(Backlist) Das Gedächtnis der Libellen von Marica Bodrožić

Nadeshda wuchs im ehemaligen Jugoslawien auf, doch heute lebt sie in Berlin. Vor Jahren stieg sie in einen Zug nach Amsterdam um dort ihre große Liebe zu treffen. Doch was die Beziehung der beiden überschattet ist nicht nur die Zerschlagung ihrer beider Geburtsland, sondern auch die Ehe Iljas, der zwar nicht leben kann ohne seine Nadeshda, doch von sich selbst sagt, er sei glücklich mit seiner Frau. Trotzdem gibt Nadeshda die Hoffnung nicht auf, auf ein Leben mit ihm, dem ewig Fernen…

Meine Gedanken zum Buch…

Schon mit ihrem aktuellen Roman Kirschholz und alte Gefühle schrieb sich Marica Bodrožić in mein Leserherz und gehört seitdem zu meinen deutschen Lieblingsautoren. Nicht lange hielt ich es also aus, bis ich zu ihrem Roman „Das Gedächtnis der Libellen“ griff. Dieser erzählt von meiner Perspektive aus gesehen die Vorgeschichte zu „Kirschholz und alte Gefühle“, bzw. recycelt das Kirschholz Figuren aus dem Libellengedächtnis. Hier lerne ich also die, mir nur aus der Erzählung Arjetas bekannte, Physikerin Nadeshda kennen und wie ich sie kennen lerne. Mit Haut und Haar in ihren intimsten, verletzlichsten Momenten, werde Zeuge ihrer Verliebtheit, Hoffnung und Ekstase, ihres gebrochenen Herzens und ihrer Kindheitserinnerungen.

Marica Bodrožić erschreibt sich diese Zustände auf unvergleichlich philosophische Weise, schweift ab, sinniert über das Leben, das Lieben und das Menschsein. Sie schaut zurück, nur um wieder dort anzukommen von wo sie los lief, die Hand des Leser fest in der ihren und ich mag sie gar nicht los lassen, mag nicht auftauchen aus den erzählerischen Fluten in die mich diese Sirene unter den deutschen Stimmen entführt. An der Seite und im Kopf ihrer Erzählerin Nadeshda, für die Sexualität und Brutalität das selbe waren bis sie Ilja kennen lernte, stürze ich mich in diese amour fou und werfe jegliche Bedenken über Bord, verdränge die Gedanken an Iljas Ehefrau, die Sorge um die Zukunft, an den Rand meines Bewusstseins.

Die Worte von Marica Bodrožić lassen mich schwelgen, lassen mich nach einer analogen Ausgabe des Textes lechzen, in der ich zurück blättern kann, Passagen anstreichen, sie laut für mich lesen kann, einfach um die Luft in meinem Mund zum klingen zu bringen. Und dabei umschreibt diese poetische Sprache die grausamsten Dinge, die ich mir als Leserin und als Frau vorstellen kann, beschreibt das wölfische im Menschen und im Mann und klingt dabei so süß wie Honig, das man gar nicht aufhören möchte von den Verbrechen zu lesen, die Nadeshdas Vater vor dem Krieg beging; Sie sammeln möchte in Alben, wie er einst Libellen sammelte, mit den Fingern über die schillernden Flügel streichen oder einfach nur über die Seiten des Romans, um die Worte darauf zu erspüren und ihnen nachzuspüren.

Kurz zusammen gefasst… „Das Gedächtnis der Libellen“ erzählt seine Geschichte an der Nahtstelle zwischen Prosa und Poesie, verknüpft die Leidenschaft seiner Protagonistin mit der Grausamkeit eines Landes, das nicht mehr ist und doch nicht vergessen. Und auch dieser Roman wird nicht vergessen werden, nicht von mir und keinem anderen Leser. Denn taucht man erst einmal ein in die Prosa von Marica Bodrožić erfindet sie einen neu, schreibt einen um, bis man nur noch dort lebt, zwischen den Zeilen ihres Romans – im Gedächtnis der Libellen.

Info: Das Gedächtnis der Libellen – Marica Bodrožić – ISBN 978-3-630-87334-3

Literarische Nachbarn:

  • Kirschholz und alte Gefühle von Marica Bodrožić (Rezension)
  • Anatomie einer Affäre von Anne Enright (Rezension)
  • Kleines Wörterbuch für Liebende von Xiaolu Guo (Rezension)
  • Liebesbrand von Feridun Zaimoglu (Rezension)
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7 Kommentare zu „(Backlist) Das Gedächtnis der Libellen von Marica Bodrožić“

    1. Das höre ich immer wieder gerne 🙂 Marica Bodrožić ist meine deutsche Lieblingsautorin und so kann ich natürlich gar nicht anders, als hier von ihren Büchern zu schwärmen. Ich hoffe, dass diese auch bald den Weg in Dein Regal finden werden.

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  1. Liebe Katarina,

    von Marica Bodrožić habe ich bisher nur „Kirschholz und alte Gefühle“ gelesen, das mir jedoch ausgesprochen gut gefallen hat. Ich habe selten zuvor ein so poetisches und sprachlich herausragendes Buch gelesen. Erst gestern habe ich von ihr im Buchladen „Tito ist tot“ entdeckt – das Buch musste sofort mit. „Das Gedächtnis der Libellen“ möchte ich auch möglichst bald lesen … ich danke dir für die schöne Vorstellung. 🙂

    Liebe Grüße
    Mara

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    1. „Kirschholz und alte Gefühle“ fand ich auch so toll. Die Bücher sind sich ja auch sehr ähnlich in ihrem nachdenklichen Stil und ihrer Thematisierung von Liebe. Ich hatte mich ständig gefragt. ob da autobiografisches drinnen steckt, weil Marica Bodrožić die Gedankenwelt ihrer Erzählerin so gut zu kennen scheint. Da muss zumindest ein riesen Arbeitsaufwand in der Figurenzeichnung stecken, wirklich beeindruckend.
      „Tito ist tot“ steht auf meiner Wunschliste. Am liebsten würde ich es sofort kaufen und lesen, aber ich habe mir vorgenommen mein nächstes Büchergeld in „Tigermilch“ und „Das fremde Meer“ zu investieren. Also wird es wohl noch ein Weilchen dauern bis zu meinem nächsten Bodrožić.

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