(Backlist) Bis nächstes Jahr im Frühling von Hiromi Kawakami

Auf die Bücher von Hiromi Kawakami bin ich eher zufällig gestoßen. Ihre Kollegin Banana Yoshimoto gehört schon lange zu meinen Lieblingsautoren, aber als einzige Japanerin in meinem Regal kam sie mir doch etwas einsam vor. Nun hat sie endlich etwas Gesellschaft und ich habe eine neue Lieblingsautorin…

51hnVFc+VbL._SX304_BO1,204,203,200_Noyuri und Takuya sind seit sieben Jahren verheiratet, als Noyuri erfährt, dass ihr Mann ein Verhältnis hat. Bisher war sie von ihrer Ehe wenig begeistert. Doch jetzt, als Takuya ihr die Trennung vorschlägt, erkennt sie, wie sehr sie an ihm hängt. Auf einer gemeinsamen Reise wird sich entscheiden, ob sie es wagt, auf eigenen Beinen zu stehen. Kawakami, die Meisterin atmosphärischer Liebesgeschichten, erzählt, wie eine Ehe und Liebe zerbricht. Auf lakonische Weise erzeugt sie eine große psychologische Spannung und zeigt, dass sich selbst hinter den alltäglichen Ereignissen ein menschliches Drama verbergen kann. Ein poetischer Roman aus Japan über die großen menschlichen Fragen und die Tragik falscher Entscheidungen.

Bisher dachte ich, dass magischer Realismus und japanische Gegenwartsliteratur untrennbar sind, doch Hiromi Kawakamis einfühlsame Erzählung einer zerbröckelnden Ehe belehrt mich eines besseren. Ganz realistisch, aber mit dem japanischen Romanen eigenen kopflastigen, etwas verträumten Stil, erzählt mir „Bis nächstes Jahr im Frühling“ die Geschichte eines Ehepaares, dass sich auseinander gelebt zu haben scheint, vielleicht nie so richtig zusammen passte und nun einer vorläufigen, möglicherweise sogar endgültigen Trennung entgegen sieht. Ich schaue dabei Noyuri über die Schulter, der betrogenen Ehefrau, die sich weigert weiterhin weg zu schauen und ihren Mann still schweigend an eine andere abzutreten. Über die Dauer des Romans wird ihr Schicksal zu meinem und ihre Entscheidung zu Gehen oder zu Bleiben zum Dreh- und Angelpunkt meiner Welt.

Es beginnt mit einem anonymen Anruf, am einen Ende Noyuri am anderen Ende nur Stille. Eine frustrierende Stille, die Noyuri doch zu kennen glaubt, eine Arbeitskollegin ihres Mannes, eine frühere Geliebte vielleicht. Von seiner derzeitigen Affäre weiß sie ebenfalls, vermutet sogar, dass es Liebe ist. Liebe, die ihren Mann immer weiter von ihr weg driften lässt, in die Arme einer anderen. Es ist die Machtlosigkeit der Hauptfigur den Gegebenheiten gegenüber, die den Leser in die Handlung geleitet. Noyuri beginnt ihre Geschichte als Opfer der außerehelichen Vergnügungen ihres Mannes, als Gescheiterte im Kampf um seine Aufmerksamkeit, als Gestrandete im Leben und Suchende nach einer Identität außerhalb ihrer Rolle als Ehefrau.

Zur Seite steht ihr dabei vor allem ihr Onkel, eine Art väterlicher Freund, der selbst seine Frau nach Strich und Faden betrügt und Noyuri mal auf andere Gedanken zu bringen versucht, sie aber auch oft mit der Nase auf die Gegenbenheiten stößt. Es gibt einen Punkt an dem sie ihren Mann nicht wird zurück gewinnen können, ein Punkt der möglicherweise schon überschritten war, bevor sie von seiner Affäre erfuhr. In Noyuris Innerem gibt es einen korrespondierenden Punkt an dem sie ihren Mann vielleicht nicht zurück nehmen möchte, ihn los zu lassen bereit ist, ein Leben alleine wagen möchte. Die Suche nach diesen beiden Punkten, und der Versuch eine Verbindungslinie zwischen ihnen zu ziehen, wird bald schon zum zentralen Thema dieses Romans.

Das Japan von „Bis nächstes Jahr im Frühling“ ist eines vor der Atomkatastrophe. Ein friedliches Land, ein Land der Schnellzüge und Naturbäder fernab der Metropole Tokyo. Es ist ein Japan in das man sich als europäische Leserin hinein träumen kann, ein spärlich möbliertes Tatamimattenzimmer mit Ausblick auf einen winterlich verhangenen Himmel, das man anschließend nie wieder verlassen möchte. Es ist die perfekte Kulisse für den inneren Tumult der Hauptfigur. Mit nur wenigen wohl platzierten Pinselstrichen lässt Hiromi Kawakami eine Welt vor dem inneren Auge der Leserin entstehen, die über die Grenzen ihres Geistes hinaus bricht um sie mit ihrer Melancholie schließlich vollkommen zu umschließen. Für mancheine mag das ein wenig erdrückend klingen, doch ich fühle mich für den Zeitraum der Lektüre sowohl entrückt als auch geborgen.

„Bis nächstes Jahr im Frühling“ ist ein Roman, dessen Melodie trotz ihrer vorwiegend leisen Töne wohl noch lange in meinem Leserherzen spielen wird. Die Kämpfe, welche zwischen den Seiten ausgefochten werden sind von existentieller Bedeutung, zerstören Identitäten und formieren sie neu und doch verströmt „Bis nächstes Jahr im Frühling“ die Ruhe eines Sommermorgens – über dem See der Nebel, ein Vogelkonzert schwebt durch die Luft. Die Geschichte von Noyuri und ihrem untreuen Ehemann Takuya prägte sich mir auf sanfte Weise ein, hinterließ Spuren im Sand, die schon wieder verwischen und mir doch die Gewissheit geben, dass sollte ich diesen Weg vom Anfang der Geschichte aus noch einmal gehen, ich mich erneut aufgehoben fühlen würde in ihrer Welt und an der Seite der Figuren, die sie bevölkern.

Bis nächstes Jahr im Frühling – Hiromi Kawakami – ISBN 978.3.446.24128.2

Für Leserinnen, die…

  • …vor einer wichtigen Entscheidung stehen.
  • …für die japanische Kultur schwärmen.
  • …eine kleine Alltagsflucht nötig haben.

Am besten kombiniert mit…

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