(Neuerscheinung) Diebe und Vampire von Doris Dörrie

Als ich mich daran machte den Frühjahrskatalog des Diogenes Verlages zu durchstöbern, blieb ich natürlich sofort bei diesem Buch hängen. (Natürlich für diejenigen, die wissen, dass ich selbst gerne schreibe und anstrebe dies eines Tages zu veröffentlichen 😉 )

978-3-257-06918-1„Sie lernen sich in Mexiko am Strand kennen: Alice, eine etwas verlorene junge Deutsche, die mit ihrem verheirateten Geliebten dort Urlaub macht. Und die dreißig Jahre ältere Amerikanerin, die Alice insgeheim »die Meisterin« nennt. Denn sie ist alles, was Alice gerne wäre. Elegant. Selbstbewusst. Souverän im Umgang mit Männern. Und vor allem – eine Schriftstellerin. Um der Meisterin aufzufallen, muss sich Alice etwas einfallen lassen. Eine Geschichte zum Beispiel. Und es funktioniert. Aber ganz anders, als Alice sich das in ihrer blühenden Phantasie ausgemalt hat. Dabei hat die Meisterin sie eigentlich gewarnt: Schriftsteller saugen dich aus, sie sind nichts als Diebe und Vampire.“ („Diebe und Vampire“, Klappentext)

Ich treffe die Erzählerin als Frau mittleren Alters, die auf ihre formativen Jahre zurück schaut und mir zunächst von einer Begegnung erzählt, die ihrem Leben für immer eine neue Richtung gab. Sie ist jung, ungefähr zwanzig, als sie mit einem verheirateten Mann an einem Strand in Mexiko liegt und so tut als würde sie lesen. Doch eigentlich beobachtet sie ihre Miturlauberin, eine Frau mittleren Alters, ergraut und doch zeitlos, und ihren offensichtlich jüngeren Freund, der in der Brandung alberne Verrenkungen vollführt. Lange schwärmt die Erzählerin aus der Distanz für diese mysteriöse Frau, die sich bald als Schriftstellerin heraus stellt. Nun ist es endgültig um die Erzählerin geschehen, wie auch um mich.

Kurz darauf lernen sich die beiden kennen, eine flüchtige Freundschaft entwickelt sich, getrieben von der amerikanischen Oberflächlichkeit, die von der jungen deutschen Erzählerin immer wieder missverstanden wird. Es soll nicht das letzte Mal sein, dass der Kopf der Erzählerin das, was ihr widerfährt, irgendwie in etwas verwandelt, dass nur schwer wiederzuerkennen, manchmal sogar vollkommen erfunden ist. Der Urlaub in Mexiko geht zu Ende für beide Paare und auch wenn sich die junge Erzählerin und der verheiratete Mann bald darauf aus den Augen verlieren, bleibt der Kontakt zu der amerikanischen Schriftstellerin bestehen.

Als die Erzählerin sich in San Francisco wiederfindet stellt sie die Großzügigkeit der Schriftstellerin, die sie nur zu gerne als Mentor gewinnen würde, was zum Stoff vieler Tagträume wird, auf eine harte Probe. Es stellt sich heraus, dass wie so vieles, auch die enge Bindung an diese amerikanische Fremde nur im Kopf der Erzählerin statt findet. Als Leser weiß ich nicht recht, was ich davon halten soll. Bin ich nun enttäuscht und vielleicht sogar wütend, über das Verhalten der Amerikanerin oder doch eher aufgebracht über die Lügengeschichten der Erzählerin. Sie tänzelt durch ihre Geschichte, leichtfüßig und flatterhaft, wie der Kolibri auf dem Buchcover und ich frage mich, ob ich ihrer Schilderung der Ereignisse trauen kann.

Krasser Schnitt, wir sind wieder in Mexiko, aber nicht am Strand. Teil zwei von „Diebe und Vampire“ spielt in der Gegenwart der Erzählerin, jetzt im Alter ihres Idols von damals am Strand und vom Leben gebeutelt. Der Mann lebt mit einer neuen, einer Jüngeren mit der er späte Vaterfreuden erlebt, aber wenigstens kann die Erzählerin auf einen Bestseller zurück blicken. Leider geschah das alles nicht so, wie sie es geplant hatte, aber sie ist trotzdem Teil einer germanistischen Vortragsreihe und muss sich mit zwei anderen Autoren ein mexikanisches Gasthaus teilen. Das sorgt für reichlich Stunk und Querelen, ein paar Schmunzler sind da natürlich auch mit dabei und zwar jedes Mal, wenn Doris Dörrie den deutschen Literaturmarkt, in Form der stereotypen Darstellung der Kollegen der Erzählerin, auf die Schippe nimmt.

Alles in allem hat „Diebe und Vampire“ Potential, ist jedoch durch seinen sehr schmalen Umfang nicht in der Lage allzu sehr in die Tiefe zu gehen. Als Leserin hätte ich mich über eine ernsthafte Auseinandersetzung, damit was es heißt Schriftsteller zu sein oder sein zu wollen, unter Umständen auch mit dem Scheitern, das so viele aufstrebende Künstler irgendwann hinnehmen müssen, gefreut, gehe aber leider weitestgehend leer aus. „Diebe und Vampire“ kratzt was das angeht zwar an der Oberfläche, allerdings mit einem abgekauten Fingernagel und dringt so nie ganz zu dem vor, was mich als Leser zu diesem Buch hingezogen hat. Trotzdem ist es auf eine leise, untertriebene Art unterhaltsam und ebenfalls gut geschrieben. Der Bruch in der Mitte fordert eine kurze Akklimatisation, doch das schmälert das Lesevergnügen nicht im Geringsten.

Diebe und Vampire – Doris Dörrie – ISBN 978.3.257.06918.1

Für Leser, die…

  • …selbst gerne schreiben oder schreiben wollen.
  • …Geschichten über self-made Frauen lieben.
  • …nach einer kurzweiligen und doch tiefgründigen Geschichte suchen.

Am besten kombiniert mit…

  • Der Sommer ohne Männer von Siri Hustvedt
  • Die Entbehrlichen von Ninni Holmqvist (zur Rezension)
  • Die Stunden von Michael Cunningham (zur Rezension)

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