(Neuerscheinung) Atmen, bis die Flut kommt von Beate Rothmaier

„Atmen, bis die Flut kommt“ ist der dritte Roman, der deutschen Schriftstellerin Beate Rothmaier. Geboren 1962 in Ellwangen, studierte sie später Germanistik und Romanistik in München und Tübingen. Bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, arbeitete Beate Rothmaier unter anderem als Werbetexterin, ebenso wie für verschiedene Theater und Verlage. Sie lebt mit ihren beiden Kindern in Zürich, wo auch ihr Roman „Atmen, bis die Flut kommt“ spielt.

„Konrad ist Comiczeichner mit ersten Erfolgen und großen Plänen. Da tritt Paule mit ihrem irrlichternden Wesen in sein Leben, das ihn fasziniert und ihm dennoch unergründlich bleibt. Als sie das gemeinsame Kind geboren hat, verschwindet sie und lässt Konrad mit Lio allein. Jetzt ist alles anders: für Konrad, der sich in seinem neuen Leben zurechtfinden muss, und für Lio, die nicht wie andere Kinder ist. Ein Alltag zwischen Windeln und Fläschchen, Arztbesuchen, geplatzten Aufträgen, durchwachten Nächten, Liebeshunger und Geldsorgen. Jahrelang kämpft Konrad sich durch die Absurditäten des täglichen Lebens. Auf einer Reise ans Meer will er der Überforderung ein Ende machen und seine Freiheit zurückgewinnen, doch es kommt alles anders als geplant.“ (Atmen, bis die Flut kommt, Klappentext)

An den Erzählstil von Beate Rothmaier musste ich mich zugegebenermaßen zunächst ein bisschen gewöhnen. Oft driftet er ins Surreale und ich frage mich kopfschüttelnd, ob das nun wirklich so geschehen ist, und komme nach 400 Seiten zu dem Schluss, dass es so hat sein müssen – schließlich ist dies Konnys Geschichte und wenn er sie erzählt, dann glaube ich ihm, dann höre ich zu. Und Konnys Geschichte ist nicht immer einfach. Denn das Kind, um dessen Geburt er gekämpft hat, ist nicht das, was er sich erhofft hatte. Lio ist auf schwer definierbare Weise anders, trinkt nicht, tropft ständig und schläft in den unmöglichsten Situationen einfach ein. Doch was soll er anderes tun, als mit ihr zu leben, ist ihre Mutter Paule doch auf und davon.

Eine kuriose Geschichte setzt Beate Rothmaier dem Leser hier vor und doch ist es eine Geschichte voller Menschlichkeit. Eine Geschichte, wie sie hoffnungsvolle Eltern so immer wieder erleben, wenn sich zusammenfügt, was sich nicht zusammen hätte fügen sollen, die genetische Suppe überkocht und doch einen kleinen Menschen hervorbringt, der ebenso gepflegt und geliebt werden will, wie jedes andere Kind auch. Konny und Lio bewältigen ihren Alltag ohne die Mutter. Während der Papa zeichnet, schmiert das Töchterchen mit Deckweiß herum und so vergehen die Tage, Wochen und Monate, bis daraus irgendwann Jahre werden. Eine Diagnose für das, was Lio fehlt, gibt es nicht und Konny braucht sie auch nicht, besteht doch sowieso keine Aussicht auf Heilung.

Beate Rothmaier spaltet ihren Roman auf, in einzelne Arbeitsschritte – die Arbeitsschritte eines Comiczeichners, scribbling, inking, lettering und colouring. Jeder dieser Teile erzählt mal von Konny und Lio, mal von Konny und Paule, mal nur von Konny, der sich frei zu schwimmen versucht und doch nicht loskommt von dem behinderten Kind, dem Klotz am Bein, der ihn fast zwanzig Jahre lang gefesselt hat und den er doch aus tiefstem Herzen heraus liebt. Abwechselnd bewundert und hasst man diesen Vater, der viel falsch macht, aber Lio irgendwie auch groß kriegt, was sicher nicht ganz einfach war und mit vielen Entbehrungen einhergegangen ist.

Schon zu Anfang des Romans will der Vater seine Tochter abschieben. Will sie auf der Schwelle der Mutter aussetzen. Eine Mutter, die nun endlich auch mal ihren Beitrag zur Erziehung leisten sollte. Will anschließend ein neues, freies Leben anfangen mit seiner immer mal wieder Liebe, einer deutschen Bauhausarchitektin. Erst nach und nach erfährt der Leser, warum Konny sich danach verzehrt sich der Tochter zu entledigen. Eine Tochter, die mittlerweile zu einer Jugendlichen herangewachsen ist und dabei immer noch nicht alleine auf die Toilette gehen kann, beim Essen in einer Raststätte Schwierigkeiten hat mit Messer und Gabel umzugehen und doch die amourösen Bekannschaften einer erblühenden Frau zu pflegen scheint. Eine Entwicklung, der Vater Konny hilflos gegenüber steht.

„Atmen, bis die Flut kommt“ ist ein Roman, der dem Leser seine Geschichte nur widerwillig erzählt. Bruchstückweise gibt er sie preis und schießt dabei oft übers Ziel hinaus. Man weiß nie so genau, ob man den Worten des Erzählers trauen kann, weiß nie so ganz zwischen dem Leben mit Lio und den Comics, die Konny zeichnet, zu unterscheiden. Das ist es aber auch, was für mich den Reiz dieses Romans ausmacht. Eine Geschichte erzählen sie schließlich alle, aber keiner so wie Beate Rothmaier. Mit ihrem Erzählstil macht sie den Roman zu etwas besonderem. So besonders wie Konnys Tochter Lio und irgendwie auch schwer definierbar, schwer diagnostizierbar. Alles in allem jedoch ein Roman, der seinen Leser lange satt macht.

Beate Rothmaier – Atmen, bis die Flut kommt – ISBN 978.3.421.04495.2

Ein Blick über den Tellerrand.

Literarische Nachbarn.

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  • Lea von Pascal Mercier (Rezension)
  • Zerbrechlich von Jodi Picoult (Rezension)
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2 Kommentare zu „(Neuerscheinung) Atmen, bis die Flut kommt von Beate Rothmaier“

    1. Freut mich, dass Dir meine Rezension gefallen hat 🙂
      Der Roman traut sich was, so viel steht fest. In Zukunft möchte ich öfter Bücher lesen, die ihre Geschichten auf so ungewöhnliche Weise erzählen.

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