(Neuerscheinung) Vor dem Sturm von Jesmyn Ward

Vor zehn Jahren habe ich die Zerstörungswut von Hurrikan Katrina in den Nachrichten mitverfolgt und war danach etwas überrascht, als es so lange dauerte bis sich jemand literarisch mit den Ereignissen befasste. Umso mehr freute ich mich über die Veröffentlichung von „Vor dem Sturm“ – etwas spät, aber ein gutes Buch braucht schließlich seine Zeit…

Download (24)Ein Hurrikan braut sich über dem Mississippi-Delta zusammen. Esch und ihre drei Brüder sind Halbwaisen. Sie wohnen in einer Hütte am Rande des Waldes und kämpfen gemeinsam ums Überleben: Mit kleinen Diebstählen halten sie die Familie über Wasser. Als Esch merkt, dass sie schwanger ist, weiß sie nicht, wem sie sich anvertrauen kann. Unterdessen wird das Wetter drückender und drückender, ein Sturm zieht auf. Trotz aller Widrigkeiten stehen die vier Geschwister unverbrüchlich zueinander. Nach dem dramatischen Unwetter sammelt die Familie ihre Kräfte, um einem neuen Tag ins Gesicht zu sehen. Es ist der Tag nach Katrina.

In „Vor dem Sturm“ erzählt Jesmyn Ward die Geschichte der Batiste Familie. Randall, Skeetah, Junior und Erzählerin Esch leben mit ihrem Vater in einem kleinen Holzhaus in Bois Sauvage, ihre Mutter ist vor Jahren bei der Geburt ihres Jüngsten gestorben. Nun bekommt die Familie wieder Zuwachs, allerdings in Form von Hundewelpen; ein Ereignis, dass die ganze Familie zum Stall neben dem Haus lockt. Doch nur Skeetah darf hinein, denn es ist seine Hündin China, die dort zum ersten Mal gebiert. Während die Kinder noch nichts von der drohenden Katastrophe ahnen, hämmert ihr Vater schon fleißig Bretter vor die Fenster und mir als Leserin läuft in diesem Moment eine Gänsehaut über den Rücken. Denn ich weiß schon, dass vernagelte Fenster den Sturm, der sich zusammen braut, nicht werden aufhalten können.

Insofern müsste Jesmyn Ward eigentlich gar nicht viel tun, um Spannung aufzubauen. Das Wissen der Leserin, um die Zerstörungskraft des Hurrikans, der bald über das Land jagen wird, reicht eigentlich völlig aus, um die Seiten bis zum katastrophalen Ende dahinfliegen zu lassen. Doch weigert sich die Autorin sich auf die faule Haut zu legen und serviert ihrer Leserin stattdessen eine ganze Palette alltäglicher Dramen, welche die Familie bis zum Tag des Sturmes auf Trab halten. Zum Beispiel ist da Erzählerin Esch, die seit ein paar Tagen das Gefühl hat schwanger zu sein und das von einem Jungen, der sie nicht wirklich zu sehen scheint. Ihr Bruder Skeetah ist derweil um das Wohl der neugeborenen Welpen besorgt, deren Überleben nicht nur durch die sich anbahnende Naturkatastrophe in Frage gestellt wird.

So wird der Sturm am Ende des Romans fast zur Nebensache, während diese Leserin um das Wohlergehen der Familie und ihrer Mitglieder bangt, beispielsweise als der Vater bei dem Versuch das Haus auf den Hurrikan vorzubereiten drei Finger verliert und es nun an seinen Kindern ist seine Arbeit zu beenden. Ich hetze an dieser Stelle etwas atemlos durch das Buch, muss mich aber gleichzeitig auf jedes Wort konzentrieren. Denn die Gefahr bei der Fülle an Informationen, die Jesmyn Ward hier auf die Leserin einprasseln lässt, etwas zu verpassen ist groß. Die Beschreibungen, welche diese unnachahmliche Südstaatenatmosphäre aufziehen lassen, lassen kein Detail aus, ob es nun um das langsam vor sich hin faulende Haus der Großeltern oder um einen illegalen Hundekampf auf einer Lichtung im nahe gelegenen Wald geht.

Ich kann gut nachvollziehen, warum gerade dieses Buch zur besten amerikanischen Veröffentlichung des Jahres 2011 gekürt wurde. Denn ich versinke während der Lektüre nahezu zwischen den Seiten, atme die gleiche feucht-stickige Luft, wie Erzählerin Esch und kann oft nur den Kopf schütteln über die extreme Armut, die in einem so reichen, so modernen Land existiert; wenn Skeetah sich zum Beispiel das Wurmmittel für seine Hündin China nicht leisten kann oder der älteste Bruder Randall darauf angewiesen ist ein Stipendium für sein Basketballcamp zu erspielen. In solchen Momenten ist Jesmyn Wards „Vor dem Sturm“ eine stille Anklage, immer dann wenn die Ärmsten der Armen ihre spärlichen Besitztümer, die sich oft auf das Dach über ihren Köpfen zu beschränken scheinen, verlieren.

Wer „Vor dem Sturm“ bisher verschmäht hat, der sollte es spätestens jetzt unbedingt lesen. Denn die subtile Spannung und unterschwellige politische Brisanz, die sich wie ein kühler Luftstrom durch die schwüle Hitze der ominösen Tage vor dem Hurrikan Katrina ziehen, machen diesen Roman zu einem Erlebnis, dass sich ins Gedächtnis gräbt. Für drei Tage verschluckte mich die Geschichte und spie mich schließlich fröstelnd und etwas zerwühlt wieder aus. Das Ende ist dabei so offen, dass es mich wie eine Wunde schmerzt. Doch lässt es so auch zu, dass ich mich noch ein klein wenig länger an die Figuren klammern kann, meinen Platz in ihrer Familie nicht so leichtfertig aufgeben muss und mein Kopfkino letztlich erst dann verlasse, wenn auch der Abspann in seiner Gänze durchgelaufen ist.

Vor dem Sturm – Jesmyn Ward – ISBN 978.3.548.28618.1

Für Leserinnen, die…

  • …einen etwas anderen Südstaatenroman lesen wollen.
  • …mit den Opfern von Hurrikan Katrina gelitten haben.
  • …nach einer fesselnden Familiengeschichte suchen.

Am besten kombiniert mit…

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