(Neuerscheinung) Moshi Moshi von Banana Yoshimoto

Im 3-Monats-Takt reiste ich im letzten Jahr mit Banana Yoshimoto nach Japan. Zu erst tauchte ich in „Der See“ ein, im Winter dann wanderte ich von Geistern begleitet durch „Ihre Nacht“ und nun ziehe ich für drei Tage nach Shimokitazawa, wo Ich-Erzählerin Yotchan mich mit einem freundlichen „Moshi Moshi“ willkommen heißt.

Moshi-Moshi-9783257069310_xxl„Die Zukunftspläne der Ich-Erzählerin Yoshie, genannt Yotchan, Anfang zwanzig, wurden über den Haufen geworfen, als ihr Vater, Leader der Rockband Sprout, plötzlich mit einer wildfremden Frau zusammen Selbstmord beging. Um wieder Boden unter die Füße zu bekommen, hatte sich Yotchan eine kleine, billige Wohnung im Stadtteil Shimokitazawa gesucht und im Bistro gegenüber einen Job angenommen. Eines Tages steht ihre Mutter vor der Tür und bittet sie, bei ihr einziehen zu dürfen. Die Decke falle ihr auf den Kopf und in der alten Wohnung spuke der Geist des Vaters. Anfangs ist Yotchan von dieser Wohngemeinschaft nicht gerade begeistert. Doch dann begreift sie, dass auch die Mutter ihre neue Freiheit genießt, sich treiben lässt und die Läden und Leute des Viertels erkundet. Und es ist nur der Beginn einer Reihe von Überraschungen, die die beiden wieder mit dem Leben versöhnen wird.“ („Moshi Moshi“, Klappentext)

Bevor ich den aktuellen Roman von Banana Yoshimoto rezensieren konnte, musste ich zunächst einmal meine Gedanken ordnen. Denn nach der Lektüre geht mir so einiges durch den Kopf, mein Gesamteindruck fällt jedoch positiv aus, so viel ist schon einmal klar. Banana Yoshimoto gehört, nachdem ich vier Romane aus ihrer Feder gelesen habe, zu meinen Lieblingsautoren. Nicht immer treffen ihre Geschichten bei mir ins Schwarze, doch was meiner Beziehung zu ihr eigen ist, ist dass mich eine Enttäuschung niemals davon abhalten würde zu ihrem neuen Roman zu greifen und es erneut mit einer ihrer Geschichten zu versuchen – so geschehen auch mit dieser hier.

Banana Yoshimotos große Stärke sind Schauplatz und Atmosphäre, beides hängt letztlich irgendwie zusammen. Sie schafft es scheinbar mühelos den Leser an Orte zu transportieren, die er noch nie besucht hat, sich aber Dank ihr trotzdem bildlich vorstellen kann. Doch nicht nur das, Yoshimoto gelingt es auch die Gefühle zu transportieren, die man empfindet, wenn man beispielsweise durch die Straßen von Shimokitazawa bummelt. Das gelingt nicht jedem Schriftsteller und schon gar nicht auf Anhieb, wie es bei Banana Yoshimoto der Fall zu sein scheint. Für ein paar Monate ziehe ich bei Mutter und Tochter ein und nehme am Leben im Viertel statt, das trotz der Trauer des ungleichen Paars weiter seinen geruhsamen, fast schon heilsamen Gang geht.

Was Banana Yoshimoto allerdings so gar nicht gelingen will, ist einen guten Spannungsbogen aufzubauen. Jeder Gedanke, jedes Gefühl wird dem Leser erklärt, man ist bei der Lektüre völlig passiv, fast wie in Trance. Diese literarische Meditation kann ab und zu ganz angenehm sein, aber ein bisschen fühle ich mich auch für dumm verkauft oder zumindest gehalten. Denn die Autorin scheint mir gar nichts zuzutrauen, wenn es darum geht eins und eins zusammen zu zählen. Sie erlaubt mir ebenfalls nicht die Figuren nach und nach kennen zu lernen. Stattdessen lässt sie sie erzählen, was in ihnen vorgeht. So enstehen endlos lange Monologe in denen zum Beispiel die Vorgeschichte des einen oder des anderen abgehandelt wird. In solchen Momenten steht die Handlung still, auch im Falle von „Moshi Moshi“, was bei mir den Unterschied zwischen mögen und lieben ausmacht.

Da viel erzählt wird und wenig passiert, kommen mir die Figuren ein wenig wie Abziehbilder voneinander vor. Man versteht sich, auch ohne Worte, Konflikte gibt es im Grunde keine – selbst dann, wenn Yotchan ihrer Mutter erzählt, dass sie für Monate nach Paris geht oder als das von beiden geliebte Café „Les Liens“ auf einmal geschlossen wird. „Moshi Moshi“ ist aufgrund dessen unglaublich eingängig, aber auch ein bisschen fade. Der Roman fordert den Leser in keinster Weise, verlangt nichts von ihm, bis auf dass er die Seiten umblättert – was in meinem Fall auch mit unfehlbarer Regelmäßigkeit geschieht. Das kann man Banana Yoshimoto anlasten oder sie dafür loben, je nachdem für welche Art Roman man gerade in Stimmung ist. Ich persönlich bin hin und her gerissen.

Letztlich neige ich dazu Banana Yoshimoto und ihren aktuellen Roman positiv zu sehen und zu bewerten. „Moshi Moshi“ ist trotz der dramatischen Ausgangssituation ein Seelenstreichler in den man sein Bewusstsein voll und ganz eintauchen lassen kann – die magischen Elemente, ohne die japanische Literatur nicht das wäre, was sie für mich ist, helfen zusätzlich beim Träumen. Für mich persönlich ist „Moshi Moshi“ zwar nicht Banana Yoshimotos bester Roman, doch er lieferte etwas, das ich nicht missen möchte – eine unglaublich eingängige, entspannte, wenn auch kurzweilige Lektüre, wie sie nur ein japanischer Autor zustande bringen kann.

Moshi Moshi – Banana Yoshimoto – ISBN 978-3-257-06931-0

Für Leser, die…

  • …für die japanische Kultur und Küche schwärmen.
  • …es Leid sind zwischen den Zeilen zu lesen.
  • …die Magie des Alltags auf literarische Weise entdecken möchten.

Am besten kombiniert mit…

  • Dreihundert Brücken von Bernardo Carvalho (zur Rezension)
  • Saraswati Park von Anjali Joseph (zur Rezension)
  • London NW von Zadie Smith

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