(Backlist) Das Testament der Jessie Lamb von Jane Rogers

Erzählerin Jessie lebt in einer Welt in der schwangere Frauen an einer mysteriösen Krankheit sterben. Die Wissenschaftler nennen es MDS (maternal death syndrome) ein Virus, der das Gehirn angreift, sobald ihm das Immunsystem im Zuge einer Schwangerschaft Tür und Tor öffnet. Ein paar Kinder werden noch geboren, von Müttern, die nicht mehr wissen, dass sie jemals Kinder gewollt hatten. Dann allerdings versiegt die Quelle und es scheint so als würde die Generation von Jessie die letzte sein. Um der Wissenschaft doch noch zu einem Durchbruch zu verhelfen, braucht es junge Freiwillige, die als Leihmütter für geimpfte Embryonen dienen. Ein Versuch, der die Zukunft der Menschheit sichern könnte und die jungen Frauen das Leben kosten wird.

Meine Gedanken zum Buch…

In Deutschland wird dieser Roman als neuerliche Jugenddystopie vermarktet, in England war er für den Booker Preis nominiert. Was ist nun die akuratere Einschätzung des literarischen Wertes dieses Romans – so ganz genau weiß ich das auch nach der Lektüre nicht. Denn für mich lag die Geschichte um Jessie und ihr Entscheidung sich für das Wohl der Menschheit zu opfern irgendwo dazwischen. Irgendwo zwischen Anspruch und Unterhaltung, was für mich genau die richtige Mischung war, was bei anderen Lesern aber vielleicht zu Verwirrung führen könnte. Denn wer auf eine Neuauflage der „Tribute von Panem“ hofft, wird sich hier langweilen. Wer aber sagt, das Programm des Heyne Verlag schau ich mir gar nicht erst an, der verpasst was.

Denn dieser Roman spielt nicht nur in einer Welt, die durch einen Virus praktisch unfruchtbar geworden ist und nach und nach immer sinistere Züge annimmt. Sondern er beschäftigt sich auch mit der Frage nach der Verantwortung des Einzelnen, danach wie weit Wissenschaft gehen darf und wie wichtig Nachwuchs ist, nicht nur für das Fortbestehen der Menschheit, sondern auch für deren kontinuierliche Weiterentwicklung. Der Leser begleitet Jessie vom Beginn der Krise an, bis zu dem Punkt an dem sie das Schicksal für sich entscheiden lassen muss, über das Schicksal der Welt und das ihrer Familie. Dabei lebt man in ihrem Kopf und darf dort hautnah miterleben, was die junge Frau dazu bewegt sich zu opfern, spürt ihre Angst vor der Zukunft aber auch die Hoffnung darauf mit diesem Opfer den Grundstein zu setzen, für eine bessere Welt.

Jane Rogers Roman weißt hierbei unleugbare Ähnlichkeiten zu dem Roman von P.D. James „Im Land der leeren Häuser“ auf, indem die Menschheit vor ein ähnliches Problem gestellt wird. Doch wer annimmt darin erschöpfe sich die Handlung von „Das Testament der Jessie Lamb“, der irrt. Denn es geht nicht nur um die großen Entscheidungen, darum die Welt zu retten und Generationen von Frauen zur Mutterschaft zu verhelfen, auch wenn dies der Überbau des Romans ist. Es geht auch um die kleinen Reibereien des Alltags, streitende Eltern, brutale oder indifferente Freunde, das Auseinanderdriften langjähriger Freundinnen, die ganz normalen Probleme der Pubertät. Und diese bilden nicht nur ein Gleichgewicht zu den dystopischen Elementen des Romans, sondern sie sorgen auch dafür, dass ich mich als Leser in Jessie und ihrer Geschichte wiederfinden, mich in sie hinein fühlen kann.

Kurz zusammen gefasst… Dieser Roman ist mehr als nur eine weitere Jugenddystopie. Und wer sich am ersten Eindruck vorbei, zwischen seine Seiten wagt, der wird mit einem feinfühligen Portrait einer mutigen jungen Frau belohnt.

Info: Das Testament der Jessie Lamb – Jane Rogers – ISBN 978-3-453-31485-6

Literarische Nachbarn:

  • Im Land der leeren Häuser von P.D. James
  • Der Report der Magd von Margaret Atwood
  • The Carhullan Army von Sarah Hall (Rezension)
  • Die Entbehrlichen von Ninni Holmqvist (Rezension)
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7 Kommentare zu “(Backlist) Das Testament der Jessie Lamb von Jane Rogers”

  1. Okay, ich lösch dich jetzt gleich aus meinem Reader. So geht das doch nicht! 😀
    Ich hatte anfangs gedacht, dass die Bücher, die du liest, zu „hoch“ für mich sind, aber sie klingen ALLE spannend.
    Lies doch mal was doofes, bitte! 🙂

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    1. Den Gefallen kann ich Dir leider nicht tun 😉 Aber wozu gibt es schließlich Wunschlisten. Meine ist übrigens seit Beginn meines Bloggerdaseins am überquellen, das ist wohl der Nachteil daran, wenn man einfach von allen Seiten gute Buchtipps kriegt 🙂
      Abgesehen davon freut es mich aber sehr, dass Du Dich auf meinem Blog wider Erwarten heimisch fühlst. Von verkopfter Literatur halte ich nämlich auch nicht allzu viel. Die Prämisse muss mich neugierig machen und der Autor muss im Buch halten, was der Klappentext verspricht.

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      1. Ich hab mir übrigens gestern „Swamplandia“ gekauft. Beim Bestellen:
        – „Hallo, ich würde gerne ein Buch bestellen, das heißt „Swamplandia“.“
        – „Ah ja, gerne, hier haben wir es. Kostet 9,99 € und sieht so aus… oh, das ist ja mal ein interessantes Cover.“
        Beim Abholen:
        – „Hallo, ich hatte ein Buch bestellt auf den Namen Jo*******!“
        – „Ah ja, hier haben wir es. ACH, das war das mit dem interessanten Cover!“
        😀

        Ich bin gespannt, ob ich die Geschichte genauso toll finde wie du und ob das Cover hält, was es verspricht.

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    2. Na, da hat das Buch ja schon vor der Lektüre einen guten Eindruck gemacht 🙂 Ich hoffe, dass es für Dich halten kann, was das Cover, bzw. meine Empfehlung, verspricht und wünsche Dir viel Spaß bei der Lektüre!

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  2. Danke für diese spannende Rezension, die mich vor allen Dingen angesprochen hat, weil du es schaffst, den ersten Eindruck, der sich bei mir festsetzt, wenn ich auf das Cover schaue, zu durchbrechen. Das Buch wandert auf jeden Fall auf die Wunschliste. 🙂

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    1. Oh wie schön, dass meine Rezension Dir dabei helfen konnte über den ersten Eindruck hinweg zu schauen 🙂 Manchmal spricht Buchmarketing einfach das falsche Publikum an.

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  3. Nachdem „Die Entbehrlichen“ eine meiner ersten Dystopien noch lange vor „Die Tribute von Panem“ war, zu einer Zeit, als der Begriff Dystopie auch noch nicht in aller Munde war (2008), mir beide Bücher aber sehr gut gefallen haben und auch „Der Report der Magd“ hier schon auf meinem SUB liegt, und ich bereits mit „The Carhullan Army“ sehr gut mit deiner Empfehlung gefahren bin, werde ich mir dieses Buch nun wohl auch zulegen müssen!
    Ich bin schon gespannt 🙂

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