(Lesen ist hardcore!) Das Mädchen mit dem Haifischherz von Jenni Fagan

Die englische Originalausgabe dieses Buchs hatte ich schon lange im Auge, ohne mich jedoch zum Kauf durchringen zu können. Nun stolperte ich auf Tauschticket über die deutsche Übersetzung und was soll ich sagen, das Cover hat mich überzeugt und die Geschichte dahinter ist schließlich die Gleiche. Also warum noch länger mit der Lektüre warten…

9783888979255„Anais Hendricks ist fünfzehn und sitzt auf dem Rücksitz eines Polizeiautos. Ihre Schuluniform ist blutverschmiert, und am anderen Ende der Stadt liegt eine Polizistin im Koma. Doch Anais kann sich da an nichts erinnern. Jetzt ist sie auf dem Weg ins Panoptikum, eine Besserungsanstalt für schwer erziehbare Jugendliche, die für das Waisenkind am Ende einer langen Kette von Heimen und Pflegefamilien steht. Das Panoptikum, ein ehemaliges Gefängnis im Niemandsland der Provinz, scheint wie gemacht für Anais, die mittlerweile sowieso denkt, sie sei ein Experiment, das Objekt einer Reihe von Versuchen, die zeigen sollen, wann ein Mensch zerbricht. Während Anais mit ihrer schwierigen Vergangenheit ringt und sich mit Mut und Fantasie durch ein Fürsorgesystem boxt, das ihr einen Schlag nach dem anderen versetzt, findet sie in den anderen Jugendlichen des Panoptikums fast so etwas wie eine Familie. Eine Familie, die sich ihre eigenen Mythen und Legenden schafft und deren Bande stärker sind als das System, aus dem es scheinbar kein Entkommen gibt. Es sei denn, du hast ein Haifischherz und Freunde, die dir helfen, ihm zu folgen.“ („Das Mädchen mit dem Haifischherz“, Klappentext)

Anais Hendricks, die Hauptfigur, die Erzählerin und das Mädchen mit dem Haifischherz aus dem gleichnamigen Roman, ist mit allen Wassern gewaschen. Schon zu Beginn ihrer Erzählung gibt sie dem Leser, den anderen Figuren, ja sogar sich selbst Rätsel auf. Ist sie nun eine quasi-Mörderin oder nicht? Das Blut auf ihrer Schuluniform würde dafür sprechen. Doch auch wenn Anais im zarten Alter von sechzehn Jahren schon eine Polizeiakte von der Dicke eines Dudens hat, scheinen ihr die neusten Anschuldigungen sie habe eine Polizistin ins Koma geprügelt zu einfach, um der Wahrheit zu entsprechen. Beweisen kann sie allerdings nichts und erinnern kann sie sich auch nicht, also steht sie erst einmal unter Verdacht und unter Beobachtung.

Die Welt in der Anais lebt ist rau und ihr neues Zuhause das Panoptikum erinnert eher an ein Gefängnis als an eine Jugendhilfeeinrichtung. Jenni Fagan gibt sich große Mühe ihren Schauplatz vor dem Auge des Lesers entstehen zu lassen, doch ist die Struktur dessen so komplex, dass ich oft Probleme habe, sie mir vorzustellen. Dabei schwankt Anais Schilderung ihrer Umgebung von realistisch zu halluzinatorisch. Als Leser weiß man aufgrund dessen nie so richtig, was für einen Roman man da gerade liest. Ist das Experiment, das Anais erschaffen haben soll, nun ein Teil der dystopischen Welt des Panoptikums oder einfach eine im Drogenrausch entstandene Vorstellung, die mir von der Erzählerin als wahr verkauft wird – ich bin ein bisschen verwirrt.

Diese Verwirrung charakterisiert mein Erlebnis mit der Erzählung. Anais springt von der Gegenwart in wilde, oft völlig überzogene Spekulationen darüber, was gerade mit ihr passiert und wer im Panoptikum die Strippen zieht. Dann wirft sie mir eine Rückblende vor die Füße, die so vage gestrickt ist, dass ich sie zeitlich nicht einordnen kann. Zwischendurch kriegt sie eine SMS von einem Exfreund, der gerade im Gefängnis sitzt. Es wirkt alles etwas zusammenhanglos und auch gegen Ende klären sich viele der anfänglichen Ungereimtheiten nicht so wirklich auf. Das hinterlässt den Leser irgendwie frustriert, aber worüber nun genau, dass weiß er selbst nicht so richtig. Denn der rote Faden zerfasert ihm in der Hand.

Ich schwanke in meiner Bewertung des Buchs hin und her zwischen „eigentlich ganz okay“ und „meine Güte sind das aber viele Anfängerfehler.“ Der Roman ist selbst wie einer dieser Drogentrips, die Anais sich ohne Unterlass einwirft. Er passt hinten und vorne nicht zusammen, und der Leser, der irgendwo dazwischen eingequetscht wird, scheint bei der ganzen Unternehmung eher Nebensache zu sein. Gegen Ende eine völlig unnötige Szene extremer Gewalt, die weder die Handlung voran treibt, noch die Hauptfigur exponiert – von einer jungen Schriftstellerin, die zur Zeit der deutschen Veröffentlichung noch an der Edinburgher Universität tätig war, also ganz sicher nicht auf den Kopf gefallen ist, hätte ich an dieser Stelle mehr Feingefühl erwartet.

Mein Urteil über „Das Mädchen mit dem Haifischherz“ ist demnach auch eher durchwachsen. Salopp gesagt, kann man lesen, muss man aber nicht. In dieser Weise ist der Roman auf dem Buchmarkt in guter Gesellschaft. Was mir persönlich sauer aufstößt ist, dass „Das Mädchen mit dem Haifischherz“ trotz seiner Ansiedlung im literarischen Mittelfeld scheinbar den Anspruch hegt sich davon abzuheben. Das macht mein Leseerlebnis äußerst holperig, da Jenni Fagan wieder und wieder nach den Sternen greift und dabei mit leeren Händen wieder zur Erde zurückkehrt. Ich hätte es ihr gegönnt, den ambitionierten Roman zu verwirklichen, der scheinbar ihren Kopf erfüllt. Doch reicht das alleine leider nicht aus, um dem „Mädchen mit dem Haifischherz“ das gewisse Etwas zu verleihen.

Das Mädchen mit dem Haifischherz – Jenni Fagan – ISBN 978.3.888.97925.5

lesen-ist-hardcore-blog-projekt

Für Leser, die…

  • …einer rotzfrechen Mädchenstimme lauschen wollen.
  • …ein bisschen Magie in ihrem Realismus mögen.
  • …ein hungriges Herz und stählerne Nerven haben.

Am besten kombiniert, mit…

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