(Lesen ist hardcore!) Apocalypse Baby von Virginie Despentes

Wer hier öfter mal nach Buchtipps sucht, der dürfte es schon lange wissen: die Bücherphilosophin plus die französische Schriftstellerin Virginie Despentes, das ergibt massives „fangirling“…

produkt-1755„Die ebenso talent- wie skrupellose Privatdetektivin Lucy hat nur ein Ziel: die verschwundene Teenagerin Valentine wiederzufinden, die ihrer Großmutter auf einem Métrobahnsteig abhanden gekommen ist. Ihre Suche wird zur Tour de Force, denn Lucy wird von der »Hyäne« begleitet, einer Ermittlerin mit zweifelhaft radikalen Recherchemethoden.“ („Apokalypse Baby“, Klappentext)

Auch in ihrer neusten Veröffentlichung auf dem deutschen Buchmarkt geben die Frauen wiedermal den Ton an. Es fängt an mit Erzählerin Lucie, die mit Mitte dreißig und etwas desillusioniert für einen Pariser Privatdetektiv Teenager bespitzelt. Soweit so monoton, bis eines Tages eines der Mädchen in Lucies Visier scheinbar spurlos verschwindet. Nun kommt die Detektivin in spe gehörig ins Schwitzen. Denn die Familie, die sich um die junge Valentine schart ist nicht nur wohlhabend sondern auch einflussreich. Als der Chef Lucie den Vermisstenfall zuspielt ist ihr sofort klar, dass sie alleine nichts weiter ist als ein kopfloses Huhn. Was hätte sie also tun sollen, außer sich die, in der Privatermittler Szene berühmt berüchtigte, Hyäne ins Boot zu holen?!

Und so beginnt die Suche nach Valentine, die sich über fast 400 Seiten erstreckt und dabei doch nie langweilig wird. Die beiden Frauen folgen der Spur des jungen Mädchens durch Paris, in die „banlieues“ und bis nach Barcelona. Auf ihrer Suche begegnen sie einer ganzen Reihe von zwielichtigen Gestalten, schwer erziehbare Jugendliche, rechtsradikale Musiker, Orgien feiernde Lesben und sogar katholische Nonnen und keiner will Valentine gesehen haben, zumindest nicht seitdem sie vom Erdboden verschluckt wurde. „Apokalypse Baby“ ist dabei kein klassischer Krimi, Virginie Despentes weigert sich mit dem Leser zu spielen und falsche Fährten zu legen. Ihr Roman ist nicht im eigentlichen Sinne spannend und trotzdem übt er einen Sog auf mich aus, der mich das Buch fast in einem Rutsch durchlesen lässt.

Die Geschichte von Lucie, der Hyäne und dem Fall ihres Lebens wird zunächst von Lucie selbst erzählt. In ihre Erzählung mischen sich aber immer wieder Kapitel in der dritten Person, die eine der befragten Figuren unter die Lupe nehmen, beispielsweise den Vater von Valentine oder ihren marokkanischen Cousin. Das bringt Abwechslung in die Erzählung und trägt nachhaltig dazu bei, dass das Leseerlebnis frisch und ungezwungen bleibt. Ich werde mit jedem neuen Kapitel dazu verführt weiter zu lesen, neue Figuren zu entdecken oder nachzuschauen, was Lucie und die Hyäne in der Zwischenzeit so getrieben haben, ob sie mit ihren Untersuchungen ein Stück weiter gekommen sind.

Das Ende des Romans erinnert dann ein klein wenig an den Paukenschlag, der schon „Die Unberührte“ durch die letzten Seiten begleitete. Doch wirkt dieses Ende mit Schrecken in Virginie Despentes neuem Roman irgendwie halbherzig. Es wird zu viel erzählt und zu wenig gezeigt und so verlieren die letzten paar Akkorde von „Apokalypse Baby“ leider an Durchschlagkraft und mein literarisches Trommelfell, das auf den letzten paar Seiten von „Die Unberührte“ noch in Fetzen gerissen wurde, vibriert nur widerwillig zum Klang der finalen Sätze. Das Ziel ist in diesem Fall also weit hergeholt, aber der Weg ist dadurch nicht weniger interessant gewesen. Selbst Virginie Despentes wird eben irgendwann mal mehr oder weniger handzahm, damit muss ich mich wohl abzufinden lernen.

Letztlich ist „Apokalypse Baby“ aber doch die Zeit wert gewesen, die ich persönlich in die Lektüre des Romans investiert habe. Skandalautorin Virginie Despentes scheint erwachsen geworden zu sein und sich langsam etwas zu mäßigen gelernt zu haben. Ich mochte die alte Virginie Despentes zwar lieber, kann mich mit ihrer Reinkarnation aber durchaus anfreunden. Denn diese schafft es mir einen Krimi unterzujubeln, der sich über die Grenzen des Genres ausdehnt und diese neu definiert. Ein Roadtrip geradewegs in die Arme der Apokalypse, ohne Sicherheitsgurt und Knautschzone. Nach der Lektüre brummt mir ein bisschen der Kopf, doch leichte Erschöpfungs- und Entziehungserscheinungen bin ich von den Romanen dieser ganz besonderen Autorin ja schon gewohnt.

Apocalypse Baby – Virginie Despentes – ISBN 978.3.8333.0897.0

lesen-ist-hardcore-blog-projekt

Für Leser, die/denen…

  • …starke, unabhängige Frauenfiguren lieben.
  • …einen eher verhaltenen Krimi einem blutigen Thriller vorziehen.
  • …ein einziger Schauplatz einfach nicht genug ist.

Am besten kombiniert mit…

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