(Lesen ist hardcore!) Hello Kitty muss sterben von Angela S. Choi

„Boys should just stay home and fuck their mothers.“

Fiona ist 28 Jahre alt und ist, als gute chinesische Tochter, immer noch Jungfrau, da unverheiratet. Doch eines Abends hat sie genug davon eine brave „Hello Kitty“ zu sein und versucht sich selbst zu entjungfern. Kurz danach merkt sie, es gab nie etwas zu entjungfern – sie ist eine der wenigen Frauen, die ohne Jungfernhäutchen geboren wurden. Für Fiona ist dies die größte Ungerechtigkeit in einer Reihe von Ungerechtigkeiten, mit denen sich asiatische Töchter herumschlagen müssen und macht daher einen Termin beim Chirurgen, für eine Hymenoplastie. Als sich besagter Chirurg als ehemaliger Schulfreund Fionas herausstellt, nimmt ihr Leben eine unerwartete Wendung. Doch Schulfreund Sean ist mit nichten der charmante junge Arzt für den er sich ausgibt…

Meine Gedanken zum Buch…

Was ich zunächst als Autobiografie, bzw. autobiografisch inspirierten Frauenroman, eingestuft hatte, stellt sich als Entwicklungsroman einer sexuell und kulturell frustrierten Soziopathin heraus – soviel zum grell pinken Cover, aber das hatte mich ja schon zu Zeiten der „Feuchtgebiete“ getäuscht. Zwischen den Buchdeckeln erwartet Leserinnen also nicht die Suche nach „Mister Right“ sondern eher das wahnwitzige Abenteuer einer emotionalen Beziehung zu dem gefährlichsten Mann in San Francisco – zumindest seit sie den „Nightstalker“ geschnappt und eingesperrt haben. Angela S. Choi treibt ihre Erzählerin dabei in Abgründe, aus denen sie sich wohl nie mehr selbst befreien wird können, zeichnet ein detailliertes Portrait der Lehrjahre einer zukünftigen Serienmöderin und mich, die Leserin immer mit im Schlepptau, am Steuer des Fluchtwagens, auf glühenden Kohlen.

Mit einem Jutesack voll schwarzem Humor erschreibt sich Angela S. Choi moralisch ambivalente Figuren, die aus Sicht des Leser aber trotzdem ziemlich sympathisch wirken, zumindest solange man sich davon abhalten kann die eine Frage zu viel zu stellen, die einen am Ende des Abends in Fischfutter verwandeln könnte. Wir treffen Erzählerin Fiona an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie genug davon hat die brave Tochter zu spielen und trotz hochdotierter Anwaltskarriere immer noch im Waschsalon der Eltern aushelfen zu müssen und ihre Wochenenden vom übereifrigen Vater mit Blind Dates verplanen zu lassen. Wir treffen Erzählerin Fiona an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie bereit ist Hello Kitty, für sie das Wahrzeichen des asiatischen Frauenbilds, mit bloßen Händen zu erwürgen.

Da kommt Schulfreund Sean wie gerufen, hilft ihr langsam aber hartnäckig aus ihrem anerzogenen Keuschheitsgürtel heraus und ist dabei für jeden Spaß zu haben. Die Dialoge der beiden überbieten sich in schwarzhumoriger Spritzigkeit und sind ein großer Pluspunkt für den Roman, der bei mir trotz seiner feministischen Frechheit nicht immer punkten kann. Zu oft wird es für meinen Geschmack zu vulgär, fängt schon mit der verpfuschten Selbstentjungferung der Erzählerin an – wie oft kann in einer 20 minütigen Passage das Wort „Hymen“ fallen?! Sehr oft… insofern spielen die weiblichen Genitalien im informellen Austausch zwischen den Figuren eine fast ebenso große Rolle wie die menschlichen Ausscheidungen. Irgendwann gewöhnt man sich daran, etwas essen möchte man nach der Lektüre aber nicht mehr.

Trotzdem ist dieser Roman ein solcher, der von den etwas seefesteren Leserinnen unter euch mit diebischer Freude gelesen werden kann. Denn Fiona ist eine Heldin, die kein Blatt vor den Mund nimmt und ordentlich austeilt, nicht nur verbal. Zusammen mit Sean ist sie eine der unterhaltsamsten Figuren, die ich dieses Jahr kennen lernen durfte. Ein explosives Paar, das gegen die Vorurteile und die Diskriminierung von Töchtern in asiatischen Familien angeht, oft auf sehr drastische Weise. Wer also die Nase voll hat von Frauenfiguren, die immer brav die andere Wange hinhalten, der ist bei Fiona, bzw. Angela S. Choi genau richtig und wird in „Hello Kitty muss sterben“ eine oft drastische, aber auf humorvolle Weise dargestellte Sozialkritik und einen ganz besonderen Lesegenuss finden, den man so schnell nicht wieder vergisst.

Das Hörbuch… habe ich dieses Mal auf Englisch gehört, was insofern nicht schlecht ist, weil dort nur selten gekürzt wird. So konnte ich diesen Roman ebenfalls in voller Länge genießen, auch wenn es mich ab und zu geschüttelt hat. Sprecherin Angela Lin hat einen gut verständlichen amerikanischen Akzent, spricht aber etwas nasal – das muss man mögen, mich hat es allerdings ab und zu etwas gestört. Trotzdem gibt sie sich Mühe den Leser Unterschiede zwischen der Erzählerin und Sean oder auch ihrem Vater heraus hören zu lassen. Und obwohl ich finde, dass Männer in dieser Hinsicht oft mehr Spiel in der Stimme haben als Frauen, macht sie ihre Sache wirklich gut und daher kann ich das Hörbuch nur empfehlen, an Hörer mit guten Englischkenntnissen.

Kurz zusammen gefasst… „Hello Kitty muss sterben“ prangert mit einem Augenzwinkern echte Missstände in der asiatischen Kultur an, schwingt dabei aber nie den erhobenen Zeigefinger. Ein Buch für taffe Leserinnen, die sich gleichzeitig für Frauenthemen interessieren und schon lange auf eine Heldin gewartet haben, die sich nichts mehr gefallen lässt.

Info: Hello Kitty muss sterben – Angela S. Choi – ISBN 978-3-630-87339-8

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Literarische Nachbarn:

  • People live still in Castown Corners von Tony Burgess (Rezension)
  • Zombie von Joyce Carol Oates (Rezension)
  • Das Ende von Alice von AM Homes (Rezension)
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8 Kommentare zu “(Lesen ist hardcore!) Hello Kitty muss sterben von Angela S. Choi”

  1. Danke für die ausführliche Rezension! Ich hatte mir unter dem Titel immer etwas ganz anderes vorgestellt, das pinke Cover hat dazu natürlich noch beigetragen, deshalb habe ich es mir nie näher angeschaut. Das klingt aber durchaus nach einem Buch, das mich interessieren könnte. Landet gleich auf meiner Wunschliste!

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    1. Das find ich toll 🙂
      Ich bin ganz unbedarft an den Roman heran gegangen und war im Nachhinein überrascht wie viel Schlagkraft zwischen zwei pinken Buchdeckeln stecken kann 😉

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  2. Hallo 🙂
    schön, eine weitere Meinung zu diesem Roman zu lesen. 🙂

    Ich habe das Buch Anfang September gelesen und ich bin immer noch total beeindruckt.
    Lange schon wollte ich es lesen und ich muss sagen: es lohnt sich wirklich! Mein Buch des Monats September!

    Was die vulgären Szenen/Formulierungen angeht… für mich gehörten sie dazu, obwohl mich einige überzogene Darstellungen mit der Frage nach dem (Un-)Sinn im Rahmen der Handlung zurückließ. Lust und Laune der Autorin oder doch eine versteckte Kritik?

    Mir hat die Mischung aus Humor mit versteckter Kritik an einem Thema, über das ich bisher nicht allzu viel wusste und der toughen, smarten Fiona auch sehr gut gefallen.

    Falls du noch mehr Titel dieser Form findest oder kennst, würde ich mich über einen kleinen Tipp freuen. (Ich freue mich auch, wenn „Hello Kitty muss sterben“ ein Einzelstück bleibt, dann ist es noch besonderer, hihi 😉 )

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende! 🙂
    Lara

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  3. Danke für diese interessante Rezension, ich hatte das Buch nämlich auch mal auf meiner „to-read-Liste“ auf Goodreads, habe es dann allerdings wieder runtergenommen, weil ich dachte, das sei vielleicht eher doch nichts für mich. Deine Rezension hat mich jetzt aber wieder neugierig gemacht.

    Es ist aber nicht ganz so eklig wie „Feuchtgebiete“, oder? Und es hat eine richtige Story, so wie ich das verstanden habe?

    Liebe Grüße,
    Sarah

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    1. Mit Feuchtgebiete hat das Buch nichts gemeinsam – da kann ich Dich beruhigen.
      Es gibt eklige Passagen, die sich in der Regel mit menschlichen/tierischen Exkrementen beschäftigen. Diese Passagen sind aber immer nur ein kleiner Teil der Handlung nicht die Handlung selbst, wie das bei Feuchtgebiete der Fall war. Daher kannst Du sie, falls sie Dir zu krass sein sollten, auch problemlos überlesen und bleibst trotzdem in der Handlung drin.

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  4. Wow – klingt krass! Dass Hello Kitty aber ein Symbol der asiatischen Frau ist … wird das im Buch so beschrieben und ist das wirklich so? Ich beschäftige mich zwar wenig mit der chinesischen Kultur aber viel mit der japanischen und habe da schon viel gelesen aber sowas war da bisher nicht dabei. Mir erscheint die Umschreibung als ‚Hello Kitty‘ auch irgendwie sehr verkitscht …

    Mal abgesehen davon, dass ich das sehr seltsam finde, kommt das Buch aber mit Sicherheit auf meine Wunschliste. Danke für den Beitrag. 🙂

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    1. Der Vergleich bezieht sich in der Tat auf ein Motiv des Buchs, das fängt schon beim Titel an. Die Autorin kritisiert hier, wie asiatische Einwandererfamilien mit ihren Töchtern umgehen, was sie von ihnen erwarten – immer niedlich zu sein, den Mund zu halten und ja nicht zu kratzen, bzw. aufzubegehren.
      (Passend dazu ein häufiges Zitat aus dem Roman: „Hello Kitty hat keine Krallen.“)

      Die Comic Figur „Hello Kitty“ ist aber soweit ich weiß nur eben das, eine Comic Figur; gedacht um Kindern und verspielten Erwachsenen Freude zu bereiten 🙂

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