(Backlist) Und im Zweifel für dich selbst von Elisabeth Rank

„Und im Zweifel für dich selbst“ ist das Debüt der 1984 in Berlin geborenen Schriftstellerin Elisabeth Rank. Nach ihrem Studium der Publizistik, Kommunikationswissenschaft und Europäischen Ethnologie veröffentlichte sie zunächst Texte in der Süddeutschen, diversen Social Media Plattformen und auf dem eigenen Blog. „Und im Zweifel für dich selbst“ wurde erstmals 2010 im Suhrkamp Verlag veröffentlicht. Seitdem kam ein weiterer Roman dazu, „Bist du noch wach?“ erschien 2013 im Berlin Verlag, zu ähnlich guten Kritiken wie seinerzeit „Und im Zweifel für dich selbst“.

„Als Lenes Freund Tim bei einem Autounfall stirbt, bricht die Existenz von Lene und Tonia in Stücke. Berlin, Prüfungen, Partys – nichts in ihrem Leben ist bislang besonders schwerwiegend gewesen. »Nutze den Tag« war nur ein hübscher Spruch in Schönschrift. Als sie plötzlich mit einem schrecklichen Verlust klar kommen müssen, setzen sie sich ins Auto und fahren los, erst mal nur weg, kreuz und quer durchs sommerlich heiße Mecklenburg, Hauptsache nicht zurück, denn zu Hause wird alles anders sein. Doch am Meer geht es nicht mehr weiter, und Tonia, die Erzählerin, begreift: So sehr man glaubt, die Welt bleibt stehen, es geht immer weiter. Für die anderen, die noch da sind. Für die neue Liebe. Und im Zweifel für sich selbst.“ (Und im Zweifel für dich selbst, Klappentext)

„Und im Zweifel für dich selbst“ ist ein Roman, der um Atem ringt, um Fassung im Angesicht von etwas, das so tragisch, so überwältigend ist – das einen mit seiner Druckwelle erfasst, umstößt und so schnell nicht wieder auf die Beine kommen lässt – das ich mich als Leserin fast schon wundere wie Elisabeth Rank es geschafft hat dafür die richtigen Worte zu finden. Doch sie hat es geschafft und die Tränen der Trauernden, ihre Wut und Hilflosigkeit glänzen auf jeder Seite, in jedem Absatz, mit einer Kraft, die mich als Leserin in die Geschichte hinein zieht und ich hab sie das machen lassen, auch wenn es hier die Tränendrüsen drückt und dort das Herz einengt. Denn „Und im Zweifel für dich selbst“ erzählt nicht nur von der „ersten großen Krise im Erwachsenenleben“, wie der Klappentext mir weiß machen will, sondern von einer Krise, die nicht in die Leben zweier Studentinnen gehört, die sich wie ein Fremdkörper in beider Leben gezwängt hat und sich nun nicht wieder entfernen lässt.

„Das hier aber war wie dichter Nebel, der sich über die Felder legt und alles verschluckt. (…) Das hier waren keine einstürzenden Dächer, kein lautes Krachen. Kein Erdbeben. (…) es war so bedrückend leise, dass es uns die Sprache verschlug und das klare Denken.“ (Und im Zweifel für dich selbst, S. 41)

Erzählt wird die Geschichte von Tonia, der Kindheitsfreundin von Lene, deren Freund Tim gerade tödlich verunglückt ist. Kapitel werden ab und zu auch von Erzählpassagen Lenes eingeleitet, die sich mit Erinnerungen befassen, die, die Trauernde an ihren Liebsten hat und die oft ähnlich surreal dargebracht sind, wie wir uns eben erinnern. Doch die Reise der beiden Frauen, ohne klares Ziel und doch mit unausweichlichem Ende, treten wir als Tonia an, die verzweifelt versucht Lene ein Fels zu sein, in der Brandung ihrer Trauer und dabei doch selbst trauert und eigentlich gar nicht in der Lage ist die Bürde eines anderen Menschen auf sich zu nehmen, was auch durch den körperlichen Verfall der beiden Frauen im Laufe der Erzählung deutlich wird.

„Und jetzt, hier wünsche ich mir nichts sehnlicher zurück als unseren Alltag, die Langeweile, jedes Hineinleben in den Tag – alles, nur nicht dieses Gefühl der Unwiederbringlichkeit.“ (Und im Zweifel für dich selbst, S. 110/111)

Erschöpft schleppen sie sich durch die Straßen Mecklenburg-Vorpommerns, halten am Straßenrand um dort zu schlafen und an Tankstellen nur für das Nötigste, Zigaretten, ein paar Schokoriegel und etwas Obst. Auf ihrer Reise, die auch eine Flucht ist, eine Flucht aus Berlin und vor den Erinnerungen, die sich dort an jede Ecke schmiegen, von Balkonen tröpfeln und in Hauseingängen lauern, treffen sie auf Menschen, die ihnen Unterkunft gewähren, manchmal auch vermieten, machen aber doch keine ernst zu nehmenden Bekanntschaften. In ihrer Trauer klammern sich die Frauen aneinander, da ist kein Platz für jemand anders, für Lenes Eltern nicht und auch nicht für Friedrich, Tonias Freund, oder Vince, Lenes Mitbewohner, die alle ununterbrochen anrufen, auf die Mailbox sprechen und dabei will Lene doch nur noch einmal diese alte Nachricht von Tim hören, die sie einfach nicht löschen kann, auch wenn die Computerstimme am Ende sie unaufhörlich danach fragt.

Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich mich noch nie ernsthaft, bzw. aus erster Hand, mit dem Thema Trauer habe auseinandersetzen müssen. Noch nie habe ich einen geliebten Menschen verloren, der nicht ein erfülltes Leben gehabt hätte und habe auch niemals so plötzlich mit diesem Verlust klar kommen müssen – so plötzlich, dass es fast surreal erscheint, dass man nicht einfach die Nummer des Freundes wählen kann und er am anderen Ende den Hörer abnimmt, lacht und einem versichert, dass die schlechten Nachrichten von eben einfach nur ein böser Spaß waren, der mit einem getrieben wurde. Doch nach der Lektüre von „Und im Zweifel für dich selbst“ bringe ich ein neugewonnenes Verständnis auf für Menschen, deren Empfinden auf einmal nicht mehr mit der Realität übereinstimmt – für Lene und Tonia fühlt es sich so an, als wäre Tim noch da. Als wäre er keine halbe Stunde mit der S-Bahn entfernt. Doch er ist es nicht und das ist es, was so unbegreiflich ist, dass Lene und Tonia nicht einfach bleiben können, um in Berlin auf seine Beerdigung zu warten, die nach Tagen der Verzweiflung und des darin enthaltenen Zweifelns endlich einen Punkt setzt, hinter den Satz „Tim ist tot.“

„Berlin schien momentan alles andere als ein Zuhause zu sein. (…) Berlin bedeutete nicht nur eine Handvoll Straßenzüge, nicht nur eine Handvoll Erinnerungen. In Berlin warteten Dinge auf Lene, an die eigentlich nicht zu denken war.“ (Und im Zweifel für dich selbst, S. 157)

„Und im Zweifel für dich selbst“ ist ein Roman der sich traut die Tiefpunkte im Leben so zu zeigen wie sie sind, mit verfilzten Haaren und kaltem Rotz auf der Schulter, wo eben noch das verweinte Gesicht der besten Freundin lag. Trotz der nur 200 Seiten die dieses Buch in seiner Erstausgabe bei Suhrkamp nova mitbringt braucht die Lektüre Zeit. Zeit sich in die Gefühle der Hauptfiguren hineinfallen zu lassen, auch wenn sie einen mal mit ihrer Rohheit wund scheuern, andermal mit ihrer Heftigkeit zu ersticken drohen. Wer nach der Lektüre den Buchdeckel zuklappt und noch einmal versonnen darüber streicht, wird nicht der selbe sein. Auch ich war nicht mehr die Selbe, bin für immer verändert, gezeichnet von diesem Roman. Denn den Atemzug, den er mich hat aussetzen lassen, werde ich nie wieder tun können. Trotzdem bin ich froh dieses Buch gelesen zu haben, der Gefühle wegen, die sich heiser schreien, auch wenn die Figuren selbst keine Worte haben, der Freundschaft wegen, all der Ungewissheit des jungen Erwachsenenlebens wegen, der Trauer wegen, die alles in Frage stellt und im Zweifel einfach wegen mir selbst.

Elisabeth Rank – Und im Zweifel für dich selbst – ISBN 978.3.518.46143.3

Ein Blick über den Tellerrand.

Literarische Nachbarn.

  • Paint it black von Janet Fitch (Rezension)
  • Scherbenpark von Alina Bronsky
  • A Map of Tulsa von Benjamin Lytal (Rezension)

9 Kommentare zu „(Backlist) Und im Zweifel für dich selbst von Elisabeth Rank“

  1. Liebe Katarina,

    ich danke dir für diese schöne Besprechung. Letzte Jahr habe ich mit großer Begeisterung für die wunderbare Sprache, den Roman „Bist du noch wach?“ von Elisabeth Rank gelesen. Ihr Debüt habe ich mir damals auch gleich gekauft, bisher aber noch immer nicht gelesen. Nun werde ich das unbedingt nachholen und danke dir für’s Schmackhaftmachen. 🙂

    Liebe Grüße
    Mara

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    1. An Deine Rezension kann ich mich noch gut erinnern und auch daran, wie Du für das Buch gefiebert und mich damit sofort angesteckt hast. Ich warte derzeit noch auf das Taschenbuch, das hoffentlich bald erscheinen wird, und dann wird „Bist Du noch wach?“ sofort gelesen.
      Es freut mich sehr, dass ich Dich nun für Elisabeth Ranks Debüt begeistern konnte 🙂 Ich wünsche Dir viel Spaß beim Lesen und bin schon gespannt auf Deine Eindrücke zum Buch.

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  2. Liebe Katarina,
    ich lese auch gerade Elisabeth Ranks Debüt, nachdem mich „Bist du noch wach?“ letztes Jahr gefesselt und nicht mehr losgelassen hat. Allerdings gefällt „Und im Zweifel für dich selbst“ mir überhaupt nicht – ich finde den Roman langsam und -weilig und die Figuren berühren mich seltsamerweise überhaupt nicht, weiterlesen fällt mir gerade sehr schwer, auch wenn ich schon fast durch bin. Aber so hat jeder seinen Eindruck; tatsächlich gefällt mir deine Rezension weitaus besser als der Roman! Wenn ich nur die gelesen hätte, würde ich das Buch auch unbedingt lesen wollen 🙂 Du hast eine fesselnde, poetische Sprache und machst richtig Lust auf das Buch. Schön.

    Liebe Grüße,
    Sarah

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    1. Wie schade, dass Dich das Buch so enttäuscht hat. Und trotzdem danke für die lieben Worte zu meiner Rezension 🙂 Der Wert einer Geschichte wird doch sehr individuell bemessen.

      Wenn das Lesen eines Romans zur Arbeit wird, dann würde ich empfehlen ihn beiseite zu legen. Zu manchen Büchern hat man einfach keinen Zugang.
      Wenn Dir „Bist Du noch wach?“ so gut gefallen hat, versuchst Du es vielleicht in ein paar Jahren nochmal mit „Und im Zweifel für dich selbst“. Wer weiß, vielleicht schafft es der Roman dann ebenfalls Dich zu verzaubern 😉

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  3. Wie schön, dass dir das Buch so gut … gefallen hat. Eigentlich nicht das richtige Verb dafür, aber du weist sicher, was ich meine?
    Ich fand’s damals wunderschön, und ein Reread würde daran vermutlich auch nichts ändern. „Bist du noch wach?“ will ich mir irgendwann auch endlich zulegen – ursprünglich sollte es sofort ins Regal einziehen, aber dann hat’s irgendwie nicht gepasst, als muss es noch warten. Vielleicht kommt’s ja auch bald als Taschenbuch, diesen März ist es ja auch wieder ein Jahr alt. 🙂

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    1. Ich warte auch schon fieberhaft auf das Taschenbuch. Bisher ist mir das gebundene Buch selbst gebraucht leider noch zu teuer. Aber wenn das Buch schon fast ein Jahr alt ist, dann kann es ja nicht mehr ewig dauern…

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  4. Sehr interessant. Laura und ich konnten Elisabeth Ranks „Bist du noch wach?“ so gar nichts abgewinnen – weder sprachlich, noch inhaltlich hat es berührt oder fasziniert oder ist irgendwie hängen geblieben. Daher für mich eine Autorin, von der ich erstmal kein weiteres Buch lesen wollen würde. Fast war mir meine Lesezeit dafür zu schade. Ich sortier ja stark vor, bevor ich etwas lese. Wir hatten es uns als Leseaufgabe gestellt, um mal etwas zu lesen, was viele Blogger loben. Es hat uns einfach nicht gefesselt oder überzeugt.

    Viele Grüße von Katja

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    1. Lass Dich von dieser Enttäuschung bitte nicht abschrecken, wenn es um die Lektüre von „Und im Zweifel für dich selbst“ geht. Denn das Buch ist zwar ein melancholisches, aber auch wirklich lesenswertes Debüt.
      „Bist du noch wach?“ muss ich noch lesen. Ich warte im Moment noch auf das Taschenbuch, das ich auch unbedingt lesen möchte, da mir „Und im Zweifel für dich selbst“ so gut gefallen hat. Trotzdem schade, dass es euch nicht begeistern konnte.

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      1. Tja, da sind die Geschmäcker eben verschieden und die Lesegewohnheiten sowie Erwartungen an Literatur. Es gibt einfach so viele Bücher und man muss gut sortieren, meiner Meinung nach, wofür man seine Zeit aufwendet. Es ist eben eine persönliche Entscheidung. Ich les ja generell wenig Neuerscheinungen, weil mich das meiste einfach nicht interessiert. Ich werde dieses Jahr viele Klassiker lesen, die auf meiner persönlichen Liste stehen. Es ist schade, dass bestimmte Autoren auf so manchem Blog gar nicht vorkommen und andere um so mehr. Das ist das Recht der persönlichen Auswahl, aber es langweilt mich.
        Es wäre sicher spannend sich mal intensiv über die unterschiedlichen Wahrnehmung der Lisa-Rank-Lektüre zu unterhalten. Nur so bringt die Reflektion über Gelenes auch etwas. Bücher nicht nur konsumieren, sondern sich mit ihnen auseinander setzen. Bei dem einen lohnt es mehr, bei dem anderen weniger. Einen schönen Abend wünscht dir – Katja

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