(Sachbuch) Cleaving: A Story of Marriage, Meat and Obsession von Julie Powell

Als ich ihre beiden Autobiografien zum ersten Mal las, war mir Julie Powell noch unglaublich unsympathisch. Seit meiner zweiten Begegnung mit diesem Buch sitzt sie mir lange nicht so quer, wie noch vor fünf Jahren, auch wenn wir sicher niemals so richtig Freunde werden dürften…

Download (4)„Her marriage challenged by an insane, irresistible love affair, Julie decides to leave town and immerse herself in a new obsession: butchery. She finds her way to Fleischer’s, a butcher shop where she buries herself in the details of food. She learns how to break down a side of beef and French a rack of ribs–tough, physical work that only sometimes distracts her from thoughts of afternoon trysts. The camaraderie at Fleischer’s leads Julie to search out fellow butchers around the world–from South America to Europe to Africa. At the end of her odyssey, she has learned a new art and perhaps even mastered her unruly heart.“ („Cleaving“, Klappentext)

Das zweite Glücksprojekt von Julie Powell spielt einige Zeit nach der Komplettierung ihres ersten Projektes und der Veröffentlichung ihres Buchs zum Thema. Wo sie im letzten Buch noch fast zu beneiden war – eine gute wenn auch etwas verschrobene Köchin, die sich ihre kleine Wohnung in New York mit ihrem gutmütigen Ehemann teilt, der ihren ausufernden Launen gelassen gegenüber steht – wirkt sie zwischen den Seiten von „Cleaving“ wie eine Gestrandete. Eine Affäre á la „50 Shades of Grey“ hat ihre Ehe fast bis zur Unkenntlichkeit zerrüttet und wie es manchmal so ist, wenn man mit einem Mann Dinge getan hat, die einem ohne ihn niemals in den Sinn gekommen wären, kommt Julie Powell auch nach dem Ende der Beziehung zu D. einfach nicht von ihm los.

Wenn ich gegen Ende von „Julie & Julia“ schon keinen Nerv mehr hatte, auf die neurotischen Anfälle von Julie Powell, bringt sie mich in „Cleaving“ so oft dazu mit den Augen zu rollen bis ich beim Lesen Ähnlichkeit mit einer BSE Kuh entwickle. Julie Powells romantische Obsession zu einem Mann, der so wirkt als hätte er schon lange genug von ihren Avancen, gepaart mit ihrer Weigerung sich endlich von ihrem Ehemann zu trennen, auch wenn der schon lange Wind bekommen hat von ihren außerehelichen Aktivitäten, treibt mich beim Lesen schier zur Weißglut. Wie kann man so mit einem anderen Menschen umgehen?! Wie kann man so mit sich selbst umgehen?! Eines ist klar, auch wenn meine Gefühle oft gemischter Natur sind, „Cleaving“ lässt mich ganz bestimmt nicht kalt.

Das wirklich interessante an diesem Buch ist für mich allerdings nicht der Bettsport von Julie Powell, sondern ihre Ausbildung zur Fleischerin, die in Amerika um einiges ungeregelter abläuft, als man es aus Deutschland kennt. Für sechs Monate arbeitet sie bei einem Schlachter mit, ohne Bezahlung, genauer gesagt wird sie oft mit Fleisch und Würstchen bezahlt, und schaut dabei den erfahrenen Fleischern über die Schulter. Als einzige Frau gibt sie sich viel Mühe sich den Männern anzupassen, manchmal ist das ein bisschen albern, aber solange es ihr Spaß macht derbe Witze zu reißen, soll sie das gerne tun. Wann immer Julie Powell das von ihr während der Arbeitszeit verdiente Fleisch zubereitet, teilt sie das Rezept mit ihrem Leser. Wer gerne Fleisch ohne alles isst, der findet in „Cleaving“ viele Anregungen zum Kochen, Braten und Grillen.

Die sechs Monate Ausbildungszeit gehen schnell vorbei und auf einmal hängt Julie Powell wieder in der Luft und zumindest gedanklich zwischen zwei Männern. Anders als zu Beginn ihrer Ausbildungszeit scheint sie diesen Zustand aber nicht mehr auszuhalten und so tritt sie die Flucht nach vorne an und bricht auf in die Welt. Zunächst reist sie nach Argentinien, anschließend geht es in die Ukraine und zuletzt nach Tanzania. Ihre Erlebnisse in den drei Ländern sind jeweils sehr verschieden, haben aber alle mit einem Thema zu tun, das Julie Powells Gedanken nun schon seit über einem halben Jahr beschäfftigt: Fleisch, bzw. Fleischerei. In Tanzania trinkt sie sogar das Blut eines jungen Stiers und um dieses Erlebnis beneide ich sie wahrlich nicht, aber ihr scheint es jedenfalls zu schmecken.

Alles in allem ist „Cleaving“ eine interessante Autobiografie über eine Frau, die sich traut ihr Leben völlig neu aufzurollen und dabei so ganz nebenbei zu sich selbst findet. Selbst als jemand der nur wenig Fleisch isst, hörte ich der Erzählstimme von Julie Powell aufmerksam zu und merkte bald, dass sie nicht nur etwas davon versteht, was sie mir erzählt, sondern auch aufrichtig liebt was sie tut. Die Ehrlichkeit mit der die Autorin zu Werke geht kann manchmal dazu führen, dass man als Leser Antipathien gegen sie entwickelt. Doch das macht dieses Buch über die Abgründe von Julie Powells Ehe und ihre ganz individuelle Art damit fertig zu werden nicht weniger lesenswert.

Cleaving: A Story of Marriage, Meat and Obsession – Julie Powell – ISBN 978.0.316.00336.0

Für Leser, die…

  • …wissen wollen, wie es nach ihrem Kochprojekt mit Julie Powell weiter geht.
  • …etwas über das Fleischerhandwerk lernen wollen.
  • …schonungslose, oft schmerzhafte, Offenheit zu schätzen wissen.

Am besten kombiniert mit…

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