(Neuerscheinung) Nichts gegen blasen von Jacinta Nandi

Nach der nervenaufreibenden Lektüre von Verena Friederike Hasels Debüt „Lasse“ brauchte ich etwas Leichtes, was zum Lachen und dazu am liebsten eine Tafel Schokolade (oder ein Glas Wein). „Nichts gegen blasen“ schien mir da genau das richtige Buch zu sein…

Download (25)Eine verrückte Familie in England und Chaos in Berlin: Jacinta hat einen transsexuellen ehemaligen Stiefvater, eine behinderte Mutter, einen kleinen Sohn. Vor ihrem Exmann flüchtete sie ins Frauenhaus, und gerade hat sie ihr geliebter Freund verlassen. Seither sammelt Jacinta Ficktermine mit schönen Penissen. Darunter ist der effiziente deutsche Mann, der gleichzeitig mit dem Fuß die Tür zuschiebt und mit der Hand die Kondompackung aufreißt – so unromantisch, dass es schon fast wieder romantisch ist. Sie beschreibt den ungeschönten Alltag alleinerziehender Frauen, die Tapferkeit bleicher dünner Teenie-Mütter und die selbstzufriedenen Sozialarbeiterinnen im Frauenhaus. Was für ein wunderschön beschissenes Leben. Explizit und authentisch, mit Tempo und Pointe.

Jacinta Nandis Erzählung beginnt in der Mitte, auf der Toilette bei einer Hochzeit mit dem nach eigenen Aussagen romantischsten Blowjob aller Zeiten. Wobei es wohl nur der Autorin selbst so vorkam, denn ihr Freund Peter lehnt den anschließenden Heiratsantrag ab. Nach sechs Jahren Beziehung ist Jacinta Nandi wieder alleine, bzw. alleinerziehend. Zurückgelassen in der gemeinsamen Wohnung, die ihr eigentlich viel zu teuer ist, weint sie sich in den Schlaf und das obwohl Peter eigentlich gar nicht so toll war, eigentlich ganz schön Übergewicht hatte und sie in sechs Jahren genau sechs mal geleckt hat. Ich merke schnell, Jacinta Nandi nimmt kein Blatt vor den Mund, auch wenn sie selbst damit selten gut wegkommt.

Als nächstes spult die Autorin ihre Geschichte zurück, nimmt den Leser mit an den Anfang ihres Lebens. Sie erzählt davon, wie sie als Tochter eines Inders und einer Engländerin im Ballungsraum London aufgewachsen ist, wie sie schon mit vierzehn Jahren in einem Feld ihre Unschuld verlor und wie sie schließlich für ihr Studium nach Deutschland zog. Zunächst wollte sie nur neun Monate in Berlin bleiben und blieb dann aber irgendwie hängen, warum genau weiß sie selbst nicht, und hasst es aus diesem Grund auch danach gefragt zu werden. Und das alles obwohl die Familie in England auch nach über zehn Jahren und einem Kind, dessen deutscher Vater laut Jacinta gehörig am Rad dreht, nicht mit ihren Versuchen aufhört sie zu einer Rückkehr zu bewegen.

In lose chronologischer Abfolge arbeitet sich die Autorin durch die Jahre vor, vom Standesamt in den Kreißsaal und kurz darauf ins Frauenhaus, bis sie schließlich bei ihrer Beziehung zum lieblosen Peter angekommen ist, den sie ihren Leserinnen schon im Anfangskapitel vorgestellt hat. All das erzählt sie herrlich unsentimental und nimmt sich dabei ständig selbst auf die Schippe, zum Beispiel dann, wenn sie der Leserin davon erzählt wie sie im Frauenhaus den „Sozialarbeiterfotzen“, wie Jacinta sie nennt, in den Hintern kriecht und andere Frauen bei Regelbrüchen verpetzt. Wer auf politische correctness besteht, der ist bei Jacinta Nandi fehl am Platz. Wer aber dazu bereit ist sich auf sie und ihre große Klappe einzulassen, der wird über die persönlichen Anekdoten in „Nichts gegen blasen“ ganz sicher lachen können.

Abgesehen vom Leben der Autorin in all seiner feuchtfröhlichen Tragikomik, hat „Nichts gegen blasen“ keinen wirklichen Plot oder Plan, so scheint es mir. Jacinta Nandi erzählt in einer Geschichte von ihrer Familie, zum Beispiel von der MS Erkrankung ihrer Mutter oder davon wie ihre Tante Trudi vor ein paar Jahren noch ihr Stiefvater Bob war. In der nächsten Geschichte erzählt sie ihren Leserinnen dann vielleicht von Männerbekanntschaften, bzw. den überdurchschnittlichen erotischen Qualitäten deutscher Männer (die sich an dieser Stelle gerne geschmeichelt fühlen dürfen 😉 ) oder von einem lustigen Frauenabend mit reichlich Wein und Dokumentationen über das Leben und (stille) Leiden von Prinzessin Diana.

Das macht „Nichts gegen blasen“ zu einem wunderbaren Zeitvertreib für Leserinnen, die wie ich nach ein bisschen Zerstreuung suchen. Jacinta Nandis Erzählungen erheben keinen Anspruch darauf mehr zu sein als gute Unterhaltung, die ihre Leserinnen zum Lachen oder Zähneknirschen oder sporadischen Kopfschütteln bringt. Ich persönlich habe mich prächtig amüsiert, auch wenn ich das Gefühl habe, dass die Autorin und ich uns im echten Leben so gar nicht verstehen würden. Doch ist das für mich kein Grund ihre berliner Anekdoten nicht zu genießen. Denn für mich ist sie die Heldin ihres eigenen Buchs, eine fiktive Figur in einer ausgedachten Geschichte, die laut ihrer Autorin vollkommen wahr, absolut authentisch und genau so passiert ist.

Nichts gegen blasen – Jacinta Nandi – ISBN 978.3.864.93029.4

Für Leserinnen, die…

  • …nach einer unverbindlichen Lektüre suchen.
  • …unverkrampft über Sex reden können.
  • …bereit sind auch mal über sich selbst zu lachen.

Am besten kombiniert mit…

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