(Sachbuch) Girl in Need of a Tourniquet von Merri Lisa Johnson

Auf meiner Suche nach außergewöhnlichen Erfahrungen und Biografien, angestoßen durch meine Lektüre von „Zu leicht für diese Welt“ von Emma Woolf, stieß ich schließlich auf eine weitere Krankengeschichte, die wieder vor allem junge Frauen zu betreffen scheint…

Download (6)„An honest and compelling memoir, Girl in Need of a Tourniquet is Merri Lisa Johnson’s account of her borderline personality disorder and how it has affected her life and relationships. Johnson describes the feeling of „bleeding out“ — unable to tell where she stopped and where her partner began. A self-confessed „psycho girlfriend,“ she was influenced by many emotional factors from her past. She recalls her path through a dysfunctional, destructive relationship, while recounting the experiences that brought her to her breaking point. In recognizing her struggle with borderline personality disorder, Johnson is ultimately able to seek help, embarking on a soul-searching healing process. It’s a path that is painful, difficult, and at times heart-wrenching, but ultimately makes her more able to love and coexist in healthy relationships.“ („Girl in Need of a Tourniquet“, Klappentext)

Wenn es darum geht die Lektüre dieses Buchs zu beschreiben bin ich froh im Vorfeld schon gewusst zu haben, worum es in „Girl in Need of a Tourniquet“ geht. Denn der Anfang der Geschichte ist so schwammig, dass es dem unbeleckten Leser nur zu leicht fallen dürfte, sich darin zu verlieren. Die ersten paar Kapitel scheinen völlig zusammenhanglos zu sein und es fällt mir schwer sie im Laufe der Lektüre vernünftig einzuordnen. Merri Lisa Johnson spickt ihre Erzählung außerdem mit Zitaten aus zunächst einmal der klassischen und anschließend, nach ihrer Diagnose, aus der Fachliteratur. Diese Zitate hören sich erst einmal an wie ihre eigenen Gedanken, zu dem was gerade geschieht oder beschrieben wird, und bringen mich sobald sie kurz darauf ihrer Quelle zugeordnet werden, wieder und wieder aus dem Lesefluss heraus.

Was die Autorin mir auf diese höchst verwirrende Art und Weise vermitteln will ist, wie es sich anfühlt mit einer Borderline Persönlichkeit auf die Welt zu schauen und sie zu navigieren. Woher genau diese verzerrte Wahrnehmung kommt, die in der Familie der Autorin scheinbar öfter auftritt und ein ums andere Mal höchst kuriose Individuen erschafft, die noch merkwürdigere Lebensentscheidungen treffen, wird mir nie erzählt und das alleine führt schon dazu, dass ich dem Buch kritisch gegenüber stehe. Merri Lisa Johnson bricht mit jeglicher Konvention hinsichtlich der Struktur einer Autobiografie, ich erfahre wenig über ihre Vorgeschichte, nichts über ihre Kindheit und schließlich viel zu viel über die psychiatrischen Definitionen von Borderline, die sich im großen und ganzen inhaltlich überschneiden.

Die Geschichte der Autorin geht besonders im Bezug auf eine lesbische Liebesaffäre mit einer Kollegin ins Detail. Die Schilderung dieses sowohl erotischen als auch extrem obsessiven Abenteuers bleibt allerdings gleichzeitig so vage, dass es mir während der Lektüre schwer fällt mir die Ereignisse in mehr als der nebulösen Art vorzustellen, mit der ich mich beispielsweise an meine Träume erinnere. Die Erzählung von Merri Lisa Johnson ist mal ganz präsent, aber dann auch wieder nicht, und ich habe ständig das Gefühl einem Trugbild nachzujagen, tiefer und tiefer in den Sumpf einer Borderline Wahrnehmung hinein. Auf festen Boden zurückgekehrt habe ich aber nach wie vor nur eine sehr vage Vorstellung von der Autorin und ihrem Kampf mit sich selbst, der zwischen den Seiten ihres Buchs zu einem Kampf mit dessen Leser auszuarten droht.

Insofern verfehlt „Girl in Need of a Touriquet“ das Ziel konventioneller Autobiografien, mir die Autorin und ihr Leben näher zu bringen. Was das Buch mir in seiner ganz besonderen, oft ganz besonders nervtötenden, Weise vermittelt ist trotzdem nicht zu unterschätzen. Denn als Leser gewährt mir Merri Lisa Johnson einen raren Einblick in die Wahrnehmung und die daraus resultierenden Eskapaden einer gestörten, oder um es weniger diskriminierend auszudrücken, einer außergewöhnlichen Psyche. Ich kriege einen Vorgeschmack darauf, was es heißt sie zu kennen, vielleicht sogar darauf was es heißt sie zu sein. Eine Frau, die sich selbst nicht kennt und konsequenterweise ein Buch geschrieben hat, das keinerlei Aufschluss über ihre Person gibt und seinen Leser ratlos, und zugegebenermaßen auch etwas frustriert, zurücklässt.

Wer mehr über das Leben mit einer Borderline Persönlichkeit erfahren möchte, dem würde ich persönlich davon abraten Bücher zu lesen, die von Borderline Persönlichkeiten verfasst wurden. Denn sie lesen sich so als wären sie von einem Dutzend verschiedener Menschen verfasst, die sich untereinander nur flüchtig kennen und denen der Wesenskern des Kollektivs zudem noch völlig fremd ist. Besser beraten ist man an dieser Stelle mit den gängigen Werken der psychiatrischen Fachliteratur zum Thema. Geht es einem jedoch darum einen kleinen Blick hinter die Kulissen des Chaosmanagements zu werfen, das den Alltag eines typischen Borderliners ausmacht, dann mutiert dieses Buch zu einer wahren Schatztruhe der unbeabsichtigten Einsichten und Eindrücke.

Girl in need of a tourniquet – Merri Lisa Johnson – ISBN 978.1.580.05305.1

Für Leser, die…

  • …sich mit klassischer Literatur auskennen.
  • …selbst bei einer Autobiografie nicht auf stilistische Experimente verzichten wollen.
  • …mit der Diagnose „Borderline Persönlichkeit“ leben.

Am besten kombiniert mit…

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2 Kommentare zu „(Sachbuch) Girl in Need of a Tourniquet von Merri Lisa Johnson“

  1. Klingt anstrengend. Susanna Kaysens Buch fand ich damals gut, daher hätte ich nun gerne auch zu „Girl in Need of a Tourniquet“ gelesen. Aber da verlasse ich mich nun doch auf dein Urteil – das hat bisher immer super funktioniert (ich denke nur an Alice Sebolds Biografie, die mir ohne dich vielleicht entgangen wäre).

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