(Neuerscheinung) Der Sommer, als der Regen ausblieb von Maggie O’Farrell

„Der Sommer, als der Regen ausblieb“ ist der sechste Roman der nordirischen Autorin Maggie O’Farrell. Bevor sie mit dem Schreiben anfing, wuchs sie in Wales und Schottland auf und besuchte die prestigeträchtige Cambridge Universität. Nach seiner Veröffentlichung wurde „Der Sommer, als der Regen ausblieb“ für den britischen Costa Award nominiert. Zuvor hatte O’Farrells Roman „Die Hand, die damals meine hielt“, 2010 in deutscher Übersetzung, den Preis gewonnen. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in London.

„Gretta Riordan ist mit ihrem Mann Robert seit mehreren Jahrzehnten verheiratet, die Kinder sind aus dem Haus, Robert ist seit ein paar Jahren im Ruhestand. Das Leben in der Gillerton Road bewegt sich in ruhigen Bahnen und besteht zum Großteil aus vertrauten Ritualen: Beispielsweise daraus, dass Robert jeden Morgen, wenn Gretta frisches Brot gebacken hat, zum Kiosk geht, um die Zeitung zu holen. Doch am 15. Juli 1976 verlässt Robert das Haus und kommt nicht mehr zurück. (…) Die Suche nach Robert führt sie schließlich nach Irland und zu einem lange gehüteten Familiengeheimnis.“ (Der Sommer, als der Regen ausblieb, Klappentext)

Ich muss gestehen, dass ich bevor ich dieses Buch aufschlug leider einen völlig falschen Eindruck davon hatte. „Der Sommer, als der Regen ausblieb“ hörte sich für mich dystopisch, ja vielleicht sogar magisch-realistisch an. Letztlich verbirgt sich hinter diesem ominösen Titel jedoch nichts weiter als ein Stück Gegenwartsliteratur, das im Sommer von 1976 spielt, der in England zu einer Dürre führte. Doch wer nun meint einen Verriss zu lesen, der irrt sich. Denn „Der Sommer, als der Regen ausblieb“ kommt auch ohne Firlefanz aus und ich habe nichts vermisst – Regen vielleicht – als ich mit der Familie Riordan auf die Suche nach dem verschwundenen Vater ging und dabei über so einige Geheimnisse stolperte.

Ganz realistisch erzählt mir die Autorin von einer irischen Familie, die in zweiter Generation in London, England lebt und dort einen Sommer lang vor Hitze und Sorge fast vergeht. Denn schon ganz zu Anfang verschwindet Vater Robert auf seinem alltäglichen Weg zu Kiosk in der Nachbarschaft spurlos. In ihrer Sorge trommelt Mutter Gretta die gesamte Familie zusammen, ruft sogar Tochter Aoife aus New York nach Hause, um in ihrem kleinen Londoner Häuschen den Familienrat tagen zu lassen, der sich fieberhaft auf die Suche begibt.

Und das obwohl jedes der drei Kinder eigentlich mit seinen eigenen Problemen genug zu tun hätte. Michael Francis, der älteste Sohn, versucht nach einer Affäre seine Ehe zu kitten und die Frau, die sich über ein Geschichtsstudium von ihm entfremdet hat wieder in seine Arme zurück zu locken. Ungefähr zur gleichen Zeit muss Mittelkind Monica ihre Katze einschläfern lassen und vergeht dabei vor Angst davor, was die Töchter ihres Ehemannes von ihr denken werden, weiß sie doch, dass er ihr nicht beispringen wird. Nesthäkchen Aoife, die extra aus New York anreist, lässt derweil einen Haufen an unerledigtem Papierkram zurück, ebenso wie einen Freund, der sich in ihrer Wohnung vor der Einberufungsbehörde versteckt.

Die Beziehungen zwischen den Figuren sind komplex ebenso wie die Leben der Figuren selbst. Unfreiwillig treffen sie aufeinander im Wohnzimmer einer Mutter, die selbst einen Koffer voller (Familien)Geheimnisse unter’m Bett versteckt hält. Alte Streitereien werden belebt bevor sie geschlichtet werden können. Das Zusammenleben unter dem altbekannten Dach, zur Unterstützung der verlassenen Mutter, ist für die drei Geschwister nicht leicht. Und doch kann der Vater nicht einfach verschwunden bleiben, zumindest nicht ungeklärt.

So vergehen die unerträglich heißen Tage, die Familie schwitzt und schweigt, überlegt wo man noch suchen könnte und langsam kommen Wahrheiten ans Licht, die sich über Jahre verborgen gehalten hatten und damit drohten die Familie ein für alle mal zu entzweien. Vater Robert schwebt über dem ganzen Drama wie ein Phantom. Ein Mann, der selbst als er noch anwesend war im Schatten seiner Frau verschwand und doch ebenso viel Unausgesprochenes hütete, wie diejenigen, welche aufgrund seiner Abwesenheit zusammen gekommen sind.

In „Der Sommer, als der Regen ausblieb“ entwirft Maggie O’Farrell ein komplexes Familienporträt, das in der Londoner Hitze von 1976 vor sich hin schwelt. Ein Bild, das oft vorgibt etwas zu sein, das es nicht ist. Ebenso, wie die Porträtierten, die verzweifelt versuchen ihre Rollen zu spielen. Rollen, denen sie vor langer Zeit entwachsen sind und die nun nichts weiter nach sich ziehen als Unbehagen und Aufbegehren. Als Leser verliere ich mich in der Betrachtung dieses Bildes, das oft alles andere als gefällig ist. Ich werde für einen Augenblick vereinnahmt von den Riordans, werde fast zu einem von ihnen und bin ihnen dabei doch so fern wie der entflohene Vater.

Scheinbar will dieser einfach nicht gefunden werden, entzieht sich den Menschen, die ihn lieben, in einer Zeit, da sie ihn am meisten zu brauchen scheinen und schafft es durch seine Abwesenheit doch die Konflikte ans Licht zu bringen, die den Familienmitgliedern über die Jahre hinweg die Luft abzuschnüren drohen. Und auch wenn ich es als Leserin mit gemischten Gefühlen erlebe, kommt „der Sommer, als der Regen ausblieb“ langsam zu seinem Ende. Einem Ende, das um einiges gefälliger ist, als es anfangs den Anschein hatte. Ein Ende, das den Roman jedoch wunderbar abschließt und welches ich noch lange in herzlicher Erinnerung behalten werde – ebenso wie die 300 Seiten und die Familiengeschichte davor.

Maggie O’Farrell – Der Sommer, als der Regen ausblieb – ISBN 978.3.442.54731.9

Ein Blick über den Tellerrand.

  • Da bin ich leider überfragt.

Literarische Nachbarn.

  • Familienalbum von Penelope Lively
  • Als Mutter verschwand von Kyung-Sook Shin (Rezension)
  • Das rote Haus von Mark Haddon
  • Für den Rest des Lebens von Zeruya Shalev (Rezension)
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4 Kommentare zu “(Neuerscheinung) Der Sommer, als der Regen ausblieb von Maggie O’Farrell”

    1. Genau 🙂 Ein Buch bei dem es einem sommerlich warm wird – ich hab dieses Jahr irgendwie all meine Sommerbücher im Winter gelesen, was aber auch nicht schlecht ist. Schließlich kann man so im Idealfall ein paar Heizkosten sparen 😉
      Jetzt mal ernsthaft, „Der Sommer, als der Regen ausblieb“ ist ideale Terrassen/Balkon Lektüre. Es hat durchaus Substanz, ist aber voller sympathisch verschrobener Figuren und beschwert daher nicht im geringsten.

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  1. Hui – hui – hui – hui – hui – hui!
    Du darfst doch einfach bestimmte Worte nicht schreiben, wenn Du weißt, dass ich Deinen Blog lese!
    So Sachen wie „verschwinden“, „Irland“ oder „Familiengeheimnis“ – was soll ich denn nun tun? Ich kann ja gar nicht anders, als Buch kaufen!

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    1. Was soll ich sagen, ich kann einfach nicht anders 😉 Das Buch ist so lesenswert, ich musste es einfach empfehlen und freue mich nun sehr, dass ich Dich, mit meiner Begeisterung für die Geschichte, neugierig machen konnte. Ich hoffe sehr, dass „Der Sommer, als der Regen ausblieb“ bald den Weg in Dein Bücherregal finden wird.

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