(Backlist) Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß von Hiromi Kawakami

Kurz nachdem Hiromi Kawakami in meinem Kopfkino debütierte, griff ich mir auch schon den nächsten Roman aus ihrer Feder und meinem Regal. Ich glaube ich bin süchtig 😉

Download (7)Eine selbstbewusste Frau, ein weiser, alter Mann, reichlich Sake, ein wenig Walfischspeck und immer wieder Lotuswurzel: Zutaten dieser frühlingshaft zarten und faszinierend fremden Liebesgeschichte aus Japan. Eines Abends begegnet die 37-jährige Tsukiko in einer Kneipe ihrem weit älteren ehemaligen Japanischlehrer. Beide leben allein, jeder sucht die Nähe des anderen und bleibt doch respektvoll auf Distanz.

„Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ erzählt die Geschichte einer zufälligen Begegnung, aus der eine ungleiche Freundschaft erblüht, die bald zu einer späten Liebe wird. Die Geschichte der nicht mehr ganz so jungen Tsukiko, die ihren ehemaligen Japanischlehrer in einer kleinen Kneipe wieder trifft und sich daraufhin mit jedem weiteren Treffen ein Stück mehr mit ihm anfreundet, bis sie ihm schließlich ihr Herz schenkt, ist im Grunde nichts neues. Doch wird sie, durch die Art auf die Hiromi Kawakami sie erzählt für diese Leserin zu etwas besonderem, einem Rückzugsort vom Alltag, ja zu einer kleinen Oase sogar.

Die Geschichte wird aus der Perspektive von Tsukiko erzählt und hangelt sich von Treffen zu Treffen, spielt quasi nur in Imbissen und Kneipen, in die das ungleiche Paar einkehrt. Angeregt von reichlich Sake philosophieren sie anschließend über das Leben und auch wenn nicht alles, was sie in diesen Momenten von sich geben für mich persönlich von Belang ist, höre ich ihnen gerne zu. Denn ihre Begegnungen, so alltäglich sie auch sein mögen, geben mir das Gefühl dem Augenblick zu entwachsen, Zeit und Raum hinter mir zu lassen, um mich an den Nachbartisch zu setzen, die Geräusche und Gerüche eines japanischen Lokals überall um mich herum.

Wie auch schon in „Bis nächstes Jahr im Frühling“ nähert sich Hiromi Kawakami den großen Themen des Lebens auf kleiner Bühne. Schreibt man über Liebe, läuft man Gefahr sich irgendwann in Klischees zu verlieren. Doch Hiromi Kawakami schreibt über Tsukiko und ihren Sensei und jeder geteilte Augenblick wird neu und kostbar, jedes Gefühl individuell und einzigartig. Ihre Melodien bestehen aus nichts als leisen Tönen und doch kullern mir am Ende Tränen der Rührung über die Wangen. Über den Verlauf der Geschichte lerne ich die handelnden Personen kennen und verstehen, höre sie Stellung nehmen, zu dem was ihre kleine Welt am Laufen hält. Schließlich sind sie für mich nicht mehr nur irgendein Liebespaar unter vielen, ist ihre Geschichte nicht mehr nur irgendeine Liebesgeschichte.

Im Grunde ist es eine Liebesgeschichte wider Willen und es ist der Sensei, der ehemalige Lehrer der Erzählerin, der nicht so richtig will. Das bringt einen kleinen Hauch von „will they/won’t they“ Spannung in die ansonsten aus mehr oder minder alltäglichen Aktivitäten bestehende Handlung. Doch nimmt dieses Tauziehen nicht mehr Platz darin ein, als ihm zusteht und so wird es nie zum Klischee. Das Werben der Erzählerin um ihren Geliebten schwankt zwischen subtilen Andeutungen und offenen Liebeserklärungen und ich wünsche den beiden ihr Happy End, möchte den Sensei irgendwann einfach nur noch schütteln, damit er endlich aufhört Tsukiko zurück zu weisen.

„Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ ist nicht nur eine Liebesgeschichte zwischen zwei guten Freunden, eine Liebeserklärung der einen an den anderen, sondern auch eine Liebeserklärung an die japanische Lebensart. Hiromi Kawakami feiert ihr Land und seinen Alltag, nimmt die Leserin mit auf einen Markt mitten in der Metropole Tokyo und anschließend zum Essen, abends gibt es Sake und am Wochenende geht es aufs Land zum Pilzesammeln. Alle diese Szenen habe ich genossen. Denn sie erlaubten mir nicht nur die Geschichte der Hauptfiguren zu erleben, sondern das Leben selbst, dort wo Hiromi Kawakami es in ihrer sowohl verträumten als auch realistischen Erzählstimme beschreibt und es so vor dem Auge der Leserin entstehen lässt.

Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß – Hiromi Kawakami – ISBN 978.3.423.13857.4

Für Leserinnen, die…

  • …sich ans andere Ende der Welt träumen möchten.
  • …der Ansicht sind, dass es für die große Liebe nie zu spät ist.
  • …leise Töne großen Paukenschlägen vorziehen.

Am besten kombiniert mit…

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4 Kommentare zu “(Backlist) Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß von Hiromi Kawakami”

  1. Danke für die Leselust weckende Besprechung! Mir war die Geschichte bislang immer nur in der Adaption als Graphic Novel begegnet. Über die hatte ich viel Positives gehört, aber zum ursprünglichen Werk nie Eindrücke gefunden. Umso mehr schätze ich nun deine Rezension und ahne, dass ich über kurz oder lang wohl nicht um die Lektüre herumkomme.

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    1. Von der Graphic Novel habe ich auch schon gehört. Hast Du sie denn schon gelesen oder bisher nur auf dem Wunschzettel?
      Hiromi Kawakami ist wirklich eine wunderbare Autorin. Ich kann diesen Roman (ebenso wie „Nächstes Jahr im Frühling“) nur empfehlen. Sie hat so eine herrlich verträumte Art zu schreiben. Man kriegt während der Lektüre richtig Fernweh nach Japan 🙂

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      1. Ich habe die Graphic Novel ebenfalls noch nicht gelesen. Bisher hatte ich immer „Angst“, dass die Geschichte zu klischeehaft oder kitschig sein könnte. Aber nach deinem Artikel bin ich dahingehend beruhigt und trau mich nun eher an die Lektüre von Roman und Graphic Novel.

        Generell ist Japan für mich noch ein Land,zu dem ich bisher kaum literarische Berührungspunkte hatte – weder in Form japanischer Autoren noch in Form von in Japan angesiedelten Geschichten. Kürzlich hatte ich meinen ersten Murakami, kann die Begeisterung für sein Schreiben aber bisher nicht nachvollziehen. Tipps sind also immer gern gesehen und „Nächstes Jahr im Frühling“ werde ich mir einmal näher anschauen.

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    2. Kitschig ist die Geschichte auf gar keinen Fall, schon alleine weil das Liebespaar in spe nicht den gängigen (bzw. hollywoodschen) Vorstellungen von zwei Leuten entspricht, die sich ineinander verlieben – sie ist Ende dreißig und er wohl schon sechzig. Im Grunde ist „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ eher die Geschichte einer ungleichen Freundschaft als ein klassischer Liebesroman.

      Ich bin gerade nahezu süchtig nach japanischen Autoren. Sehr empfehlenswert ist auch der neue Roman von Yoko Ogawa „Der Herr der kleinen Vögel“, den ich hier bald rezensieren werde.
      Um japanische Literatur genießen zu können, muss man allerdings für leise Töne und spannungsarme Geschichten aufgelegt sein. Bei mir ist das im Moment der Fall, war aber auch nicht immer so.

      Um die Romane von Murakami tänzele ich auch seit geraumer Zeit herum. Ich glaube aber, dass meine Erwartungen durch den Hype, der diesen Autor umgibt, im Moment nur enttäuscht werden können. Also warte ich noch ein bisschen mit der Lektüre.

      Welchen seiner Romane hast du gelesen?
      Und was hat dir denn an Murakami nicht gefallen?

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