(Backlist) Im Hotel von Ali Smith

Das Global Hotel steht in einer unbenannten Stadt, irgendwo im Norden von Großbritannien. Eines Abends wird es Zeuge eines tragischen Unglücks, als eine junge Mitarbeiterin in den Speisenaufzug im Obergeschoss steigt und darin bis in den Keller hinunter fällt. Ihr Tod zieht seine Kreise im Hotel und darüber hinaus, lässt ihren Kollegen, der Zeuge des Unfalls wurde fast völlig verstummen, ihre kleine Schwester sich nachts vor dem Hotel herum treiben und eine junge Verkäuferin sich fragen, wo nur die Kundin mit der schönen Uhr geblieben ist…

Meine Gedanken zum Buch…

Nachdem ich zwei Kurzgeschichtenbände dieser Autorin nahezu verschlungen habe, bin ich mehr als froh mich endlich zu einem ihrer Romane durchgebissen zu haben. Und was für einer… Ali Smith zündet in ihrem zweiten Roman ein stilistisches Feuerwerk, schreibt mit der Stimme eines Geistes, einer Obdachlosen, einer Werbetexterin, einer chronisch Kranken und eines jungen Mädchens – alles authentisch, alles einzigartig und ich, zwischen den Seiten, bin begeistert und kann gar nicht schnell genug lesen, umblättern und immer wieder neue Seiten an diesem beeindruckenden und wagemutigen Roman entdecken.

Ali Smith traut sich zu experimentieren und das führt dazu, dass man als Leser fast vergisst, wie tragisch doch der Anfang des Romans ist, und das obwohl sich jede Seite mit den Nachwirkungen des Unfalls, der Trauer und dem Schmerz, beschäftigt. Immer wieder aufs neue wird man damit konfrontiert, wie wahllos doch der Tod ist, besonders dieser, der nicht hätte geschehen müssen, wäre das Mädchen nicht in den Speiseaufzug geklettert, hätte dieser nicht im Obergeschoss gehangen. Und Ali Smith lockert diese Schwermut, die einen als Leser immer wieder überkommt, gekonnt auf, nicht nur durch ihre stilistische Experimentierfreude, sondern auch durch ihre Figuren und deren kuriose Lebensumstände.

So lässt sie beispielsweise eine junge Werbetexterin, die für ein paar Nächte ins Global Hotel eingecheckt hat, an der Seite einer Obdachlosen durch die Vororte wandern, um dort in erleuchtete Fenster zu schauen. Lässt den Geist des verunglückten jungen Mädchens nicht nur seine Familie sondern auch die eigene Leiche im Grab besuchen, damit diese ihr von der Liebe erzählen kann. Lässt die Schwester der Verstorbenen im Hotel die Wände einreißen und Münzen, Uhren, Schuhe in die Löcher schmeißen, in der Hoffnung herauszufinden, ob ihre Schwester Zeit hatte Angst zu haben, Schmerz zu spüren oder einfach nur Reue, während sie fiel.

In der Art ihrer Kurzgeschichten erschreibt sich Ali Smith den Unglücksfall, das davor und danach. Ich blättere mich durch ihr Buch, bin bald betroffen, erschrocken und dann wieder belustigt. Ein Gefühlschaos, dass bei mir nur eben diese Autorin auslösen kann, die ich nicht umsonst zu meinen absoluten Lieblingen zähle und hier nur zu gerne empfehle. Denn wer ein Buch, ob nun Roman oder Kurzgeschichtensammlung, dieser Autorin zur Hand nimmt und sich damit in den Lesesessel zurück zieht, der merkt, hier liest er etwas ganz besonderes, etwas einzigartiges, etwas das noch lange nachklingen wird – und mit diesem Roman ist es nicht anders.

Kurz zusammen gefasst… Ali Smith ist für mich eine der aufregendsten, britischen Autorinnen der Gegenwart und dieser Roman bestätigt meine Einschätzung noch zusätzlich. Ohne Scheu vor stilistischen Experimenten und kuriosen Handlungssträngen, erschreibt sie sich einen Unglücksfall und dessen Nachbeben, so wie es keine andere Autorin hätte tun können.

Info: Im Hotel – Ali Smith – ISBN 978-3-630-62108-1

Literarische Nachbarn:

  • True things about me von Deborah Kay Davies (Rezension)
  • Paint it black von Janet Fitch (Rezension)
  • In meinem Himmel von Alice Sebold (Rezension)
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5 Kommentare zu “(Backlist) Im Hotel von Ali Smith”

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