Mutter verschwand“ ist mein erster Roman aus koreanischer Feder, doch er wird nicht der einzige bleiben. Denn diese feinfühlige Geschichte über eine Mutter, die sich für ihre Familie aufopfert und eben diese Familie, deren Mitglieder zu einer späten Einsicht geraten, hat mich berührt wie mich selten ein Buch berührt hat und brachte mich dazu nach der Lektüre direkt zum Telefon zu greifen, meine Mutter anzurufen und ihr für all das zu danken, wofür man seiner Mutter danken sollte. Beeindruckend und melancholisch, oft will man zugleich auflachen und schluchzen, am liebsten möchte man aber weiterlesen.

Man trifft die handelnden Personen an einem Punkt an dem es für derlei Danksagungen schon zu spät scheint und es sind all diese Dinge, die zwar ständig im Raum stehen, dann aber doch ungesagt bleiben, die den Roman und seine Geschichte beim Leser so einschneiden lassen, wie kaum ein anderes Buch. Denn man erkennt sich wieder in der willensstarken, oft ein bisschen kratzbürstigen, älteren Tochter, dem ältesten Sohn, der fort geht um Geld zu verdienen, und Mutter irgendwann einmal in Won zurück zahlen zu können, was sie ihm in Aufwand und Rücksichtnahme gegeben hat und der jüngeren Tochter, die vor Glück zu schweben scheint, wenn Mutter sagt, sie sei stolz auf sie, und die es ihr am liebsten gleich tun möchte, auch wenn Mutter zu sein oft schwerer ist, als sie es zuzugeben wagt.

Kyung-Sook Shin führt den Leser dabei sanft durch die Handlung, und wählt nicht selten ungewöhnliche Blickwinkel. Manchmal verliert man sich in den Perspektiven und Passagen in denen zu einem gesprochen wird, aber nie ganz klar ist, wer man denn nun ist – Vater? Älteste Tochter? Etwas Mutter selbst? Diese Ungenauigkeit mag vielleicht auch an der Übersetzung liegen, also erwähne ich sie hier nur am Rande und unterstreiche lieber was für ein wunderbarer Roman „Als Mutter verschwand“ ist und wie sehr ich ihn all den Lesern ans Herz legen möchte, die Mütter haben, denen sie vielleicht nicht oft genug zeigen, wie sehr sie sie lieben.

Kurz zusammen gefasst… „Als Mutter verschwand“ ist ein feinfühliges Portrait einer ganz besonderen Mutter, das beim Leser eine Fülle von Gefühlen weckt, nicht zuletzt die Sehnsucht nach der eigenen Mutter. So ist dieser Roman uneingeschränkt empfehlenswert und ich persönlich wünsche ihm viele, viele Leser. Und während ihr lest, geh ich eben kurz Mutter anrufen…

Info: Als Mutter verschwand – Kyung-Sook Shin – ISBN 978-3-492-05510-9

Literarische Nachbarn:

  • Kitchen von Banana Yoshimoto (Rezension)
  • Für den Rest des Lebens von Zeruya Shalev (Rezension)
  • Der Geschmack von Apfelkernen von Katharina Hagena (Rezension)
  • Das Gesicht des Mondes von Alice Sebold (Rezension)

8 Kommentare zu „(Backlist) Als Mutter verschwand von Kyung-Sook Shin“

  1. Das Buch werde ich im Auge behalten. Es klingt auf jeden Fall sehr schön und berührend. Und ich habe bisher auch noch nichts von einem/einer koreanischen Autor/in gelesen, das wäre ohnehin mal spannend.

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    1. Diese Reaktion erwächst natürlich aus einer konfliktfreien Beziehung, ist also nicht bei jeder Leserin garantiert. Das Buch ist allerdings auch dann schön, wenn man selbst mehr ein Papa-Kind war, da habe ich keine Zweifel 🙂

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