(Neuerscheinung) Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie

„Americanah“ ist der dritte Roman der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie. Geboren 1977 als fünftes von sechs Kindern, studierte sie zunächst Medizin und Pharmazie. Ein Studium, das sie allerdings zugunsten eines Abschlusses in Kommunikations- und Politikwissenschaft an einer amerikanischen Universität abbrach. Mit 19 Jahren ging Adichie in die USA, wo sie heute noch zeitweise lebt. Ihre damaligen Erfahrungen von Identität und Rasse flossen in ihren neusten Roman mit ein. „Americanah“ ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt für den „Bailey’s Women’s Prize for Fiction“ nominiert.

„Die große Liebe von Ifemelu und Obinze beginnt im Nigeria der neunziger Jahre. Dann trennen sich ihre Wege: Während die selbstbewusste Ifemelu in Princeton studiert, strandet Obinze als illegaler Einwanderer in London. Nach Jahren kehrt Ifemelu als bekannte Bloggerin von Heimweh getrieben in die brodelnde Metropole Lagos zurück, wo Obinze mittlerweile mit seiner Frau und Tochter lebt. Sie treffen sich wieder und stehen plötzlich vor einer Entscheidung, die ihr Leben auf den Kopf stellt.“ (Americanah, Klappentext)

Lange habe ich das Schreiben dieser Rezension vor mir her geschoben. Irgendwie wollten die richtigen Worte einfach nicht kommen. Mein Kopf, der die Geschichte von Ifemelu und Obinze noch Tage zuvor so sehr genossen hatte, blieb leer. So brauchte ich für das Lesen dieses 600 Seiten langen Roman weniger als die Hälfte der Zeit, die ich dafür brauchte mir eine Meinung darüber zu bilden, die – wie sollte es auch anders sein – natürlich überaus positiv ausfällt. Denn Chimamanda Ngozi Adichie meistert mit „Americanah“ den Spagat zwischen Unterhaltung und Sozialkritik. Sie lässt ihren Leser, in diesem Falle mich, in die Haut einer emigrierten Afrikanerin schlüpfen, die in den USA angekommen auf einmal schwarz ist.

Ifemelu ist dem Leser nicht immer sympathisch, ist öfter kratzbürstig und unzufrieden mit ihrem, im Grunde glücklichen, Leben, als dass sie es zu genießen weiß. Man trifft sie auf dem Weg zu einem Afro-Friseur in der nächstgelegenen Stadt, zu diesem Zeitpunkt ist sie bereits seit über zehn Jahren in Amerika. Diese Episode, die sehr humorvoll geschrieben ist, fungiert für einen Zeitraum als Rahmenhandlung des Romans. Während Ifemelu sich Zöpfe flechten lässt, von einer Senegalesin mit gleich zwei nigerianischen Liebhabern, die sie Ifemelu unbedingt vorstellen möchte, damit diese sie davon überzeugt, der Flechterin einen Heiratsantrag zu machen, laufen im Hintergrund in Endlosschleife nigerianische Filme. In dieser Umgebung bändelt Ifemelu per Email mit ihrem in Nigeria gebliebenen Ex Obinze an.

Obinze, der ihr zu Studienzeiten den Kopf verdrehte, so wie es niemals wieder ein Mann geschafft hat, auch wenn es ein paar Kandidaten gab, die nah dran waren. Von diesen beiden Männern und von Ifemelus Zeit mit Obinze wird berichtet und das mehr oder weniger linear. Der Leser kriegt also einen Rundumblick, der zu Schulzeiten Ifemelus beginnt und mit ihrer Rückkehr nach Nigeria endet. Ein Ende, das ich an dieser Stelle nicht vorweg nehmen möchte, also nur so viel dazu. Außerdem gibt es neben den überwiegenden Erzählpassagen, die Ifemelus Leben aus der dritten Person beleuchten, auch Momente in denen es nur um ihren ehemaligen Geliebten Obinze geht. Und auch wenn diese weitaus weniger ausführlich sind, kriegt der Leser doch einen guten Eindruck vom Leben der zweiten Hauptfigur.

Denn „Americanah“ ist nicht nur ein Buch über Nigeria, Auswanderer und US-amerikanischen Rassismus, sondern vor allem auch eine Liebesgeschichte. Ifemelu und Obinze füllen die Seiten, lieben sich und sehnen sich nach einander, selbst als Ifemelu aus Geldnot ein unmoralisches Angebot annimmt und es anschließend nicht mehr über sich bringt den Geliebten im fernen Nigeria zu kontaktieren. Dieser Fokus auf die Lebens- und oft auch Leidensgeschichten der beiden Hauptfiguren und ihrer Familien, macht diesen Roman, trotz seiner sehr deutlichen Sozialkritik am amerikanischen Kastensystem, äußerst unterhaltsam und ebenso eingängig wie einen guten Schmöker, nur eben mit Anspruch und Denkanstoß.

Lange habe ich keinen so rundherum gelungenen Roman mehr gelesen, „Americanah“ stellt dieses Jahr wirklich alles in der Schatten. Wenn man das Buch zur Hand nimmt, scheint sein schierer Umfang einen zunächst etwas zu überwältigen. Doch sobald man sich eingelesen hat, was bei mir keine 20 Seiten dauerte, mag man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Denn Chimamanda Ngozi Adichie erzählt am Beispiel Ifemelus und Obinzes die Geschichte nigerianischer Auswanderer, der Schwierigkeiten die das Leben im Ausland mit sich bringt und die Fremdheit, die man verspürt, wenn man wieder ins Heimatland zurückkehrt, ob nun als „Americanah“ oder einfach nur als man selbst.

Chimamanda Ngozi Adichie – Americanah – ISBN 978.3.10.000626.4

Ein Blick über den Tellerrand.

Literarische Nachbarn.

  • Ungehorsam von Naomi Alderman (Rezension)
  • Von der Schönheit von Zadie Smith (Rezension)
  • Kleines Wörterbuch für Liebende von Xiaolu Guo (Rezension)
  • Über die Liebe und den Hass von Rachida Lamrabet (Rezension)
Advertisements

14 Kommentare zu „(Neuerscheinung) Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie“

  1. Ich muss zugeben, dass ich bisher von dem Buch bzw. der Autorin noch nichts gehört habe. Deine Rezension klingt aber richtig interessant! Wow! Hier hast du mich echt neugierig gemacht. Das Buch werde ich mir näher anschauen.
    Herzlichen Dank!

    Hab nen schönen Freitag!
    SaCre

    Gefällt mir

  2. Hej, liebe Bücherphilosophin,
    lese deinen Beitrag mit einem Lächeln. Finde alles wieder, was ich auch so mochte an diesem Buch. Möchte dir deshalb gern sagen, dass du nicht allein bist mit deiner Begeisterung für „Americanah“..
    Schöne Grüße, masuko

    Gefällt mir

  3. „Rundherum gelungen“ – das ist die genau richtige Beschreibung für diesen großartigen Roman, liebe Bücherphilosophin. Sowohl masuko13 (http://masuko13.wordpress.com/2014/05/29/chimamanda-ngozi-adichie-americanah-roman-einer-bloggerin/) als auch ich (http://klappentexterin.wordpress.com/2014/05/22/nichts-ist-einfach-aber-auch-nichts-unmoglich/) sind von Americanah mehr als angetan. Mit anderen Worten: Dieser Roman ist einfach ’ne Wucht! Und wie schön, dass dies nicht das einzige Buch dieser außergewöhnlichen Autorin ist. Wir können also noch einiges von ihr entdecken.

    Sonnige Grüße aus Berlin,
    Klappentexterin

    Gefällt mir

  4. “ ‚Americanah‘ stellt dieses Jahr wirklich alles in der Schatten.“ Wie wahr! Dem kann ich nur zustimmen. Ich freu mich, dass dich „Americanah“ genauso überzeugen konnte wie mich! Du hast aber auch gleich wieder mein schlechtes Gewissen geweckt 😉 , da auch ich noch nicht die richtigen Worte für eine Rezension gefunden habe – und dabei ging mir während des Lesens so viel durch den Kopf. Momentan dreht „Americanah“ ja auf diversen Blogs seine Runden und ich ärger mich, dass ich – obwohl die Lektüre nun schon ein paar Monate her ist – noch nicht zu einem eigenen Lesebericht gekommen bin.

    Gefällt mir

    1. Wenn Dir ebenfalls die Worte fehlen, dann muss es wohl am Roman liegen 😉 Aber mal ernsthaft, mach Dir keinen Stress. Ich spürte die Worte fast von selbst kommen, sobald ich aufhörte mir darüber Sorgen zu machen, ob sie überhaupt kommen würden.

      Gefällt mir

      1. Ich habe seit etwa einem Jahr immer mal wieder solche Phasen, in denen bestimmte Bücher etwas ganz Besonderes in mir auslösen und mir beim Lesen so viel durch Kopf schwirrt, das es festzuhalten gilt – aber sobald das Buch beendet ist, schaffe ich es irgendwie für mehrere Monate nicht, all diese Eindrücke auch zu verschriftlichen. Zum Glück sind solche Bücher dann aber immer so einprägsam, dass ich die Empfindungen und Eindrücke beim Lesen auch noch nach einem halben Jahr in bester Erinnerung habe 😉 Aber beruhigend, dass es hin und wieder auch anderen Bloggern so geht.

        War „Americanah“ eigentlich dein erstes Buch von Chimamanda Ngozi Adichie?

        Gefällt mir

    2. Ist es, obwohl ich „Die Hälfte der Sonne“ schon seit Ewigkeiten auf dem Kindle hab. Wie das manchmal so ist, der Elektro-SuB wird bei mir immer als letztes abgetragen. Der Anstoß das Buch gleich nachzulegen, ist jetzt aber definitiv da.
      Und was ist mit Dir, ist „Americanah“ Deine erste Begegnung mit Adichie?

      Gefällt mir

      1. Das mit dem digitalen SUB geht mir genauso – wenn ich ein Buch nicht regelmäßig vor der Nase habe, „vergesse“ ich es. 😉

        Ich habe „Die Hälfte der Sonne“ 2007 auf Englisch gelesen, also kurz nach Erscheinen.Mittlerweile weiß ich leider fast nichts mehr von der Handlung. Aber während „Americanah“ durch die Liebesgeschichte noch – wie du schreibst – eine Art Unterhaltungsfaktor hat, ist „Half of a Yellow Sun“ durch die Kriegsthematik deutlich politischer und insgesamt eine schwerere Kost. Auch würde ich das Buch zartbesaiteten Lesern nicht empfehlen, da manche Geschehnisse bzw. Folgen des Krieges sehr anschaulich geschildert werden, da geht es auch schon mal etwas „blutig“ zu. Mir hat das Buch damals gut gefallen, sodass ich, als ich in der Buchhandlung „Americanah“ sah, gar nicht erst in „Americanah“ reinlas, sondern das Buch gleich mitnahm, als ich den Namen Chimamanda Ngozi Adichie las 😉

        Leider habe ich „Half of a Yellow Sun“ irgendwann mal in einem Aufräumwahn über Tauschticket weggegeben, was mich inzwischen richtig ärgert – insbesondere da nun der Film erschienen ist und ich vorher gerne noch mal einen Blick ins Buch geworfen hätte.

        „Purple Hibiscus“ – C. N. Adichies ersten Roman – habe ich allerdings noch nicht gelesen (der soll aber ebenfalls sehr gut sein).

        Gefällt mir

  5. Liebe Bücherphilosophin, ich habe mir deine Rezension aufgespart, bis ich selbst mit dem Lesen und Bloggen des Romans durch war. Mir ging es nämlich sehr ähnlich wie dir: Es fiel mir schwer, „Americanah“ mit Worten gerecht zu werden. Weil sich das Buch in kein Schema pressen lässt und es sehr vielschichtig ist – wie sich also fokussieren? Aber ich finde, es ist dir am Ende prima gelungen, einen Leseeindruck zu vermitteln – vor allem, weil es Chimamanda tatsächlich gelingt, dass man „in die Haut einer emigrierten Afrikanerin schlüpft“, wie du schreibst. Herzlich, Karo

    Gefällt mir

Ich kann leider keine Gedanken lesen, also freue ich mich über Deinen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s