(Lesen ist hardcore!) Die Unberührte von Virginie Despentes

Viel zu lange stand „Die Unberührte“ unberührt in meinem Regal und das obwohl ich schon vor Jahren in wilder Leidenschaft für die Romane von Virginie Despentes entbrannt bin…

die_unberuehrte-9783499229114_xxl„Louise ist Nackttänzerin in einer Peep-Show in Lyon – und sie ist Jungfrau. Als sie den charismatischen Victor kennenlernt, erfährt Louise zum ersten Mal mit voller Wucht die Macht des Begehrens. Für diesen Mann verrät sie alles, was ihr bis dahin heilig war, und die Folgen sind fatal..“ („Die Unberührte“, Klappentext)

Als ich mich dann endlich zur Lektüre dieses Romans durchgerungen hatte, fragte ich mich ohne Unterlass – warum hatte ich bloß so lange damit gewartet? Ich war auf einiges gefasst und positiv überrascht von der Geschichte und ihrem Ende, das den Leser in die Magengrube trifft, wie ein Faustschlag – so schreibt nur Virginie Despentes, einfach genial! Was „Die Unberührte“ von den anderen Romanen der Autorin abhebt ist die Hauptfigur, die im Vergleich zu den wortführenden Frauenfiguren in Werken wie zum Beispiel „Wölfe fangen“ und „Bye Bye Blondie“ fast schon höflich und zurückhaltend ist. Zumindest bewegt sie sich in einer Welt die nicht so ganz zu ihr passt, umgibt sich mit Freunden und Kolleginnen, die sie jedoch nicht an sich heran lässt.

Die inneren Monologe die den Ton des Romans ausmachen sprechen mit einer aufrichtigen ungeschönten Frauenstimme. „Die Unberührte“ spricht mit einer Stimme, die gleichzeitig aggressiv, desillusioniert und wahrhaftig klingt, einer Stimme die sich traut ihr Begehren auszudrücken auf eine Art und Weise, wie man sie sonst nicht von weiblichen Figuren kennt. Deshalb mag ich die Romane von Virginie Despentes so sehr trotz ihrer in der Regel krassen Schauplätze und wenig versöhnlichen Handlungen, sie kreiert ungeschönte, vom Leben zwar gezeichnete aber nicht gebrochene Frauenfiguren. Das heißt nicht, dass die Frauen in ihren Romanen nicht auch schön und begehrenswert sein können, doch dies ist nie der Dreh und Angelpunkt der Erzählung. Virginie Despentes Frauenfiguren spucken und fluchen und verführen den schönsten Mann in der Bar, sie trinken zu viel und zetteln Schlägereien an. Sie sind keine Vorbilder und sie sind keine zweidimensionalen Püppchen, lediglich dazu da den männlichen Erzähler zu exponieren.

„Die Unberührte“ spielt wieder in einer Gesellschaftsschicht Frankreichs, die man sonst selten beschrieben findet. Wenn ich den Memoiren der Autorin Glauben schenken kann, schreibt sie von Orten und Milieus, die sie selbst erlebt hat. Das verleiht ihren Erzählungen, besonders dieser hier, etwas ungewohnt authentisches, wenn auch manchmal schwer verdauliches. Man muss sich auf die Welt des Romans einzulassen bereit sein, bereit sein mit den Figuren um die Häuser zu ziehen und sich nicht zu fein sein am Ende eventuell in den Gulli zu kotzen. Wer sich jedoch auf diese Reise durch die Nächte Lyons, an der Seite der „Unberührten“, begibt wird es nicht bereuen. Ich persönlich hatte wie erwartet einen Riesenspaß als ich durch die Welt der Virginie Despentes stolperte, in dem Wissen als Schaulustiger daran teilhaben zu können ohne jedoch darin verweilen zu müssen.

Alles in allem bin ich wie so oft überaus zufrieden mit dem was „Die Ünberührte“ für mich bereit hielt – ein bisschen Krimi, ein bisschen Erotik, eine Heldin die man von seinem Lesesessel aus anfeuern möchte. Virginie Despentes hat auch mit diesem Buch wieder einen Volltreffer gelandet, der dem einen oder anderen Leser in seiner Unverfrorenheit etwas quer sitzen dürfte. „Die Unberührte“ trifft für mich genau den richtigen Ton zwischen Spannung und Schockeffekten. Eine kurzweilige Achterbahnfahrt durch das Lyoner Rotlichtviertel, die ich nur laut und aufdringlich empfehlen kann. Und wer sich auf meinen Rat hin traut, wie ich, in die Welt der Virginie Despentes einzutauchen, der wird es mir nach der Lektüre ganz sicher gleich tun.

Die Unberührte – Virginie Despentes – ISBN 978.3.4992.2911.4

lesen-ist-hardcore-blog-projekt

Für Leser, die…

  • …eine starke weibliche Hauptfigur zu schätzen wissen.
  • …reichlich schwarzen Humor haben.
  • …ein Ende mit Schrecken zu schätzen wissen.

Am besten kombiniert mit…

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