(Backlist) Ich könnte verschwinden, wenn du mich berührst von Aimee Bender

Mona Gray ist gerade mal 10 Jahre alt als ihr Vater anfängt dahin zu welken, überzeugt er habe sich eine mysteriöse Krankheit zugezogen und müsse bald sterben. Seitdem steht das Leben seiner Tochter still. Aus Solidarität verzichtet sie auf alles, was ihr Freude bereitet, Nachtisch, das Laufen im Verein und ihre erste Liebe. Nur eines kann Mona nicht aufgeben – die Mathematik. Und so nimmt sie, nachdem Mutter sie aus dem Nest geworfen hat, eine Stelle als Grundschullehrerin an. Dort trifft sie auf wissbegierige Kinder, experimentierfreudige Wissenschaftslehrer und bedrohliche Elternteile, unter ihnen allen auch eine Zweitklässlerin namens Lisa, deren Mutter im Sterben liegt.

Meine Gedanken zum Buch…

Lange hielt ich es nicht aus, ohne die Prosa von Aimee Bender. Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen hatte mich letzten Monat angefixt für diese ganz besondere Autorin und ihre kuriosen Einfälle. In diesem zweiten Roman aus ihrer Feder hat zwar niemand Superkräfte, doch die Figuren sind trotzdem nicht weniger exzentrisch, ihre Geschichten nicht weniger ungewöhnlich. Im Vergleich mit Benders wohl bekanntestem Roman schlägt „Ich könnte verschwinden, wenn du mich berührst“ eher kleine Wellen, diese sind dafür aber angenehm warm und kuscheln sich dem Leser wunderbar um die Füße, während er gemeinsam mit Erzählerin Mona an den Stränden dieser Geschichte wandelt.

Dabei schließt man Erzählerin Mona, die ewige Hinschmeißerin, zwar sofort in sein Herz, bezweifelt dabei jedoch ernsthaft ihre psychische Gesundheit. So wird bei ihr nicht nur das Klopfen auf Holz zur heimlichen Sucht, sondern auch das Essen von Seife zu einem ihrer post-coitalen Reinigungsrituale. Ab und zu möchte ich als Leserin in die Handlung eingreifen und die Hauptfigur schüttelt, in der Hoffnung die Schrauben in ihrem Kopf drehten sich so von selbst wieder fest. Doch verglichen mit den Bewohnern der Nachbarschaft, den Eltern ihrer Schüler, ja selbst ihren eigenen Eltern, ist Mona eigentlich noch ganz durchschnittlich, wenn auch nicht normal. Man kann sie lieben und an ihnen verzweifeln, aber letztendlich muss man sich auf Aimee Benders Charaktere einlassen können, um diesen Roman zu genießen.

Und das habe ich gemacht, ließ mich kopfüber in die Geschichte fallen und durfte so mit fortschreiten der Handlung auch mal hinter die Fassade, bzw. zwischen die Zeilen schauen. Denn dort ist dieser Roman ein ganz anderer, fast schon konventioneller, insofern dass er eines der ältesten Themen der Menschheit für seine Leser aufbereitet; Krankheit und Tod. Und das geschieht in form des Grunschulkindes, das mitansehen muss wie die eigene Mutter an Krebs stirbt, bevor es überhaupt begreifen kann, dass das Leben endlich ist. Das geschieht aber auch am Beispiel des Vaters von Mona, dem eingebildeten Kranken, der sich langsam dem Leben entzieht und Mona dabei unwillentlich mitreißt. Traurig sind sie, diese Geschichten, aber auch schön, voller Leidenschaft für die Mathematik, die so zwar nicht in mir brennt, deren beruhigende Wirkung ich jedoch gut nachvollziehen kann. Denn auch in einer Welt wie der von Mona, in der nichts mehr einen Sinn zu ergeben scheint, ist 3 weniger 3 immer noch gleich 0.

Kurz zusammen gefasst… „Ich könnte verschwinden, wenn du mich berührst“ würde ich als kleine Schwester von Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen bezeichnen. Wer Aimee Benders exzentrische Figuren und ungewöhnliche Geschichten ebenso wie Zahlen und Mathematik liebt, der wird sich auch in diesem Buch wiederfinden können.

Info: Ich könnte verschwinden, wenn du mich berührst – Aimee Bender – ISBN 978-0-099-55852-1

Literarische Nachbarn:

  • Tausend kleine Schritte von Tonu Jordan (Rezension)
  • Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen von Aimee Bender (Rezension)
  • Das Orangenmädchen von Jostein Garder (Rezension)
  • Swamplandia von Karen Russell
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6 Kommentare zu “(Backlist) Ich könnte verschwinden, wenn du mich berührst von Aimee Bender”

  1. Klingt schon sehr interessant, wobei ich sagen muss, dass ich mich nicht unbedingt als Fan von „Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen“ outen kann. Trotzdem behalte ich das Buch mal im Auge, danke für deine Rezension!

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    1. Gerne 🙂
      „An invisible sign of my own“ könnte vielleicht trotzdem etwas für Dich sein, da es zwar den unverwechselbaren Stil der Autorin in sich trägt, aber keine im engeren Sinne magischen Elemente hat, so wie sie bei „Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen“ vorkommen.

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  2. Auch das klingt wieder total toll. Zu den literarischen Nachbarn: „Swamplandia“ hat mich ja neulich schon gereizt und „Das Orangenmädchen“ liegt auf meinem SUB. Hach… Ich glaub, ich muss bald mal wieder Bücher kaufen. 🙂

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    1. Es tut mir zwar Leid um Deinen SuB, aber eigentlich bin ich doch sehr froh darüber eine neue Leserin für besagte Bücher gewonnen zu haben 🙂 Hab viel Spaß bei der Lektüre!

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  3. Ich hatte mir nach deiner Rezension zur „Besonderen Traurigkeit von Zitronenkuchen“ das Buch gekauft und in einem Biss verschlungen. Ich liebe diese Geschichten, in denen sich reale Geschichten mit einem Hauch von Magie mischen. Die Phantasie der Autorin und die liebevolle Beschreibung der Figuren hat mich begeistert. „An invisibel sign of my own“ kommt auf meine Wunschliste, auch wenn das magische Element fehlt. Danke für den Tip. LG, Rita

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    1. Oh, das freut mich aber, dass Du so viel Freude an „Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen“ hattest 🙂
      Wenn Du gerne magisch-realistische Geschichten liest, dann kann ich Dich vielleicht auch für „Das Schneemädchen“ begeistern. Da mischen sich Märchenelemente mit einer Siedlergeschichte in der Wildnis Alaskas. (http://buecherphilosophin.wordpress.com/2013/06/23/rezensiert-das-schneemadchen-von-eowyn-ivey/)

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