(Backlist) Schroders Schweigen von Amity Gaige

„Schroders Schweigen“ ist der dritte Roman der amerikanischen Schriftstellerin Amity Gaige. Geboren 1972 in Charlotte, North Carolina, studierte sie an der Brown University Englisch und Theater bevor sie Ende der 90er Jahre den renommierten Iowa Writers‘ Workshop besuchte. „Schroders Schweigen“ wurde von der einschlägigen Presse mit begeisterten Kritiken aufgenommen und wurde u.a. für den mit 40,000 GBP dotierten Folio Prize nominiert. Zur Zeit ist Amity Gaige die ansässige Schriftstellerin am Amherst College im US-Bundesstaat Massachusetts.

„Meadow ist sechs. Krank vor Sehnsucht nach der Tochter, mit der er seit der Trennung von Laura nur sehr wenig Zeit verbringen darf, setzt Eric sich mit ihr ins Auto und fährt einfach los, immer weiter, bis die kleine Reise mehr und mehr zur Flucht gerät – der zweiten in seinem Leben. Niemand weiß, dass er zwei Identitäten hat: die Erik Schroders, des Immigranten aus der DDR, und die Eric Kennedys mit der frei erfundenen, uramerikanischen Biographie. Erst im Gefängnis bricht Eric sein Schweigen. Er schreibt seiner Exfrau und erzählt ihr von seiner Vergangenheit, erzählt ihr von den gestohlenen Tagen mit Meadow.“ (Schroders Schweigen, Klappentext)

Diesem Buch mit einer Rezension gerecht zu werden, wird mir schwer fallen. Viele Vorschusslorbeeren hatte es eingeheimst, sowohl von Literaturkritikern und Literaturpreisjurys als auch von meinen Bloggerkollegen, bevor ich es endlich zur Hand nahm und fast schon befürchtete, es würde hinter meinen haushohen Erwartungen zurück bleiben. Doch weit gefehlt, von der ersten Seite an schafften es die Ausführungen Erik Schroders mich zu packen und auch wenn die Lektüre dieses Romans eine gewissen Achtsamkeit und zwangsläufig auch Langsamkeit von mir verlangte, konnte ich das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen.

Ein Buch im Buch, geschrieben von einem der Kindesentführung angeklagten Vater, an seine Ex-Frau und Mutter des entführten Kindes oder jeden, der es lesen möge – in diesem Falle ich. Ein Buch, in dem Erik Schroder mir erzählt, wo er und seine Tochter Meadow in der Woche ihres Verschwindens gewesen sind, was sie taten, wen sie trafen. Ein Buch, in dem Erik Schroder zu Eric Kennedy wird und Lüge für Lüge eine Wand aus Geheimnissen und Verfälschungen aufbaut, die ihn von seiner Familie, der alten aus Deutschland emigrierten und der neuen in Amerika angeheirateten, trennt und abschirmt. Ein Buch, in dem Autorin Amity Gaige zeigt, was sie schriftstellerisch so alles kann.

Erik Schroder ist ein gebildeter, belesener Mann, dessen Erzählung sprachlich versiert und detailliert daher kommt. Oft wird die Handlung durch Fußnoten ergänzt, die man als Leser lieben oder nur überfliegen kann. Je nach persönlichem Geschmack verleihen sie der Erzählung Authentizität, als wäre es wirklich Schroder gewesen, der hier die Feder führte und nicht Amity Gaige als Schroder. Man fühlt sich versucht diesen Roman mit Nabokovs „Lolita“ zu vergleichen, auch wenn er der sexuellen, ja im Grunde schon perversen, Komponente entbehrt, eben durch die gehobene Sprache des Erzählers, dessen Bildungshintergrund, der doch im Grunde gar nicht so distinguiert ist, wie es die Hauptfigur seit Kindertagen nur zu gerne andeutet.

An dieser Stelle frage ich mich nach dem Wesen des Klischees. Denn es scheint greifbar zu sein. Nur bin ich mir nicht sicher, ob es der klug daher redende Hochstapler ist, der die Literatur dieses Themas dominiert oder doch der kindergrapschende Hinterwäldler, der in den Nachrichten so gerne heraufbeschworen wird. Im Zweifelsfall lasse ich Amity Gaige was diese Überlegung angeht vom Haken. Denn das Endprodukt überzeugt, indem es eine Geschichte erschafft, die zwar deutlich ihre Einflüsse erkennen lässt, die ich so aber noch nie zuvor gelesen habe. Und die dabei nicht halb so kontrovers ist, wie es die Presse gerne behauptet, ist es doch ein liebender, zugegeben etwas verzweifelter Vater, der das minderjährige Mädchen durch Amerikas Nordstaaten kutschiert, und nicht etwa ein alternder Hebephiler.

Gaige basiert die Handlung ihres Romans dabei auf einem echten Fall aus den USA, nimmt ihrem Erzähler allerdings die kriminellen Tendenzen, so dass man als Leser fast schon hofft Erik Schroder und Tochter Meadow mögen der raffgierigen, wankelmütigen Mutter entkommen und auf ewig verschwunden bleiben. In Momenten wie diesen merkt man jedoch auch, wie sehr der Erzähler die Handlung zu seinen Gunsten einfärbt, den Leser, ob nun ein vom Gericht beauftragter Gutachter oder einfach die Person, die das Buch gerade in Händen hält, auf seine Seite zu ziehen versucht und es größtenteils auch schafft. Das zeugt, meiner Ansicht nach, von großer Erzählkunst und einem ausgeklügelten Spiel mit den Sympathien des Lesers in einem.

„Schroders Schweigen“ ist kein einfaches Buch, weder stilistisch noch für das Gewissen des Lesers. Doch es ist ein Buch, dass ein wichtiges, Familien entzweiendes, Thema aufgreift, von dem ich mich ehrlich gesagt wundere, dass es in der Literatur so lange brach gelegen hat. Amity Gaige macht sich einen Namen als große, amerikanische Erzählerin, die nicht vor konfliktbeladenen Geschichten zurückscheut und diese doch Mainstream-tauglich aufzubereiten weiß. Diese Leserin hat somit eine neue Lieblingsautorin entdeckt und in ihrem Roman „Schroders Schweigen“ ein Buch, das sich alle darin gesetzten Erwartungen zu erfüllen traute und mehr.

Amity Gaige – Schroders Schweigen – ISBN 978.3.446.24366.8

Ein Blick über den Tellerrand.

Literarische Nachbarn.

  • Lolita von Vladimir Nabokov
  • Mr. Lamb von Bonnie Nadzam
  • The Ice Age von Kirsten Reed (Rezension)
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7 Kommentare zu „(Backlist) Schroders Schweigen von Amity Gaige“

  1. Da hast du mal wieder eine ganz tolle Rezension geschrieben!
    Habe richtig Lust bekommen, das Buch auch mal zu lesen. Mir gefällt ja vor allem an deinen Rezis, dass in ihnen deutlich wird, dass du etwas von dem verstehst, was du da tust. Ganz dickes Lob!

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