(Backlist) Ich bin China von Xiaolu Guo

Xiaolu Guo ist eine der wenigen Autorinnen deren neue Bücher ich blind kaufen würde. Denn auch wenn sie alle sehr unterschiedlich sind – nicht etwa wie die Romane von Jodi Picoult und Co., wo man im Grunde genau weiß was man kriegt – sind sie doch jedes Mal so einfallsreich, dass die Lektüre mir die Horizonte erweitert, in einer Weise, wie es nur ein gutes Buch zu tun vermag…

130_0607_153218_xl„In einem Land, in dem die Freiheit ein rares Gut ist, sind die beiden Liebenden Mu und Jian Teil einer subversiven jungen Künstlerszene. Mit Musik und Literatur wollen sie gegen die politische Unterdrückung kämpfen und für das Recht ihrer Generation, frei zu leben. Bis sie die zerstörerische Kraft der chinesischen Staatsmacht zu spüren bekommen und plötzlich nicht nur ihr gemeinsames Leben auf dem Spiel steht.“ (Ich bin China, Klappentext)

Wenn ich es mir so recht überlege, ist das neue Buch von Xiaolu Guo wohl ihr Mainstream-tauglichstes bisher – die perfekte Einstiegslektüre für jeden, der diese Autorin immer schon mal etwas besser kennen lernen wollte, den die experimentellen Darbringungsweisen ihrer anderen Romane bisher aber verschreckt haben. Für mich war es fast schon eine kleine Enttäuschung, dass Guo sich nichts spacigeres für ihre Geschichte hat einfallen lassen. Die Geschichte in der Geschichte war aber letztlich doch interessant genug, um mich literarisch zufrieden zu stellen. Guo ist vielleicht nicht mehr die junge Wilde, die sie einst war, aber ihre Bücher sind nach wie vor sehr lesenswert. „Ich bin China“ ist wie erwähnt nur eben um einiges zugänglicher als das was ich sonst von ihr kenne.

Übersetzerin Irina lebt in London und kriegt von einem kleinen Verlag ein mysteriöses Manuskript geschickt, das es aus dem Chinesischen zu übersetzen gilt. Ihre Arbeit muss sie jedoch höchst geheim halten, denn bei der Hauptfigur der Dokumente, Tagebucheinträge und Briefe handelt es sich um eine, aus der Perspektive des chinesischen Staates betrachtet, sehr kontroverse Person. Wer genau diese Person eigentlich ist, wird jedoch bis zum Ende nicht verraten, Guo macht es somit spannend. Zunächst wird sie mir nur als Kublai Yan, ein progressiver Rockstar und Autor eines staatskritischen Manifests, vorgestellt. Ich entdecke seine Geschichte, die nicht nur eine Lebens-, sondern auch eine Liebesgeschichte ist, im gleichen Tempo wie Übersetzerin Irina. Die Informationen tröpfeln nach und nach in die Handlung und somit auch in meinen Kopf. Manchmal geht es mir nicht schnell genug, aber damit muss ich mich wohl oder übel abfinden.

Die Rahmenhandlung hält die stark fragmentierte Erzählung über Kublai Yan und seine Geliebte zusammen. Und auch wenn ich gerne mehr über Irina, ihr Leben in London und ihre Liebelei mit dem Inhaber des Kleinverlages erfahren würde, muss ich bald erkennen, dass es hier nicht um die Übersetzerin geht. Im Grunde hätte Guo sie sich auch schenken können, mir scheint die Rahmenhandlung wurde konzipiert um die eigentliche Geschichte spannender zu machen. Durch Irinas Gedanken über die von ihr übersetzten Dokumente, ihre Korrespondenz mit dem Inhaber des Verlages, der sie ihr hat zukommen lassen, erfährt der Leser, wie sich das eine ins andere fügt und so zwei Biografien entstehen. Oft wird das Ende eines Abschnitts in Kublai Yans Leben lange vor dem Anfang erzählt und Irina hilft mir dabei, alles wieder in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Ich las diesen Roman direkt nachdem ich meinen Guo Favoriten gelesen hatte, und ich muss zugeben, dass ich mir ein Buch gewünscht hätte, das gegenwartslastiger und europäischer ist. Doch das waren Erwartungen, die Guo nie zu erfüllen versprochen hatte, denn „Kleines Wörterbuch für Liebende“ ist der eine Roman in ihrer Bibliografie, der ein bisschen aus der Reihe tanzt. „Ich bin China“ passt perfekt hinein in eine Riege aus Geschichten, die sich alle in der einen oder anderen Weise mit dem Leben im modernen China auseinander setzen, ob nun in der Hauptstadt (20 Fragments of a Ravenous Youth) oder auf dem Land (Ein UFO, dachte sie). Insofern sollte ich mich nicht beschweren und das nächste Mal lieber den Klappentext genauer studieren 😉

Meine kleine Enttäuschung soll hier aber nicht Wortführerin werden. Denn im Grunde ist dieses Buch ein solides Stück Gegenwartsliteratur, das ich in angenehmer Erinnerung behalten werde. Guo schafft es Spannung in die Geschichte eines Suchenden, eines scheinbar ziellosen Wanderers hinein zu bringen, sprenkelt hier und dort noch eine Liebesgeschichte ein, die Mal glücklich und ein anderes Mal weitaus weniger glücklich verläuft. Im Grunde komponiert sie so ein Buch, das universell lesbar ist. Egal wo man her kommt und wer man ist, dieser Roman wird einem etwas sagen können oder einen zumindest gut unterhalten. Wer ganz unbeleckt an diese Geschichte heran geht, wird auch nicht den Vergleich mit seinem eigentlichen Lieblingsbuch der Autorin im Nacken sitzen haben, wie es mir leider passiert ist. Denn „Ich bin China“ ist letztlich ein überaus formschöner, rundherum gelungener und kunstvoll konzipierter, dabei aber nicht abgehobener Roman, der alle erdenklichen Leser wird zufriedenstellen können, mich eingeschlossen.

Ich bin China – Xiaolu Guo – ISBN 978.3.8135.0607.5

Für Leser, die…

  • …gerne mal über den Tellerrand schauen.
  • …weltpolitisch interessiert sind.
  • …sich eine Geschichte zu erarbeiten bereit sind.

Am besten kombiniert mit…

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