(Reread) Weißer Oleander von Janet Fitch

Als Jugendliche begeisterte mich die Geschichte, der Kampf von Hauptfigur Astrid um Unabhängigkeit von ihrer übermächtige Mutter. Zehn  Jahre später bringt mich nun der Schreibstil ins Schwärmen. Janet Fitch legt mit „Weißer Oleander“ einen poetischen Coming-Of-Age Roman vor, der schon lange zu meinen Lieblingsbüchern zählt.

51iroQeMyuL._SY344_BO1,204,203,200_„Der weiße Oleander blüht in Kalifornien im Hochsommer. Dann, wenn die Hitze unerträglich erscheint. Für die zwölfjährige Astrid beginnt zu dieser Zeit eine ruhelose und dramatische Odyssee von Pflegefamilie zu Pflegefamilie. Ihre Mutter, eine exzentrische Schriftstellerin, die zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt ist, vermag weiterhin einen dominanten Einfluss auf sie auszuüben. Erst allmählich gelingt es dem sensiblen und klugen Mädchen, einen eigenen Platz im Leben zu finden. Es zeigt sich, dass Astrid so stark wie der weiße Oleander ist, der selbst dann blüht, wenn man ihn immer wieder verpflanzt.“ (Weißer Oleander, Klappentext)

Es fängt damit an, dass der Santa Ana ein berühmt berüchtigter heißer Wind, der in den Bergen Feuer entfacht, über die Stadt Los Angeles weht. Astrids Mutter Ingrid, eine Lyrikerin, lässt sich von ihm den Kopf verdrehen, stalkt und vergiftet ihren Ex-Freund. Als sie zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt wird steht die junge Astrid auf einmal ganz ohne Familie da und muss sich durch das zerrüttete Sozialsystem des amerikanischen Westens navigieren. Ihre Geschichte ist zugleich inspirierend und herzzerreißend, voller aus dem Leben gegriffener Figuren, Antihelden, die zwar gutes wollen, mit ihren verzweifelten Bemühungen aber reichlich Unheil in ihrem Leben und dem der Protagonistin anrichten, einer Protagonistin, die es selbst nicht besser zu wissen scheint.

Wie das Leben von Astrid, wird auch die Erzählung aus der Ferne von Mutter Ingrid gelenkt. Sie liegt wie ein Schatten über allem, was passiert und vermag sogar aus dem Frauengefängnis heraus Astrids Leben zu beeinflussen und in dessen Verlauf einzugreifen. Damit wird sie für mich als Leserin zu einer der Figuren, die mir auch außerhalb des Kontextes der Handlung im Kopf bleiben werden. Ingrid Magnussen ist eine Naturgewalt im Körper einer skandinavischen Sagengestalt und Tochter Astrid ist ihr wider Willen ausgeliefert und versucht doch verzweifelt sich von ihr frei zu schwimmen, selbst wenn es sie innerlich wie äußerlich kaputt zu machen droht.

Auf ihrer Reise ins Erwachsenenalter durchläuft Astrid mehrere Pflegefamilien, die sie mal gut und mal weniger gut behandeln. In dieser Zeit probiert Astrid mehrere Identitäten aus, passt sich wie ein Chamäleon der jeweiligen Familie an, die sie aufgenommen hat. Das mag zunächst sehr wechselhaft und unbeständig wirken, doch es stellt sich als hervorragende Überlebensstrategie heraus. Trotzdem trägt Astrid reichlich Blessuren davon, wird um ein Haar erschossen und von wilden Hunden zerfleischt, verhungert sogar fast und das alles vor ihrem achtzehnten Geburtstag. Im Grunde hätte sie allen Grund das Leben zu hassen und ihre Mutter für all das Unglück zu beschuldigen. Doch Astrid sieht die Steine in ihrem Weg, so groß und spitz sie auch sein mögen, eher philosophisch. Denn letztlich bringt sie jeder einzelne davon ein Stück weiter weg von der toxischen Mutter, die sie so eifrig hinter sich zu lassen versucht.

„Weißer Oleander“ ist brutal zu seiner Hauptfigur und den Figuren, die ihren Weg kreuzen. Das ist nicht selten schwer zu ertragen, denn sobald Astrid ein kleines bisschen Glück gefunden zu haben scheint, wird es ihr wieder entrissen. Janet Fitch traut sich unbequem zu sein, sowohl mit ihrer Handlung als auch mit ihren Figuren – Ingrid Magnussen ist hier wohl das beste Beispiel, dicht gefolgt von den vielen Pflegemüttern die Astrid bei sich aufnehmen, und das macht ihr Debüt zu einem Roman, der sich von der Masse abhebt. Was ihn nicht weniger auszeichnet ist, dass Janet Fitch zudem noch weiß, wie man mit Sprache umgeht. Schon der erste Satz des Romans zieht den Leser in die Geschichte hinein und jeder folgende trägt dazu bei ihn nicht so schnell wieder los zu lassen.

„Weißer Oleander“ ist ein Roman mit beeindruckend gut entworfenen Frauenfiguren, ein Roman über die unzähligen Arten und Weisen auf die Menschen, im amerikanischen Westen und auch anderswo, leben und sich über Wasser halten, ein Roman wie ein verbissener Kampf ums Überleben. Dies wird nicht das letzte Mal sein, dass ich Astrid auf ihrer Suche nach sich selbst begleiten werde. Denn „Weißer Oleander“ ist trotz seiner harten Wahrheiten eines der Bücher, in denen ich mich als Leser heimisch fühle. Für zehn Tage lebte und atmete ich den weißen Oleander, den Janet Fitch auf den Seiten ihres Romans anpflanzt und dieser versetzte mich in einen Rausch, der es mir unmöglich machte dieses Buch zur Seite zu legen. Ein Erlebnis, dass ich schon vor zehn Jahren hatte und welches sich sicher noch so oft wiederholen wird, wie ich diese Geschichte zur Hand nehme.

Weißer Oleander – Janet Fitch – ISBN 978.3.8387.2284.9

Für Leser, die…

  • …auch vor schwer verdaulichen Geschichten nicht zurück schrecken.
  • …bei formschöner Sprache ins Schwärmen kommen.
  • …sich in einer guten Geschichte verlieren wollen.

Am besten kombiniert mit…

2 Kommentare zu „(Reread) Weißer Oleander von Janet Fitch“

  1. Ich mochte das Buch auch sehr, als ich es vor ein paar Jahren gelesen habe. Vielleicht wird es auch bei mir mal wieder Zeit für einen ReRead. Den Film fand ich zwar auch gut, aber natürlich konnte mich das Buch (wie fast immer) mehr berühren und fesseln.
    Lieben Gruß
    Miriam

    Gefällt 1 Person

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