(Neuerscheinung) Das Flugverhalten der Schmetterlinge von Barbara Kingsolver

Schmetterlinge zählen für mich zu den erfreulichen Phänomenen des Sommers, doch im neuen Roman von Barbara Kingsolver sind sie die Vorboten des Klimawandels…

9783570102152_Cover„An einem Novembermorgen tritt Dellarobia Turnbow, Mitte zwanzig und Mutter von zwei kleinen Kindern, die Flucht nach vorn an: Sie ist wild entschlossen, ein neues Leben zu beginnen, und kehrt Familie und Farmhaus den Rücken. Doch unterwegs überrascht sie ein überwältigendes Naturereignis – Millionen von orangefarbenen Monarchfaltern haben sich auf den Bäumen zum Überwintern niedergelassen. Dellarobia ist fasziniert und kehrt geläutert nach Hause zurück. Die Schmetterlinge und die junge Frau werden zur nationalen Attraktion. Erst von dem attraktiven Biologen Ovid Byron erfährt sie, was sich hinter dem zauberhaften Anblick wirklich verbirgt.“ („Das Flugverhalten der Schmetterlinge“, Klappentext)

„Das Flugverhalten der Schmetterlinge“ ist ein Buch in dessen Welt man von Kopf bis Fuß eintauchen kann. Ich persönlich würde es als intelligenten Schmöker bezeichnen. Von Autorin Barbara Kingsolver hatte ich zuvor schon gehört – nicht zuletzt weil sie in Stephen Kings Schriftsteller-Band „Rock Bottom Remainders“ Keyboard spielte – auf diesen Roman wurde ich allerdings durch die Shortlist des Women’s Prize for Fiction 2013 aufmerksam. Sein schierer Umfang – im englischen Original sind das 600 Seiten – und die damit verbundene Bindung an eine einzige Geschichte und das über längere Zeit als mir meine eingeschränkte Aufmerksamkeitsspanne in der Regel gestattet, hielt mich zunächst auf Distanz. Diese habe ich aber nun überbrückt und bin nach dem letzten Zuklappen des Buchdeckels fast ein wenig traurig die Welt des Romans verlassen zu müssen.

Denn Barbara Kingsolver bevölkert ihren Roman mit einer bunt zusammen gewürfelten Truppe aus eigensinnigen Figuren; Wissenschaftler und ihre Studenten, die Landbevölkerung, Touristen und natürlich die Familie auf deren Farm die Schmetterlingskolonie zu überwintern versucht. Sie sind, allen voran Hauptfigur Dellarobia, die Seele des Romans, das was seine Leserin – in diesem Fall ich 😉 – wieder und wieder zum Buch greifen lässt, auch wenn sie nur ein paar Minuten Zeit übrig hat. Barbara Kingsolver entwirft dabei für ihre Hauptfigur Dellarobia eine unglaubliche Entwicklung, von der Hausfrau und Mutter, einer Mikromanagerin des farmwirtschaftlichen Familienklans, die sich von den Schwiegereltern gerne mal etwas triezen lässt, wird Dellarobia Turnbow zu einer Wissenschaftlergehilfin, zum Dreh und Angelpunkt des kleinen Ortes und zum Herzblut der Suche nach Antworten darauf, was die Schmetterlinge nun genau nach Tennessee umgeleitet hat.

Im Laufe dieser Suche geht es aber nicht ausschließlich um den (nicht nur drohenden sondern sich bereits vollziehenden) Klimawandel, der dem Leser in dieser Geschichte auf verständliche Weise nahe gebracht wird, sondern auch um einige andere ernste Themen. Allen voran steht da die Armut der amerikanischen Landbevölkerung, die sich nur mit Müh und Not über Wasser halten kann, ihre Farmen für einen Hungerlohn bewirtschaftet und diesen anschließend im Dollarstore für Plastikschrott aus Fernost wieder ausgibt. Dieser Aspekt macht den Roman sehr amerikanisch. Barbara Kingsolver fängt die Kultur, der Region des Landes in dem der Roman spielt, gekonnt ein. Dieser Aspekt des Romans verlangt aber auch ein gewisses Maß an Offenheit und Empathie von seinen europäischen Lesern, die sich mit dieser uns so ähnlichen und dabei doch so fremden Kultur erst einmal vertraut machen müssen.

Da kommt es mir als Leserin gelegen, dass Barbara Kingsolver mir so viele, oft völlig alltägliche, Szenen gibt, um mich in ihrer Geschichte einzuleben und bald fühle ich mich dort sogar richtig heimisch. Vielleicht nicht unbedingt so wie eines der Mitglieder der Turnbow-Familie, aber sicher so wie Ovid Byron, der Wissenschaftler, der mit seinem Trailer auf dem Land der Familie Station macht. Nicht immer sind mir die Figuren sympathisch und manche wirken zeitweise etwas klischeehaft, so zum Beispiel der Schwiegervater von Dellarobia, der so auch in jeder Westernserie mitspielen könnte und ein paar andere Tonlagen hätte vertragen können. Doch dort wo eine Heldin in den Kampf zieht, braucht es auch ein paar Bösewichte, gegen die sie kämpfen kann. Insofern ist „Das Flugverhalten der Schmetterlinge“ ganz wunderbar ausgestattet.

Letztlich ist es die Geschichte und die sie zum Leben erweckenden Figuren, die diesen Roman zu einer lohnenden, vielleicht sogar preisverdächtigen, Lektüre machen. Doch sollte man ihn vor allem fürs Herz lesen, so macht man es der Geschichte möglich, ihre Flügel zu entfalten und dich, liebe Leserin, mit ihrer Schönheit zu verzaubern. Die sozial-kritischen Ansätze funktionieren nicht immer ganz so, wie sie gemeint scheinen (dafür braucht es eine andere Schriftstellerin – Lionel Shriver vielleicht?) sie gehen bei dem ganzen Tohuwabohu aus Figuren ein wenig unter. Doch das Suchtpotential eines gut durchdachten, nicht immer bequemen und zugegebener Maßen etwas untypischen Südstaatenromans, das bringt „Das Flugverhalten der Schmetterlinge“ ganz klar mit, und wird so zu einem Roman, der mir in guter Erinnerung bleibt, auch wenn mir diese einmalige Lektüre durchaus genügt.

Das Flugverhalten der Schmetterlinge – Barbara Kingsolver – ISBN 978.3.570.10215.2

Für Leser, die…

  • …einen guten Schmöker zu schätzen wissen.
  • …sich literarisch der Debatte zum Klimawandel annähern möchten.
  • …für den US-amerikanischen Süden schwärmen, zumindest literarisch.

Am besten kombiniert mit…

  • Pippa Lee von Rebecca Miller (zur Rezension)
  • Dieses Leben, das wir haben von Lionel Shriver
  • Das Affenhaus von Sara Gruen (zur Rezension)
Advertisements

Ich kann leider keine Gedanken lesen, also freue ich mich über Deinen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s