(Sachbuch) The Ministry of Thin: How the Pursuit of Perfection Got out of Control von Emma Woolf

Auf der Suche nach frischen Hörbüchern zum Stopfen des Sommerlochs, stolperte ich über diese Lektüre einer mir bis dahin völlig unbekannten Autorin und hatte dabei keine Ahnung auf was für einen Ohrenschmaus ich da gestoßen war…

41o0rJil+yL._SY344_BO1,204,203,200_„Losing weight has become the modern woman’s holy grail …everything will be better when we’re thin. We’re obsessed with weight, we dislike our bodies, we worry about the food we eat, we feel guilty, we diet…Too many of us are locked into a war with our own bodies which we’ll never win, and which will never make us happy. The Ministry of Thin takes a controversial, unflinching look at how the modern obsession with weight loss, youth, beauty and perfection got out of control. Emma Woolf, author of An Apple a Day, explores how we might all be able to stop hating and start liking our own bodies again. And she dares to ask: if losing weight is the answer, what is the question?“ („The Ministry of Thin“, Klappentext)

Die Autorin beginnt damit mich, die Leserin, als Mitglied des Ministeriums der Schlankheit zu begrüßen, ob ich es bereits wüsste oder nicht, seit meiner Geburt gehöre ich dazu. Das haut erst einmal rein und ich möchte ihr widersprechen. Doch dann erläutert sie womit sich dieses besondere Ministerium befasst und mir wird klar, dass sie schon irgendwie recht hat, wenn sie mich als Mitglied, wenn auch unfreiwilliges, bzw. unabsichtliches, identifiziert. Denn das Ministerium der Schlankheit verdreht uns allen schon seit der plötzlichen Berühmtheit eines Fotomodells namens Twiggy die Köpfe, flüstert besonders uns Frauen ein, dass es nie genug ist, nie dünn genug, nie sportlich genug, nie jung genug und auch wenn wir uns anfangs strikt weigern, irgendwann hören wir ihm schließlich zu.

Doch es geht nicht nur um Körperformen, sondern viele Aspekte des Lebens und der in unseren heutigen Zeiten trendigen Körpermodifikation, die sogar in ihren Extremformen mittlerweile schon Mainstream geworden ist – Stichwort „Botox“. Journalistin Emma Woolf, Großnichte der Schriftstellerin Virginia Woolf und selbst jahrelang magersüchtig, beleuchtet die vielen verschiedenen Arten auf die die Gesellschaft Frauen vermittelt, dass sie nie so gut genug sind, wie sie von Natur aus nun einmal sind. Das hat eine Frauenpopulation zur Folge, die sich stark verunsichert und in der Konsequenz unwohl in ihrer Haut fühlt. Wer schlank ist sehnt sich nach Kurven, wer kurvig ist sollte besser etwas abnehmen, wer beides in sich vereint braucht aber unbedingt noch ein Sixpack, so wie Jessica Ennis der Star des „Team GB“ auf der Olympiade 2012.

Dieser Druck von allen Seiten, diese Politifizierung des Frauenkörpers, die oft schon Mädchen in die Magersucht treibt, lähmt die weibliche Bevölkerung und Emma Woolf spekuliert, ob es nicht genau das ist, was das patriarchische System damit beabsichtigt. Schließlich ist es um einiges schwerer die Karriereleiter in einem Paar Kitten-Heels von Manolo Blahnik zu erklimmen und mit drei Zentimeter langen, gepiercten künstlichen Fingernägeln die gläserne Decke der Lohnungleichheit zu durchstoßen. In ihrer Kritik des Schlankheits-, Gesundheits- und Jugendwahns, der unsere moderne Gesellschaft wie ein unnachgiebiger Poltergeist heimsucht, wendet sich Emma Woolf zwar vor allem an Frauen und dabei vor allem an Britinnen, das soll aber niemanden ausschließen. Denn auch wenn die Statistiken für ein anderes Land gemacht wurden, sind die Argumente der Autorin doch allgemeingültig.

Denn nicht nur Frauen leiden unter dem gesellschaftlichen Druck ihr Erscheinungsbild modifizieren, ja perfektionieren zu müssen. Auch Männer sehen sich zunehmend unter Druck gesetzt, ein gutes Beispiel liefert hier die Zeitschrift „Men’s Health“ deren Covermodelle wenig Ähnlichkeit mit dem europäischen Durchschnittsmann haben. Gleichwohl wütet der Hunger auf Organisches, Lokales und Superfoods nicht nur in den Bäuchen der Frauen und somit erweitert das Ministerium der Schlankheit seinen Mitgliederkreis. Besonders die ersten Kapitel setzen sich mit Nahrung und den derzeitigen Essens- und Einkaufsgewohnheiten auseinander und sind daher meines Erachtens für Leser beider Geschlechter durchaus interessant. Danach wird das Buch zunehmend feministischer im Ton und Inhalt, männliche Leser mögen geneigt sein es an dieser Stelle weg zu legen, doch sollten sie meiner Meinung nach gerade deshalb genauer hinhören.

Alles in allem bietet „The Ministry of Thin“ eine ausführlich recherchierte und dabei für ein Sachbuch ungewohnt eingängige Lektüre, ein wahres „binge-read“ Buch. Ich persönlich konnte mich durch meine Zeit in England gut mit allen Seiten des Inhalts identifizieren, und selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, wäre dies in Zeiten von Internetsuchmaschinen kein Hinderungsgrund mehr. Emma Woolf schreibt in einer gut verständlichen und leicht nachvollziehbaren, nicht allzu verkopften Sprache, was den Leser während der Lektüre fast schon in einen Rauschzustand versetzt. Die vielen Statistiken können den Lesefluss manchmal etwas abbremsen, besonders dann, wenn man keine persönliche Vorliebe für derlei Darstellungen hat. Das ist nach reiflicher Überlegung allerdings der einzige Minuspunkt und von so einer Kleinigkeit sollte man sich den Lesespaß ganz sicher nicht verderben lassen.

The Ministry of Thin: How the Pursuit of Perfection Got out of Control – Emma Woolf – ISBN 978.1.849.53412.3

Für Leser, die…

  • …den Schlankheits-, Gesundheits- und Jugendwahn satt haben.
  • …sich für gesellschaftliche Themen, bzw. für Feminismus, interessieren.
  • …keine Angst vor Statistiken haben.

Am besten kombiniert mit…

  • Der Mythos Schönheit von Naomi Wolf
  • Alice im Niemandsland von Miriam Gebhardt (zur Rezension)
  • Ein eigenes Zimmer von Virginia Woolf
Advertisements

Ein Gedanke zu „(Sachbuch) The Ministry of Thin: How the Pursuit of Perfection Got out of Control von Emma Woolf“

Ich kann leider keine Gedanken lesen, also freue ich mich über Deinen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s