(Lesen ist hardcore!) King Kong Theorie von Virginie Despentes

Virginie Despentes haut mich einfach um, egal was sie schreibt. Nur wenige Autoren trauen sich so rotzfreche weibliche Hauptfiguren zu schreiben, für die es im Leben nur die eigenen und keine gesellschaftlichen Grenzen zu geben scheint. Mit „King Kong Theorie“ beweist sie mir, dass sie rotzfrech auch ganz alleine kann und sich dafür hinter keiner Romanfigur verstecken muss…

king_kong_theorie-9783833305733_xxl„King Kong Theorie ist ein wütendes Stück Literatur, in dem Virginie Despentes über Leben und Überleben von Frauen, über Pornographie und Prostitution in der heutigen Zeit schreibt. Für Leserinnen von Ariadne von Schirachs‘ Tanz um die Lust und Charlotte Roches‘ Feuchtgebiete.“ (King Kong Theorie, Klappentext)

Ich habe das Buch an einem Tag regelrecht verschlungen – kein Scherz. Wie alles, was Virginie Despentes schreibt, ist auch ihre Autobiografie (Schrägstrich) Essaysammlung (Schrägstrich) feministisches Manifest ein linker Haken direkt in die verdutzte Fresse des Lesers. Oft stimme ich den Ansichten der Autorin voll und ganz zu. Besonders dann, wenn sie darüber schreibt, dass sie, als ihr Debütroman heraus kam, mit Sagan und Co. verglichen wurde, was lediglich darauf beruhte, dass sie dem gleichen Geschlecht angehört und nicht alberner hätte sein können. Manchmal teile ich ihre Meinung allerdings nicht. So ergeht die ehemalige Prostituierte sich seitenlang darüber wie gut die Legalisierung der Prostitution für eine moderne Gesellschaft ist und da schießt sie bei mir eindeutig übers Ziel hinaus.

Eines kann sie allerdings immer, und das ist mich schockieren mit ihrer Art, die nicht einmal daran denkt sich für sich selbst zu entschuldigen. Genau deshalb mag ich sie aber auch, denn es ist diese Art, die ihren Hauptfiguren das gewisse Etwas verleiht. Wenn ich ihre Essays so lese, kann ich sie durch die Autorin sprechen hören, die Heldinnen von „Wölfe Fangen“, „Bye Bye Blondie“ und „Die Unberührte“ – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Diese vom Leben getretenen Frauen, die sich nehmen, was sie wollen, was ihnen zusteht, was die Welt ihnen schuldet nach all den Feuerproben, ohne Rücksicht oder falsche Bescheidenheit. Über sie und die Autorin dahinter kann man sich nur zu leicht aufregen. Meiner Meinung nach macht es aber viel mehr Spaß sich auf sie und ihre Weltsicht einzulassen und das habe ich im Laufe der Lektüre nur zu gerne getan.

Thematisch ähnelt „King Kong Theorie“ fast ein wenig der Autobiografie von Alice Sebold „Glück gehabt“, hätte Skandalautor Michel Houllebecq sie geschrieben. Denn anstatt sich in ihrem Selbstmitleid zu suhlen, in der festen Absicht das wohl traumatischste Erlebnis ihrer Jugend niemals völlig zu verarbeiten, schwingt sich Virginie Despentes gleich wieder in den Sattel und trampt munter weiter durch Europa, wo die Elterngeneration jungen Mädchen doch oft genug gesagt hat, wozu das im Ernstfall alles führen kann. Doch ganz so darüber hinweg ist Virginie Despentes dann wohl doch nicht. Denn in der folgenden Zeit behandelt sie sich und ihren Körper ähnlich herablassend wie das Rudel tollwütiger junger Männer auf der Autobahnraststätte einige Jahre zuvor.

Das ist es allerdings auch, was ihre Kreativität und ihr Schreiben befeuert. Die Rotlichtmilieus und Hafenviertel Frankreichs sind die Orte an denen sie ihre besten Ideen hat und so schließt sich letzten Endes der Kreis. Was mir als Leserin einen ganz wunderbaren, wenn auch leider nur allzu seltenen, Blick gewährt, in den Prozess dieser Schriftstellerin. „King Kong Theorie“ lässt mich erkennen, dass was zwischen den Buchdeckeln säuft und flucht und Männer verschlingt nicht immer reine Fantasie ist und dass man die Frau an der Computertastatur nie so richtig von den Figuren in ihrem Manuskript trennen kann. Das eine lässt das andere überhaupt erst entstehen. Schließlich spürt ein Mensch erst dann den Drang sich mitzuteilen, wenn er auch etwas zu sagen zu haben glaubt. Und Virginie Despentes hat einiges zu sagen, manches davon will ich hören, anderes nicht so unbedingt. Ruhe geben wird diese Autorin allerdings nie und nimmer und dafür schätze ich sie nur umso mehr.

King Kong Theorie – Virginie Despentes – ISBN 978.3.8270.0755.1

lesen-ist-hardcore-blog-projekt

Für Leser, die…

  • …einen neuen Feminismus wagen wollen.
  • …(wie ich) Virginie Despentes und ihren Romanen verfallen sind.
  • …einen ungeschönten Blick auf die französische Gesellschaft riskieren wollen.

Am besten kombiniert mit…

  • Wölfe Fangen (dem Debütroman der Autorin)
  • Alice im Niemandsland von Miriam Gebhardt (zur Rezension)
  • Glück gehabt von Alice Sebold (zur Rezension)
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