(Neuerscheinung) Lasse von Verena Friederike Hasel

Die Leseempfehlung zum Debüt von Verena Friederike Hasel stammt mal nicht aus der Blogosphäre, sondern von der MISSY Redaktion, deren Buchtipps ich von nun an sicher öfter folgen werde…

41sx-XlU1eL._SX303_BO1,204,203,200_Die verstörende Geschichte einer jungen Frau, die immer mehr den Zugang zur Realität verliert und sich in eine Welt hineinbegibt, in der eine ganz eigene Logik gilt. Als Nina Mutter wird und spürt, dass sie nicht nur Liebe für ihr Kind empfindet, ist sie verunsichert. Sie sucht Anschluss in Mütter-Cafés und Babykursen, aber fühlt sich isoliert. Überall sind Frauen, die selbstverständlich und mühelos liebevoll mit ihren Kindern umgehen. Die stets genau wissen, was richtig ist und was nicht. Für die jeder Zweifel schon ein Tabubruch ist. Nach und nach bricht Nina den Kontakt zu ihren Mitmenschen ab, unfähig, eine Verbindung zu anderen herzustellen. Als sich für sie alles nur noch auf ihren wenige Monate alten Sohn konzentriert, nimmt eine fatale Entwicklung ihren Lauf.

Auch wenn ich kurz nach der Lektüre dringenden Redebedarf hatte, habe ich nun Angst diesem Buch, und dem was es mit mir gemacht hat, mit meiner Rezension nicht gerecht zu werden. Dann wiederum habe ich nur dieses Mittel, um eine Geschichte zu verarbeiten, die mir für ein paar wohl dosierte Momente den Boden unter den Füßen weg gerissen hat. Also springe ich an dieser Stelle einfach mal ins kalte Wasser und versuche zu beschreiben, wie es sich angefühlt hat diesen Roman zu lesen – und das bis zu seinem bitteren, ja nahezu psychotischen Ende, das mich an dieser Stelle an themenverwandte Romane von Autorinnen wie zum Beispiel Lionel Shriver, Paula Bomer und AM Homes erinnert.

„Lasse“ spielt ein falsches Spiel mit mir, zumindest anfangs und lange dauert es, bis mir klar wird, dass ich diesem Spiel aufgesessen bin. Unbeschwert tänzeln die ersten Zeilen durch meinen Kopf. Die Sprache von Erzählerin und Hauptfigur Nina ist freundschaftlich, fast etwas kindlich und begegnet der Leserin auf Augenhöhe. Konsequenterweise ahne ich nichts böses, bzw. wird mir erst spät bewusst, wie ernst diese Geschichte noch werden wird. Ein bisschen neurotisch ist sie schon die Hauptfigur, so wie sie sich Hals über Kopf in den jungen Arzt verliebt, der ihr den Blinddarm entfernt. Doch ist die Art auf die sie beschreibt, wie sie sich anschließend an ihn dranhängt auch irgendwie drollig. So eine, nach eigenen Aussagen, ungewöhnlich hübsche junge Frau und der Arzt mit den dicken Oberschenkeln und den Pickeln am Po, der soll sich mal nicht so haben, soll sich mal glücklich schätzen.

Auch wenn Lennart – so heißt der Arzt – nahezu unaufhörlich versucht die Hauptfigur wieder aus seinem Leben zu extrahieren, ich bin ihr an dieser Stelle vollkommen verfallen. Die Offenheit der Erzählerin lockt mich an wie eine Venusfliegenfalle und kaum gebe ich dem Locken nach, hat sie mich auch schon gepackt und lässt mich viel zu lange nicht mehr los, hält mich noch fest umklammert als sie im Grunde schon längst die Grenzen des zivilisierten Miteinanders überschritten hat. Und immer noch ergreife ich Partei für sie und verteufle nacheinander erst Lennart, dann die Hebamme, die den gemeinsamen Sohn entbindet, die Berliner Mütter-Mafia aus dem Kindercafé „Emily Erdbeer“ und schließlich sogar Felix-Otto, der eigentlich Lasse hätte sein sollen, es aber nicht ist, im Krankenhaus ganz sicher vertauscht wurde, zumindest wenn man dem inneren Monolog der Hauptfigur Glauben zu schenken vermag.

Verena Friederike Hasel erzählt diese Geschichte in atemlosen Sätzen, die teilweise eine halbe Seite umspannen, denen man aber trotzdem gut folgen kann. Denn als Leserin fällt es mir nicht schwer mich dem zugegebenermaßen etwas sprunghaften, ja nahezu gehetzt wirkenden Tempo der Gedanken anzupassen, welche die Hauptfigur von Anfang bis Ende der Erzählung aneinander reiht. Gefangen in ihrem Kopf sehe ich die Geschichte ausschließlich durch den Zerrspiegel einer scheinbar gestörten Psyche, die für mich mit der Zeit normal wird. Das gibt der Erzählung teilweise etwas unwirkliches, etwas traum- oder besser gesagt alptraumhaftes. Doch noch bin ich nicht bis zum Ende vorgedrungen, noch gibt es Hoffnung und die gebe ich nicht auf, klammere mich daran, was den Fall auf den Boden der Tatsachen noch tiefer macht.

Als ich „Lasse“ dann zuklappte, nachdem die Lektüre des Buchs drei Tage lang fast schon rauschähnliche Zustände in meinem Kopfkino hervorrief, musste ich kurz inne halten. Dann las ich es noch einmal, das Ende, welches mich atemlos, ja völlig sprachlos machte – eine gute Sache, denn ich möchte es an dieser Stelle auf keinen Fall vorweg nehmen. Langsam kommen sie wieder, die Worte und drängen aus mir heraus. Denn ein Buch wie dieses, ein Debüt wie ein Faustschlag, das möchte ich, ach was das muss ich einfach empfehlen, muss dieses aufreibende Leseerlebnis einfach mit jemandem teilen. Selbst wenn die Schockstarre am Ende, nach mir, sicher jede weitere Leserin treffen wird und die anschließend benötigte Erholungsphase schon mal ein paar lesefreie Tage bedeuten kann.

Lasse – Verena Friederike Hasel – ISBN 978.3.550.08093.7

Für Leserinnen, die…

  • …sich eingestehen können, dass eine gute Mutter zu sein Schwerstarbeit ist.
  • …ihre Kinder trotzdem lieben.
  • …einer unzuverlässigen Erzählerin nicht einfach blind glauben.

Am besten kombiniert mit…

417oaH6hURL._SX295_BO1,204,203,200_  514vyuNVBTL._SX327_BO1,204,203,200_519Xez0O1zL._SX314_BO1,204,203,200_41YAD7sRkdL._SX304_BO1,204,203,200_

Advertisements

Ich kann leider keine Gedanken lesen, also freue ich mich über Deinen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s