(Lesen ist hardcore!) Strangeland von Tracey Emin

„Strangeland“ fiel mir vor allem durch sein Cover auf und zunächst hielt ich es für einen Roman, ein kurzer Blick auf den Klappentext belehrte mich jedoch eines besseren. Tracey Emin war mir danach zwar immer noch kein Begriff, doch das sollte sich bald ändern…

41beILIONBL._SY344_BO1,204,203,200_„Die Memoiren Tracey Emins dokumentieren das Leben einer außergewöhnlichen Frau. Als Tochter einer Britin und eines türkisch-zypriotischen Vaters wächst sie mit ihrem Zwillingsbruder Paul in der heruntergekommenen Küstenstadt Margate auf. Nach dem Bankrott des ehemals reichen Vaters lebt die Familie getrennt und in ärmlichen Verhältnissen. Sie wird als Teenager vergewaltigt, bricht vorzeitig die Schule ab, stürzt sich in zahllose Affären. Mit ihrem Vater reist sie später in die Türkei und nach Zypern, um sich über ihre Zukunft klarer zu werden. Radikal offen und bisweilen selbstironisch erzählt sie von den existentiellen Themen einer Frau von heute: sexuelle Begierden und Männerbilder, Kinderwunsch und Abtreibung, Verwirrungen der Liebe und Abgründe der Einsamkeit. Kunst ist dabei für Emin immer auch die „Kunst des Lebens und die Kunst des Wollens“.“ („Strangeland“, Klappentext)

Die Autobiografie der britischen Konzeptkünstlerin Tracey Emin wird von ihr in drei Teilen erzählt. Es fängt an mit „Motherland“ in dem Tracey Emin ihre Kindheit und Jugend beschreibt. Dieser Teil, der damit anfängt, dass Tracey und ihr Zwillingsbruder Paul das Hotel in dem ihre Familie lebt, bis diese scheinbar bankrott geht, unsicher machen. Nach dem tiefen Fall der Familie Emin, deren Oberhaupt schon längst von der Bildfläche verschwunden zu sein scheint, erzählt Tracey Emin dem Leser von ihrer wilden Jugend im englischen Urlaubsort Margate, der sich nur im Sommer für die Touristen so richtig fein macht und sonst ziemlich heruntergekommen wirkt, aber vielleicht ist das auch nur der Eindruck den Tracey Emins Erzählung dem Leser vermittelt. Hier gibt es kein Halten mehr, kein Zurück und einiges das Tracey lieber vergessen möchte, dem Leser aber doch offenbart – eine solche schonungslose Ehrlichkeit lobe ich mir.

Weiter geht es mit „Fatherland“ und wie der Titel schon erahnen lässt, schießt sich Tracey Emins Schilderung ihres Lebens vor allem auf die Zeit, die sie mit ihrem Vater verbracht hat, ein. Zusammen reisen sie in das Land seiner Jugend, die ländliche Türkei, wo auch Tracey einige Jahre ihrer Kindheit verbracht hat, an die sie sich aber nur noch vage erinnern kann. In den Erzählungen ihres fast schon greisen Vaters leben sie wieder auf und nehmen so auch für den Leser Gestalt an, die auf mich sowohl exotisch als auch etwas bedrohlich wirkt. Zusammen klauen sie Oliven für die neue Braut des Vaters, eine siebzehnjährige Schönheit, davon kann man an dieser Stelle halten, was man will. Doch die Türkei ist nicht nur das Land des Vaters, es ist auch der Schauplatz von Tracey Emins erster großer Liebe zu einem verheirateten Fischer, mit dem sie ihre Nächte am Strand in einem Zelt aus Stöcken und Tüchern verbringt. Romantik will bei ihrer Schilderung nicht gerade aufkommen, wie auch vom Liebesleben des Vaters, kann man an dieser Stelle von Tracey Emins Verhalten halten was man will.

Der dritte und letzte Teil, genannt „Traceyland“, setzt sich mit ihrem Leben als junge Frau und als Künstlerin auseinander. Tracey Emin erzählt dem Leser hier von ihrer verpfuschten Abtreibung, die sie trotz allem nicht bereut, von Alkohol- und Drogensucht und allerlei Affären, die mal respektvoll und andermal weniger respektvoll verliefen und endeten, die Künstlerin in ihr aber scheinbar immer zu einem neuen Werk inspirierten, wie zum Beispiel ihre berühmt-berüchtigte Installation „My Bed“. Die Jahre ziehen vorbei und man wundert sich, dass sich Tracey Emin bei ihrem im Buch beschriebenen Vodkakonsum, der selbst für eine Engländerin außer Kontrolle geraten scheint, überhaupt noch an Einzelheiten erinnert. Ihren sturzbetrunkenen Auftritt und abrupten Abgang in einer englischen Fernsehdiskussionsrunde über moderne Kunst, der kurz darauf Kultstatus erreicht, scheint sie für ihr Buch jedenfalls aus der medialen Berichterstattung zusammen zu puzzeln.

Tracey Emins Autobiografie ist wie ihre Erinnerungen ein Mosaik aus schwammigen Bruchstücken und unzusammenhängenden Fragmenten. Der Leser weiß nie genau wo oder wann er sich befindet, detailreiche biografische Kapitel schmiegen sich an thematisch spezifische Essays, denen wiederum Gedichte und handgeschriebene Briefe und Notizen folgen. Das macht „Strangeland“ sowohl authentisch als auch schwer zu lesen, insofern dass man sich nur nach und nach ein Bild der Autorin und ihres Lebens machen kann. Wikipedia ist leider unerlässlich, um die Erinnerungsfetzen von Tracey Emin in Kontext zu setzen, es sei denn die Künstlerin und ihr Werk sind dem Leser schon im Vorfeld ein Begriff. Oft lässt das Buch seine Autorin wie einen Sozialfall erscheinen, wo sie doch gerade dabei war die Londoner Kunstszene aufzumischen. Das irritiert mich als Leserin ein wenig, denn ich habe selbst nach der Lektüre von „Strangeland“ nicht das Gefühl seine Autorin zu kennen.

Strangeland – Tracey Emin – ISBN 978.3.442.74065.9

Für Leser, die…

  • …eine Vorliebe für experimentelle Erzählweisen haben.
  • …sich in der britischen Kunstszene auskennen.
  • …einer kompromisslosen Frauenstimme lauschen wollen.

Am besten kombiniert mit…

  • Just Kids – Die Geschichte einer Freundschaft von Patti Smith (zur Rezension)
  • Das Mädchen mit dem Haifischherz von Jenni Fagan
  • King Kong Theorie von Virginie Despentes (zur Rezension)
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