(Neuerscheinung) Der See von Banana Yoshimoto

„Der See“ ist der achte Roman der japanischen Autorin Mahoko Yoshimoto, in deutscher Übersetzung. Geboren 1964 in Tokio als Tochter eines Literaturkritikers und einer Haiku Dichterin, studierte sie japanische Literatur bevor sie unter ihrem Pseudonym Banana Yoshimoto ihren Debütroman „Kitchen“ veröffentlichte. Im August 2000 heiratete sie den Komplementärmediziner Tahada Hiroyoshi mit dem sie einen Sohn hat. Ihr Roman „Der See“ stand 2011 auf der Longlist des „Man Asian Literary Prize“.

„Abend für Abend steht er am Fenster, eine fast körperlose Silhouette. Seine Nachbarin von schräg gegenüber fühlt sich zu ihm hingezogen. Zwei junge Menschen in der Großstadt Tokio. Eine Annäherung beginnt. Chihiro, Kunststudentin, genießt es, als ihr Nachbar Nakajima, Medizinstudent, immer häufiger über Nacht bei ihr bleibt, sie fühlt sich bei ihm aufgehoben. Sie ist Kind einer glücklichen, aber nie legalisierten Liaison zwischen einer Bardame und einem reichen Geschäftsmann, hat viel erlebt und ist eine Frau, die mit dem Körper denkt. Daher spürt sie umso deutlicher, dass Nakajima mit seinem Körper nicht zurechtkommt. Dass er etwas erlebt haben muss, was ihn lähmt. Eines Tages bittet er sie, ihn zu begleiten: zu zwei Freunden an einen einsamen, geheimnisvollen See. Dort scheint er etwas zu suchen, was ihn von einer unheilvollen Vergangenheit befreien könnte.“ (Der See, Klappentext)

Es fängt damit an, dass die junge Künstlerin Chihiro ihrem Nachbarn, dem Medizinstudent Nakajima, über die Häuserschlucht zwischen ihren Fenstern hinweg schüchterne Grüße zuwirft. Bald schon suchen die beiden nach einander und sehnen sich, wenn der andere mal nicht am Fenster erscheint. Es verbindet sie eine Liebe, die zunächst nur in der Vorstellung existiert – wie das Bild, das Chihiro auf eine kleine Mauer malen soll, die eine Kindertagesstätte umgibt, deren Gebäude bald abgerissen werden sollen. Vielleicht kann Chihiros Kunst den Abriss verhindern. Vielleicht kann Chihiros Liebe Nakajima vor der zerstörerischen Kraft seiner Erinnerungen bewahren. So ganz findet es der Leser, in diesem Falle ich, auch nach Ende der Lektüre nicht heraus.

Die Prosa von Banana Yoshimoto ist, ähnlich wie der Name der Autorin, nicht ganz von dieser Welt. Das wusste ich schon nachdem ich im letzten Jahr ihren Debütroman „Kitchen“ gelesen habe. Die Umgebung in der sich die Figuren befinden, in der sie lieben und leiden, reflektiert das, was in ihnen vorgeht, und ein See wird so zum Spiegelbild des zerrütteten Innenleben von Nakajima, zum Sinnbild der hilflosen Bemühungen Chihiros ihn in dieser Welt zu verankern. Denn Nakajima leidet an seinen Erinnerungen oder vielmehr daran, dass er keine hat. Als Kind von einer Sekte entführt und glauben gemacht, er wäre seit seiner Geburt in deren Obhut. Seine Mutter, die verzweifelt den verlorenen Sohn sucht, die die Hoffnung darauf ihn eines Tages wieder in ihre Arme schließen zu können nicht aufgibt, ist vergessen. Doch das nagende Gefühl, das es etwas außerhalb der Gemeinschaft geben muss bleibt.

Mit ähnlichen Gefühlen muss sich Chihiro herum schlagen, die gerade erst ihre Mutter gepflegt und letztendlich in den Tod begleitet hat. Insofern entdecke ich altbekannte Themen, die mir auch schon bei anderen asiatischen Autoren begegnet sind (siehe „literarische Nachbarn“). Mutterschaft, bzw. die späte Reue der Tochter, die erst nach dem Verlust bemerkt, wie man sich für sie aufgeopfert hat, wie sehr ihre Mutter dafür gekämpft hat, das ihre Kinder ein gutes Leben führen können. Das trifft sowohl auf Chihiros Mutter zu als auch auf die von Nakajima. In Chihiros Fall gab sie sich mit dem Leben als Geliebte zufrieden, ließ dem Vater von Chihiro eine lange Leine und nahm gesellschaftliche Ächtung in Kauf, so dass Chihiro nun den Vater um ein Darlehen bitten kann, wenn es unbedingt nötig ist.

Abgesehen von der äußerst feinfühligen Geschichte um zwei an sich selbst leidende junge Liebende, von denen einer besser mit den schmerzlichen Erinnerungen fertig zu werden scheint als der andere, ist dieses Buch auch sprachlich sehr angenehm. Man taucht darin ein, wie in einen kühlen See. Der Morgennebel hängt noch in der Luft, während man durch die Sätze taucht und hier und dort ein Wort verschluckt. Trotz der Melancholie, die man zu empfinden geneigt ist, wenn Nakajima zum Beispiel von seiner Entführung erzählt, liest sich dieses Buch unvergleichlich entspannt. Banana Yoshimoto flicht hier und da ein paar magische Elemente ein, die dem Roman eine ganz individuelle Note verpassen. Und obwohl das Buch nicht gerade umfangreich ist, fühlt man sich nach der Lektüre trotzdem angenehm belebt.

Ich für meinen Teil habe wieder hochzufrieden ein Buch von Banana Yoshimoto zugeklappt, wurde ähnlich wie Nakajima von ihr entführt, an den magischen See, zu dem es auch Chihiro mehr als einmal hin zieht und der seine Geheimnisse doch nie ganz preis gibt. „Der See“ ist ein Roman, dessen Facettenreichtum den Leser geradezu nötigen ihn für eine wiederholte Lektüre vorzumerken. Ich trage mein Exemplar, bzw. die Erinnerung daran, nahe meinem Herzen und empfehle die Lektüre all den Träumern unter euch. All jenen, denen die Melancholie nicht fremd ist und die doch offen sind dafür, die Magie im Alltäglichen, in den kleinen Gefühlen und Sehnsüchten des menschlichen Zusammenlebens, zu entdecken. Das Bad im See von Banana Yoshimoto wird euch erfrischen und verzaubern.

Banana Yoshimoto – Der See – ISBN 978.3.257.06897.9

Ein Blick über den Tellerrand.

Literarische Nachbarn.

  • Als Mutter verschwand von Kyung-Sook Shin (Rezension)
  • Das Huhn, das vom Fliegen träumte von Sun-Mi Hwang
  • 20 fragments of a ravenous youth von Xiaolu Guo

10 Kommentare zu „(Neuerscheinung) Der See von Banana Yoshimoto“

  1. Ich bin ein großer Fan von Banana Yoshimoto, sie hat so ihre ganz eigene Art zu erzählen und nimmt einen immer wieder mit in diese halb-mystischen Innenwelten der Figuren. Auf dieses Buch bin ich schon sehr gespannt, es fehlt mir noch, sonst hab ich alles von ihr gelesen.

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    1. Bei mir ist es fast genau umgekehrt 🙂
      Ich habe erst zwei Banana Yoshimoto Romane gelesen, den ersten und den neusten, und kann es nun gar nicht erwarten die Lücke zwischen den beiden Büchern zu füllen. „Tsugumi“ und „Ihre Nacht“ stehen hier schon im Regal, bzw. in den Startlöchern 😉

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      1. Viel Spaß damit 🙂 Es sind nicht alle so gut wie Kitchen aber sie sind alle in einem ähnlichen Stil. 🙂

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  2. Ich habe von ihr nur „Tsugumi“ gelesen. Fand ich ganz gut aber mehr auch nicht. Letzten Sommer habe ich mich auf einer Wanderung in der Schweiz mit einem Japaner unterhalten, der meinte, dass ihr Vater in Japan um einiges populärer sei.

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    1. Das ist interessant. Laut dem Diogenes Verlag soll Yoshimoto eine Jugendsensation sein oder gewesen sein – zur Zeit von „Kitchen“ vielleicht. Die erste literarische Stimme, die sich an junge Japaner richtet. Ich weiß das aber natürlich auch nur aus zweiter Hand.
      „Der See“ hat mir jedenfalls gut gefallen. „Tsugumi“ habe ich allerdings noch vor mir.

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      1. Da kann auch gut sein. Die Sprachbarriere war ziemlich groß 🙂 Auf jeden Fall meinte, dass der Vater aufgrund seines Einsatzes in der Studentenbewegung recht beliebt sei.

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  3. Bücher von Banana Yoshimoto zu lesen, ist für mich wie Meditation für die Augen, liebe Bücherphilosophin. Jedes Buch nimmt mich mit auf eine kleine Seelenreise der besonderen Art. Deshalb schätze ich ihre Bücher auch so und zähle mich zu ihrer treuen Fangemeinschaft. Insofern habe ich mit einem Lächeln deine Rezension gelesen und meine Gedanken – die ich in meiner Rezension ebenfalls geteilt habe – darin wiedergefunden. In Banana Yoshimotos Büchern fühle ich mich stets wohlig entspannt und glücklich. In diesem Sinne danke ich dir für deine schöne Besprechung!

    Ganz liebe Grüße,
    Klappentexterin

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    1. Ich danke Dir, liebe Klappentexterin. Denn durch Dich wurde ich überhaupt erst auf Banana Yoshimoto aufmerksam – zu deren Fangemeinde ich nun ebenfalls gehöre 🙂

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  4. Ein wirklich im wahrsten Sinne des Wortes „phantastischer“ Roman, bei dem mir gerade die magisch-entrückten Elemente super gut gefallen haben, weil sie sich so natürlich ins Geschehen verweben. Ich weiß allerdings nicht, liebe Bücherphilosophin, ob ich die Entführungsgeschichte gespoilert hätte – ich persönlich empfand das jedenfalls schon als spannendes Rätsel. Mmh, aber nichtsdestotrotz gibt es ja immer noch viele weitere kleine Geheimnisse, die man in der Geschichte entdecken kann 😉 Ganz liebe Grüße, Karo

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    1. Seine Meinung zum Inhalt eines Romans zu sagen, scheint mir immer ein kleiner Drahtseilakt zu sein. Besonders dann wenn der Roman so kurz ist wie „Der See“. Was schreibt man rein, was lässt man weg… Das kommt natürlich darauf an, wie man das Buch liest. Ich persönlich empfand eher das Ende der Liebesgeschichte als Spoiler oder ob Nakajima wirklich am Ende Selbstmord begeht.
      Dass die Entführungsgeschichte einen Teil der Spannung ausmacht, wurde mir erst im Nachhinein, durch Deinen Kommentar, bewusst. Nun ist die Rezension geschrieben und veröffentlicht, aber ich hoffe natürlich trotzdem, dass ich damit niemandem die Spannung verdorben habe.

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