(Neuerscheinung) Der große Trip von Cheryl Strayed

„Der große Trip“ sind die Memoiren, bzw. das Reisetagebuch, der mittlerweile 45 Jahre alten Schriftstellerin und Essayistin Cheryl Strayed. Ihr Romandebüt, mit dem Titel „Torch“, erschien 2006 und basiert in Ansätzen auf dem Leben der amerikanischen Autorin. 20 Jahre nach ihrem Abenteuer auf dem PCT lebt Cheryl Strayed mit Mann und Kindern in Portland, Oregon – einem der Bundesstaaten, die sie auf dem PCT durchwanderte. Die Filmrechte zu „Der große Trip“ wurden bereits verkauft und ein Drehbuch ist in Arbeit.

„Gerade 26 geworden, hat Cheryl Strayed das Gefühl, alles verloren zu haben. Mit Drogen und Männern tröstet sie sich über den Tod ihrer Mutter und das Scheitern ihrer Ehe hinweg. Als ihr ein Outdoor-Führer über den Pacific Crest Trail in die Hände fällt, trifft sie die folgenreichste Entscheidung ihres Lebens: mehr als tausend Meilen zu wandern, durch die Wüsten Kaliforniens, über die eisigen Höhen der Sierra Nevada, durch die Wälder Oregons bis zur »Brücke der Götter« im Bundesstaat Washington – allein, ohne Erfahrungen und mit einem Rucksack auf dem Rücken, den sie »Monster« nennt.“ (Der große Trip, Klappentext)

Ein Teelöffel Hape Kerkeling, eine halbe Tasse Elizabeth Gilbert und eine Prise Murphys Gesetz, kurz umrühren und „der große Trip“ kann beginnen. Schwer beladen stolpert Autorin Cheryl Strayed über den Pacific Crest Trail, auch PCT genannt, der sich von Mexiko bis Kanada über die drei westlichsten Bundesstaaten der USA, Kalifornien, Oregon und Washington erstreckt. Ich habe sie auf ihrer abenteuerlichen Reise begleitet, habe mitgefiebert und gelitten, besonders dann, wenn ihr mal wieder ein Zehennagel abfiel, und war am Ende der, fast 500 Seiten umfassenden, Lektüre fast schon genauso erschöpft wie Cheryl Strayed selbst, nur eben ohne Blasen an den Füßen.

Dabei erzählt mir die Autorin nicht nur von ihren 100 Tagen auf dem PCT sondern auch von den vier Jahren davor, beginnend mit dem Krebstod ihrer Mutter bis zum Tag an dem ihre Scheidung von Jugendliebe Paul rechtskräftig wurde. Nichts verschweigt sie mir, angefangen mit ihrer Trauer um Mutter Bobbi, anschließend die Affären, die am Ende ihre Ehe zerstörten, bis hin zu einer Heroinsucht. All das und mehr breitet Cheryl Strayed vor mir aus und ich als Leserin muss damit erst einmal fertig werden. Denn die Gefühle, die Cheryl auf ihrer Wanderung und in Konfrontation mit Erinnerungen an eine Zeit in ihrem Leben, die sie zwangsläufig auf diesen Pfad, den PCT, hatte führen müssen, sind so rau, dass sie mich aufzuscheuern drohen und das obwohl ich doch bequem auf dem Sofa sitze und lese.

Doch eben das ist es, was mir das Gemüt wund macht. Denn Cheryl Strayed schafft es mich in ihr Leben hineinzusaugen und ihre Geschichte so nachzuvollziehen, als hätte ich sie selbst erlebt. Oft fasse ich mir dabei vor Entrüstung und Unverständnis an den Kopf, aber auch aus Mitleid für eine junge Frau, die aufgrund ihrer Trauer den Boden unter den Füßen verloren hat und ihn ausgerechnet durch eine Marathonwanderung durch die amerikanische Wildnis wieder zu erlangen versucht. Wobei sie für ein solches Unterfangen so wenig vorbereitet scheint, wie sie es vor vier Jahren auf ein Leben ohne ihre Mutter war.

Nicht immer kann ich sie verstehen, bzw. nachvollziehen warum sie sich derart in den Schlamm ihrer eigenen Unzulänglichkeit fallen lässt und anschließend darauf besteht sich auch noch darin zu suhlen. Da hat mir im Vergleich dazu die Erzählstimme, wie auch die Persönlichkeit von Elizabeth Gilbert, bekannt durch Eat, Pray, Love um einiges besser gefallen. Cheryl Strayed ist zwar unaufhörlich auf der Suche nach Bestätigung, vor allem von Männern, scheint mir während der Lektüre jedoch so als wolle sie trotzdem einfach nicht gefallen, wolle es dem Leser nicht einfach machen, als dränge sie ihn ebenso am Leben zu leiden, wie sie es einst tat.

Sympathien hin oder her, was die Autorin da getan hat, dem gebührt Respekt. 100 Tage Wanderung, über 2.000 zurückgelegte Kilometer, mit viel zu viel Gepäck und das vorwiegend mutterseelenalleine – ich würde mir das ehrlich gesagt nicht zutrauen. Davon gelesen, habe ich allerdings schon ganz gerne. Die Natur des amerikanischen Westens alleine ist schon die Lektüre wert, ob Cheryl nun die kalifornische Sierra Nevada erklimmt oder durch die Wälder Oregons streift, ich war immer gerne dabei. Unterfüttert mit der bisherigen Lebensgeschichte der Autorin, da kann ein stinknormaler Reiseführer einfach nicht mithalten. Denn die Bilder zur Beschreibung kann man zur Not auch googlen – zum Beispiel den beeindruckend blauen Crater Lake, mein ganz persönliches Lieblingspanorama.

Cheryl Strayed – Der große Trip – ISBN 978.3.424.63024.4

Ein Blick über den Tellerrand.

Literarische Nachbarn.

  • The Best American Travel Writing von Elizabeth Gilbert (hrsg.) (Rezension)
  • Vom Aussteigen und Ankommen von Jan Grossarth (Rezension)
  • Big Sur von Jack Kerouac (Rezension)
  • Eat, Pray, Love von Elizabeth Gilbert (Rezension)
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4 Kommentare zu „(Neuerscheinung) Der große Trip von Cheryl Strayed“

  1. Ein wirklich schöne Rezi zu diesem Trip von Cheryl Strayed. Ich mag solche außergewöhnlichen Reisetagebücher, zumal es ja nicht nur um die Reise, sondern um ihren Antrieb dazu und ihre Erfahrungen damit geht. Kommt gleich auf meine Wunschliste :-). Liebe Grüße

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  2. Immer wenn ich mal unser Sachbuchregal aufräume, wie gerade vor gut zwei Wochen, stolpere ich über dieses Buch und nicht nur die Tatsache, dass die Autorin zur Zeit ihres Trips in meinem Alter war, zieht mich immer wieder magisch an.
    Ich meine, diese Erfahrungen mit Drogen bzw. bereits eine gescheiterte Ehe hinter sich zu haben- das sind Dinge, von denen mein eigenes Leben weit entfernt ist, dennoch findet man sich auch im Kleinen häufig vor der Frage wieder, ob man alles richtig macht. Und ich bin tatsächlich der Überzeugung, dass man viele Dinge klarer sieht, wenn man einfach mal Naturmensch, mit wenigen bis keinen Alltagseinflüssen ist.
    Von daher hat mich deine Rezension nochmal angepiekst dieses Buch tatsächlich noch lesen zu wollen.
    Liebe Grüße! 🙂

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  3. Hey
    Klingt nach einem spannenden Reisebericht. Hab mir das Buch direkt mal vorgemerkt 🙂
    Sehr schöne Rezi. es wird richtig toll deutlich was du mochtest und was nicht und ich kann mir die Schreibe der Autorinjetzt schon gut vorstellen.

    LG Nanni

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