(Reread) Liebespaarungen von Lionel Shriver

Hinter dem Pseudonym Lionel Shriver verbirgt sich die US-amerikanische Autorin Margaret Ann Shriver, deren neunter Roman „Liebespaarungen“ im Jahr 2009 erstmals auf Deutsch veröffentlicht wurde. Kurz zuvor feierte sie mit ihrem kontroversen Werk „Wir müssen über Kevin reden“ weltweit Erfolge. Ihr neuster Roman in deutscher Sprache ist „Dieses Leben, das wir haben“, eine kritische Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Gesundheitssystem.

„Irina McGovern kann sich ein Leben ohne den klugen, geistreichen und verlässlichen Lawrence nicht vorstellen – auch wenn die Leidenschaft ihrer Liebe mit den Jahren abgeflaut ist. Doch als Irina sich der überwältigenden Anziehungskraft von Ramsey hingibt, verändert ein Kuss ihr Leben, und ein Spiel mit zwei Wirklichkeiten beginnt…“ (Liebespaarungen, Klappentext)

Zum zweiten Mal nun habe ich diesen Roman gelesen und kann mit großer Freude sagen, dass ich diesmal um einiges mehr davon hatte als lediglich eine Abneigung gegen das Wort „Snooker“. Da ich mit der Welt in der die Handlung spielt bereits vertraut war, konnte ich mich dieses Mal auf die Figuren, ihre Beziehungen zueinander und deren Konsequenzen konzentrieren. Snooker wird nie mein Lieblingswort sein, ebenso wie „Liebespaarungen“ nie mein Lieblingsbuch werden wird. Genossen habe ich die Lektüre dieses Romans jedoch trotzdem oder gerade weil ich nicht mit übermäßig hohen Erwartungen an das Buch heran gegangen bin und es so habe sein lassen, was es ist – eine Fantasie, eine gedankliche Spielerei auf der Basis der Frage „Was wäre wenn…?“

Die Figuren Lionel Shrivers können dabei nicht gewinnen, ob hü oder hott bleiben sie am Ende doch alle auf einem Scherbenhaufen aus unerfüllten Liebesträumen hocken, bleiben ihre Leben doch immer hinter den Erwartungen zurück. Das große Geld verspielt, die große Liebe entweder verpasst oder nicht von Dauer. Hauptfigur Irina, die Mal eine Affäre anfängt und dann auch wieder nicht, darf nur kleine Siege ihr eigen nennen. Mit Snooker Spieler Ramsey darf sie ungezügelte Leidenschaft erleben, doch nur wenn sie ihr Leben in seinen Schatten zu verlegen bereit ist. Der sachliche, manchmal unterkühlte Lawrence gibt ihr Sicherheit, doch keine Erfüllung und oft ist es mit ihm gar nicht so gutbürgerlich wie es scheint.

Als Leser ist man versucht einer Version von Irinas Liebesleben den Vorzug zu geben. Bin ich sesshaft und verlässlich fühle ich mich der heimeligen Irina zugetan, einer Irina die gerne scharfes Essen kocht und Abends mit quasi Ehemann Lawrence vor dem Fernseher eine Schüssel Popcorn verdrückt. Bin ich abenteuerlustig und impulsiv wird mich die Irina reizen, die sich nach einem Geburtstagsessen ohne Lawrence in eine Affäre mit dem professionellen Snooker-Spieler Ramsey stürzt und damit eine jahrelange Beziehung zu Bruch schlägt, sich dann aber doch wieder nach der weg geworfenen Häuslichkeit sehnt, nach dem scharfen Essen und dem Popcorn. Shriver selbst gibt dabei keiner Seite den Vorzug, geht schonungslos um mit dem Schicksal der liederlichen sowie der häuslichen Irina.

So bleibt dem Leser nichts anderes übrig als zuzuschauen wie ein Leben nach dem anderen zu Bruch geht, Hauptfigur Irina die Bruchstücke zu kitten versucht und dabei nur noch mehr zerschlägt, was einmal ihr Liebesleben war. Nicht unschuldig an dieser Unbeholfenheit sind die Männer, denen Irina sich hingibt und bei denen sie scheinbar nur zwischen dem kleineren und dem größeren Übel wählen darf. Ein glückliches Ende gibt es natürlich nicht, aber das erwartet man auch nicht, wenn man einen Roman vorgesetzt bekommt, der sich vorgenommen hat das Leben zu portraitieren in all seiner Unvorhersehbarkeit, der Unvollkommenheit der Liebe und all der Unordnung, die eine schwerwiegende Entscheidung mit sich bringt.

Das Hörbuch, gesprochen von Katja Riemann und Eva Mattes, geht mit der Zweiteilung der Handlung geschickt um. Katja Riemann, deren Stimmlage aus Film und Fernsehen hinreichend bekannt sein dürfte, liest Ramseys Irina und ihre Kollegin Eva Mattes liest Lawrences Irina. Eva Mattes ihrerseits hat eine warme, sanfte Stimme, die mit ihrer Weichheit gut zu einer häuslichen Irina passt, die ihren Lebensgefährten umsorgt und nebenbei noch einer erfolgreichen Karriere als Kinderbuchillustratorin nachgeht. Die Keckheit und Schärfe der Stimme von Katja Riemann verleihen der quasi ehebrüchigen Irina ein Feuer, dass sich so schnell nicht wieder löschen lässt. Beide Schauspielerinnen haben ein angenehmes Lesetempo, dem man gut folgen kann, ob man das Buch nun abends konzentriert bei einem Glas Rotwein oder nur nebenbei beim Abwasch hört, auf dem Weg zur Arbeit oder im Wartezimmer beim Hausarzt.

Lionel Shriver – Liebespaarungen – ISBN 978.3.492.25886.9/ISBN 978.3.869.52001.8

Ein Blick über den Tellerrand.

  • Hier bin ich leider überfragt.

Literarische Nachbarn.

  • Anatomie einer Affäre von Anne Enright (Rezension)
  • Das Gedächtnis der Libellen von Marica Bodrožić (Rezension)
  • Pippa Lee von Rebecca Miller (Rezension)
  • Späte Familie von Zeruya Shalev

8 Kommentare zu „(Reread) Liebespaarungen von Lionel Shriver“

  1. Ich habe „Liebespaarungen“ auch sehr gerne gelesen. Heute habe ich zwar kaum noch Erinnerungen an den Inhalt des Buches, aber das Gefühl, das ich beim Lesen hatte, hallt noch etwas nach.

    Danach habe ich auch noch „Wir müssen über Kevin reden“ von Lionel Shriver gelesen. Was für ein krasses Buch! Kennst du das auch schon?

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    1. Ich habe den Film gesehen, der aber eher frei adaptiert war. Daher will ich in diesem Jahr unbedingt noch das Buch lesen. Ich hab’s schon auf dem Kindle, theoretisch könnte ich also jederzeit damit loslegen 😉
      Hast Du auch die Verfilmung gesehen oder nur das Buch gelesen?

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  2. Ich habe auch die „Liebespaarungen“ und „Wir müssen über Kevin reden“ gerne gelesen – zwei wunderbare Bücher und ich freue mich schon auf ihr neuestes Buch, das dieses Frühjahr erscheinen soll. 🙂

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    1. Ein neues Buch von Lionel Shriver?! Da muss ich mich gleich mal schlau machen. Gut, dass Du es hier nochmal erwähnt hast.
      Bisher habe ich von Shriver nur die „Liebespaarungen“ gelesen. Ich habe aber zwei weitere ihrer Bücher im Regal, u.a. auch den Kevin – darauf bin ich übrigens schon sehr gespannt.

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