(Hörbuch) Hinter dem Mond von Wäis Kiani

„Hinter dem Mond“ ist, nach „Stirb, Susi!“ und „Nichts anzuziehen“, die dritte Veröffentlichung und der erste Roman der in Frankfurt am Main geborenen Autorin Wäis Kiani. Neben dem Schreiben ist sie vor allem als Journalistin im Lifestyle Bereich tätig, unter anderem für die Süddeutsche, Jolie und Neon. Die Autorin lebt und schreibt zur Zeit in Zürich und Berlin. In „Hinter dem Mond“ verarbeitet sie ihre Erfahrungen als Jugendliche in einem zunehmend autoritären Teheran.

„Lilly ist neun, als ihre Eltern beschließen, das kleine ostfriesische Dorf zu verlassen und in ihre Heimat zurückzukehren: in den Iran. In Teheran angekommen, ist Lilly nur noch wütend auf diese fremde Welt, die sie nicht versteht: die prächtigen Villen, die persische Verwandtschaft, die Farsi spricht, die Eltern, die plötzlich alles verbieten. Aber Lilly schlägt sich durch, mit Eigensinn und ohne sich anzupassen. Bis eines Tages der Schah das Land verlässt. Bomben fallen auf Teheran, und Khomeinis Sittenwächter dringen auch in die abgeschlossene Welt der persischen Oberschicht ein. Erneut fürchtet Lilly, ein Zuhause zu verlieren.“ (Hinter dem Mond, Klappentext)

Die Geschichte von Lilly und ihrer Familie beginnt im ländlichen Norddeutschland. Dort fühlt Lilly sich wohl, so wohl, dass das lebhafte Mädchen auch mal über die Stränge schlägt. Doch damit ist vorbei als die Familie in den Iran zurück kehrt. Auf einmal sind Mutter und Vater besorgt um die Tochter und ihre Werte, die fehlenden Persischkenntnisse und den Unwillen sich an die Kultur ihrer Eltern und Großeltern anzupassen. Das sorgt für einiges an Streit und eine unterhaltsame, manchmal etwas hysterische, aber alles in allem lesenswerte Coming-Off-Age Geschichte der besonderen Art.

Hauptfigur und Erzählerin Lilly ist nicht immer einfach. Denn sie rebelliert von Kindesbeinen an gegen alles was sich ihr in den Weg stellt, allem voran gegen ihre Eltern. Diese meinen es mal mehr und mal weniger gut mit ihr, je nachdem wie zufrieden sie selbst mit ihrem Leben sind. Und zufrieden sind sie selten, denn das Familienleben ist nicht einfach, ob nun im kühlen Deutschland oder in ihrer Heimat Iran. Lillys Mutter fühlt sich zeitweise gefesselt, ja an den Haushalt gekettet, durch die Tochter, die viel zu früh kam und für deren Glück sie einen hohen Preis zu zahlen glaubt.

So spitzt es sich zu, wie das eben so ist in Familien mit heranwachsenden Kindern. Es werden Grundsätze in Frage gestellt und Regeln gebrochen und insofern unterscheidet sich eine Jugend im Iran nur marginal von einer Jugend in Deutschland, die Fetzen fliegen in beiden Ländern ähnlich oft. Lilly will sich nicht anpassen, kann es ihrer frustrierten Mutter einfach nicht recht machen, kriegt dieses Persisch nicht in den Kopf, ob nun in der Schule oder Zuhause. Manchmal zehrt das am Leser, der ständige Streit. Die Wut der Figuren aufeinander und auf die Welt, die lichtere Momente in der Handlung zu überschatten droht.

In Augenblicken wie diesen bin ich zerrissen, soll ich mir das weiter anhören, dieses Geschrei. Lohnt es sich überhaupt oder hat Wäis Kiani schon vor Seiten den Faden verloren, ja vielleicht sogar verbrannt aus Wut und Rachsucht, angestachelt vom Gezeter ihrer Hauptfigur. Doch dann wird es auf einmal wieder ruhig und es geht wieder um ein junges Mädchen, das zu sich selbst findet, das frei zu sein versucht, in einem Land, das für Frauen und Mädchen nichts übrig zu haben scheint. Im Grunde versucht Lilly eine standardmäßige europäische Jugend auch im Iran zu leben, an einem Ort wo diese keinen Platz hat und das erfordert Mut.

Ob es Lilly gelingt sich am Ende frei zu schwimmen gegen alle politischen Strömungen die den Iran durchfließen mögen, das muss jeder Leser selbst herausfinden. Ich kann nur so viel sagen, trotz des Zanks und der Wutanfälle lohnt es sich Lilly aufwachsen zu sehen. Der Schauplatz des Romans hebt ihn aus der Masse ähnlicher Geschichten heraus und gibt ihm zugleich etwas kritisches. Denn auch wenn Lillys Blick oft etwas verklärt ist, kann man als Leser doch einschätzen was in ihrem Erwachsenenleben auf sie zukommen dürfte, bliebe sie weiterhin im Iran, ohne ernsthafte Persischkenntnisse und ohne richtigen Schulabschluss. Man steht auf der Seite der Hauptfigur, trotz allem möchte man sie glücklich sehen.

„Hinter dem Mond“ ist ein lesenswerter, wenn auch nicht immer ganz eingängiger Roman. Wäis Kiani erschreibt sich eine Familie in der scheinbar das Chaos herrscht, auch wenn die Eltern es gerne anders hätten, aber Kinder sind nun einmal keine Zirkusäffchen. Lilly ist eine oft rotzfreche Hauptfigur, die alles und jeden herausfordert und auf die die Beschreibung „schwerst-pubertär“ oft genug passt, um Leser jenseits der 20 ab und an mit den Augen rollen zu lassen – mich eingeschlossen. Doch ihr Kampf gegen die Regeln der Eltern, die so in ihrer Willkür zur Schau gestellt werden, ist einer, den ich gerne mitgekämpft habe, auch wenn ich nun erst einmal eine kleine Verschnaufpause benötige.

Das Hörbuch… wird von Floriane Kleinpaß gesprochen und abgesehen davon, dass sie einen schauspielerischen Enthusiasmus an den Tag legt, der seines gleichen sucht, hat mir die Art, auf die sie Lillys Erzählung liest nicht besonders gefallen. Floriane Kleinpaß Stimme schwankt zwischen eingeschnappt und kratzbürstig, ständig wird geschrien und natürlich keifen sich die Figuren im Text ebenfalls an, aber wenn man ihn liest muss man sich das nicht anhören. Das Hörbuch jedoch wird durch die vielen pubertären Streitereien und den xten Ausruf der Mutter, dass ihre Tochter zu einer Hure heranwachsen würde, in den letzten paar Stunden unglaublich anstrengend. Irgendwann klingelten mir die Ohren und ich hätte den Roman doch um einiges lieber gelesen, als gehört.

Wäis Kiani – Hinter dem Mond – ISBN 978.3.455.40383.1/ISBN 978.3.455.30750.4

Ein Blick über den Tellerrand. 

Literarische Nachbarn.

  • Lolita lesen in Teheran von Azar Nafisi
  • Scherbenpark von Alina Bronsky
  • Persepolis von Marjane Satrapi
  • Was mir zusteht von Parinoush Saniee
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