(Reread) In meinem Himmel von Alice Sebold

„In meinem Himmel“ war eines der ersten Bücher, die ich als Bücherphilosophin gelesen und rezensiert habe. Damals waren meine Rezensionen aber noch so oberflächlich, dass es höchste Zeit ist einen zweiten Versuch zu starten…

Download (11)„Susie Salmon führt das ganz normale Leben eines Teenagers in einer amerikanischen Kleinstadt – bis zu jenem Tag im Dezember, als sie von einem Vergewaltiger getötet wird. Aber Susies Existenz ist damit nicht ausgelöscht. Von „ihrem Himmel“ aus verfolgt sie das Leben auf der Erde, beobachtet ihre Freunde und Familie, die mühevoll nach Wegen suchen, um den Verlust zu verarbeiten. Und erst, als die fragile Balance menschlicher Existenz wiederhergestellt ist, kann auch Susie ihren Seelenfrieden finden.“ („In meinem Himmel“, Klappentext)

In ihrem Romandebüt schafft Alice Sebold das schier Unmögliche, sie macht das tragische, grausame Schicksal ihrer Erzählerin poetisch, nahezu schön. Susie Salmon, ein junges Vorstadtmädchen, wie es so viele in den Familiensiedlungen Nordamerikas gibt, wird brutal vergewaltigt und ermordet, und das schon auf den ersten paar Seiten des Buchs. Ihr schmerzliches Ende ist dabei nicht etwa der Höhepunkt der Geschichte, sondern vielmehr deren Anfang. Denn „In meinem Himmel“ ist nicht nur Susies Geschichte, es ist ebenfalls die Geschichte ihrer Familie und Freunde, ihres Mörders und der Menschen, die durch ihren plötzlichen Tod und den ungelösten Fall, der sich daraus ergibt, für immer verändert und geprägt sind.

Die Tragödie von Susies Tod wird für den Leser dadurch abgemildert, dass sie selbst ihre Geschichte erzählt. Sie erzählt sie aus der Perspektive einer Bewohnerin ihres eigenen kleinen Himmels, den sie sich ab und zu mit anderen teilt und in den später sogar der Familienhund eingeht. Dies gibt der Erzählung etwas versöhnliches, auch wenn Susie Grund dazu hätte verbittert und rachsüchtig zu sein. Denn auch nach Jahren ist ihr Mörder noch auf freien Fuß und mordet munter weiter, ohne dass die Polizei ihm auf die Schliche kommt. Susies Familie trauert derweil um die verlorene Tochter, jeder auf seine ganz persönliche Weise. Während sich die Eltern immer weiter auseinander leben, versucht Susies Schwester den Täter ausfindig zu machen, doch das ist leichter gesagt als getan.

„In meinem Himmel“ ist ein Buch, dass seinen Leser mitten ins Herz trifft und Blut fordert mit jeder neuen Seite, dabei aber auch auf eine Art und Weise zu mir spricht, die ich wohl nie vergessen werde. Die Prosa von Alice Sebold ist voller Magie und so wird selbst das unfassbare erträglich. Leider kann die Familie von Susie nicht von meiner Perspektive als Leser profitieren und ist ihrer Trauer ausgeliefert, woran sie über die Jahre zu zerbrechen droht. Alice Sebold beschreibt den Kampf um Normalität nach der Tragödie, den jede einzelne Person, deren Leben Susie Salmon in ihrer kurzen Zeit auf der Erde berührt hat, mit einem solchen Feingefühl, dass man als Leser selbst vor den schwersten, destruktivsten Entscheidungen und Verhaltensweisen ihrer Figuren einen nahezu andächtigen Respekt entwickelt.

Ich muss zugeben, dass mich dieses Buch bei meiner ersten Lektüre noch nicht so wirklich packen konnte. Ich las es zu Beginn meiner Zeit als Bücherphilosophin und nahm mir wahrscheinlich nicht genug Zeit, um die Worte Alice Sebolds auf mich wirken zu lassen. Ich erkannte „In meinem Himmel“ zwar als eines dieser Bücher, die mich durch mein Leseleben begleiten würden, war aber scheinbar gerade nicht allzu empfänglich für seinen Zauber. Bei meiner zweiten Begegnung mit dem Buch hätte es nicht anders sein können. Ich ließ mich fallen, zwischen die Zeilen und entdeckte darin meinen ganz eigenen Himmel, aus dem ich schließlich nur widerwillig und etwas verkatert auftauchte. Alice Sebold ist keine der Schriftstellerinnen, die jedes Jahr ein neues Buch auf den Markt werfen. Doch wenn sie schreibt, dann landet sie bei mir jedes Mal aufs neue einen Volltreffer.

In meinem Himmel – Alice Sebold – ISBN 978.3.442.45836.3

Für Leser, die…

  • …bereit sind die Schönheit in der Tragödie zu entdecken.
  • …für die Magie im Alltäglichen offen sind.
  • …vor ungeschönten Lebensrealitäten nicht zurück scheuen.

Am besten kombiniert mit…

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