(Neuerscheinung) Blaubart von Amélie Nothomb

„Blaubart“ ist die 17te Veröffentlichung der belgischen Autorin Amélie Nothomb, in deutscher Übersetzung. Amélie Nothomb, die eigentlich Fabienne-Claire mit Vornamen heißt, wurde 1966 als Tochter eines Diplomaten, im belgischen Etterbeek geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie größtenteils in Asien, bevor sie zum Studium der Romanistik nach Europa zurückkehrte. Mit ihrem Debüt „Die Reinheit des Mörders“ legte sie den Grundstein zu ihrer lang-jährigen Schriftstellerkarriere, der sie sich von Anfang an hauptberuflich widmen konnte.

„Ein Stadtpalais mit einem Blaubart des 21. Jahrhunderts teilen – warum nicht? Jedenfalls besser, als auf dem Bettsofa einer Freundin in der Banlieue zu nächtigen, findet Saturnine. Außerdem macht der Hausherr auf sie keinen allzu gefährlichen Eindruck. Doch da täuscht sie sich womöglich. Acht Frauen haben bisher bei ihm gewohnt, und alle acht sind wie vom Erdboden verschluckt. Wurden sie ermordet? Saturnine kann und will das nicht glauben. Denn je besser sie Don Elemirio kennenlernt, umso mehr verfällt sie seiner Exzentrik. Noch dazu lässt er zu Hummer und feinster Patisserie köstlichen Champagner kredenzen. Wer könnte da schon widerstehen.“ (Blaubart, Klappentext)

Was das, diesem Buch zu Grunde liegende, Märchen angeht, bin ich noch ganz unbeleckt. Demnach hatte ich auch keine besonderen Erwartungen an das Buch, als ich es zur Hand nahm, abgesehen vielleicht davon, dass ich erwartete Amélie Nothomb solle wieder so frech und spritzig sein, wie ich sie aus „Reality Show“ kannte. Diese Erwartung wurde auch bis zum Anschlag erfüllt. Von der ersten Seite an, war ich überzeugt und das hat sich bis zum bitteren, und dabei überaus ironischen, Ende gehalten. Lange habe ich mich nicht mehr so gut amüsiert und das obwohl „Blaubart“ mit seinen 140 Seiten ein literarisches Fliegengewicht ist. Doch dieses Fliegengewicht hat einen verdammt raffinierten linken Haken, vor dem sich der geneigte Leser in acht nehmen sollte.

Der Leser trifft Hauptfigur Saturnine während sie darauf wartet sich für eine Wohnung im VII. Arondissement in Paris vorstellen zu dürfen. Mit ihr warten unzählige weitere Frauen, warten sehnsüchtig darauf vom spanischen Granden Don Elemirio in Augenschein genommen zu werden. Saturnine ist die einzige, der sein Name nichts sagt, bzw. nichts bedeutet. Gehört hat sie natürlich schon von dem berüchtigten Adligen, dessen Untermieterinnen zunächst luxuriös wohnen und anschließend spurlos verschwinden. Das da etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, muss man Saturnine gar nicht erst groß erklären. Sie, und damit der Leser, weiß schon von Anfang an, dass sie ein Zimmer im Haus eines gewieften Serienmörders beziehen wird, auch wenn sie sich noch nicht darüber im klaren ist, wie genau Don Elemirio die acht jungen Frauen, die vor Saturnine in seinem Haus lebten, zur Strecke gebracht hat.

Und auch wenn man Saturnine, von der man nicht genau weiß ob sie nun abgeklärt oder einfach nur naiv ist, als Leser bitten ja geradezu beknien möchte es nicht zu tun, zieht sie noch am gleichen Tag bei Don Elemirio ein. Dort erwartet sie ein beeindruckendes Zimmer mit eigenem Bad und ein Adliger in der Küche, dem nichts größere Freude zu bereiten scheint, als für sie zu kochen. Und so lässt sie sich darauf ein, auf das Zimmer in der Höhle des Löwen, auf ein Abenessen mit ihm und dieses Abendessen legt den Grundstein für eine überaus kuriose und doch äußerst eloquente Paarung. Sobald der Hauptgang aufgetischt wird, zeigt Amélie Nothomb was sie kann und das ist Dialoge zu schreiben, die unglaublich gut unterhalten, auch wenn sie mal kurios sind, zum Beispiel wenn Don Elemirio vom Ablasshandel erzählt und diesen mit einer gesunden Verdauung in Verbindung bringt.

So fühlt man sich versucht die 140 Seiten in einem Rutsch zu lesen, doch ich bitte Dich, liebe Leserin, an dieser Stelle, dies nicht zu tun. Denn „Blaubart“, seine Dialoge und sein trockener Witz, wollen langsam und bedächtig genossen werden. Lass Dir dieses Buch auf der Zunge zergehen, wie eine süße Eiercreme in einer gold umrandeten Tasse. Denn wer sich Zeit nimmt, wer es schafft sich im Zaum zu halten und die Spannung zwischen den zwei Figuren sich ausdehnen zu lassen, den wird das Ende umso mehr in seinen Bann ziehen. Natürlich verrate ich es an dieser Stelle nicht, das wäre unverzeihlich, aber eines sage ich Dir schon jetzt, liebe Leserin – es wird Dich überrollen. Auch mich hat es für die Dauer eines Kapitels niedergestreckt, um mich dann in luftige Höhen aufsteigen zu lassen, wie Gasbläschen in einem Glas teurem Champagner.

„Blaubart“ ist ein kurzes Vergnügen, doch ein Vergnügen ist es auf jeden Fall. Amélie Nothomb schreibt so, wie nur sie es kann, mit reichlich scharfem Humor und Seiten um Seiten punktgenauer Dialoge. Auf 140 Seiten steht kein Wort zu viel, wird keine Pointe unnötig in die Länge gezogen, der Leser unnötig auf die Folter gespannt. Ein literarisches Amuse-bouche, dem man die Zeit geben sollte, seinen vollen Geschmack, die ganze Bandbreite seiner Wirkung auf die Sinne des Lesers, zu entfalten. Ich kann leider nicht für diejenigen Leser sprechen, die mit dem Märchen bereits vertraut sind, aber allen anderen kann ich versichern, dass es nicht nötig ist die Melodie zu kennen, um Amélie Nothombs Improvisation darauf von der ersten bis zur letzten Seite zu genießen.

Amélie Nothomb – Blaubart – ISBN 978.3.257.06894.8

Ein Blick über den Tellerrand.

Literarische Nachbarn.

  • Little Bee von Chris Cleave (Rezension)
  • True things about me von Deborah Kay Davies (Rezension)
  • Das Gesicht des Mondes von Alice Sebold (Rezension)

9 Kommentare zu „(Neuerscheinung) Blaubart von Amélie Nothomb“

  1. Ich hätte noch einen literarischen Nachbarn „Mr. Fox“ von Helen Oyeyemi, das basiert auf der britischen Version von Blaubart (Mr. Fox). Ich war gleich fasziniert von diesem unheimlichen Märchen und muss gleich Nothomb’s Buch lesen. Danke für den Tipp!

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