(Neuerscheinung) Das Gift von Samanta Schweblin

„Das Gift“ habe ich zum ersten Mal im MISSY Magazine besprochen gesehen und da ich eine Vorliebe für magischen Realismus habe und südamerikanische Schriftsteller in diesem Genre einfach unübertrefflich sind, war es letztlich nur eine Frage der Zeit, bis sich dieses Buch auf meiner Leseliste einfand…

41BU9NuggxL._SX299_BO1,204,203,200_Ein Fluch, der über einem Ort in der Pampa zu liegen scheint. Eine Heilerin, die vom Tode bedrohte Kinder zu retten versucht. Und zwei exzessiv liebende Mütter, deren Schicksale auf mysteriöse Weise verbunden sind. (Klappentext von suhrkamp.de)

„Das Gift“ ist ein Roman, der sich nur schwer beschreiben lässt. Denn selbst nach eingehender Lektüre, weiß ich nicht so recht, worauf Samanta Schweblin mit der darin erzählten Geschichte eigentlich genau hinaus will. Gedruckt umfasst sie lediglich 127 Seiten und bleibt in ihrer Beschreibung der Ereignisse unangenehm vage. Auf den letzten Seiten kann sich eine aufmerksame Leserin so in etwa zusammen reimen, was im Buch geschehen ist und wie sich eins ins andere fügt. Doch gibt mir das an diesem Punkt in der Lektüre kein wohliges Gefühl und schon gar keinen Moment der Klarheit. „Das Gift“ bleibt von der ersten bis zur letzten Seite unnahbar und rätselhaft.

Dabei stimme ich dem Vergleich, den der Klappentext zu David Lynch zieht, durchaus zu. Ich habe zwar nur „Mulholland Drive“ gesehen, kann also keinen Vergleich zum Gesamtwerk des Regisseurs ziehen, doch atmosphärisch gesehen haben „Das Gift“ und dieser eine Film von David Lynch viel gemeinsam. Beide halten sich nicht mit Erklärungen für das Geschehen auf, werfen den Leser statt dessen in die Fluten einer Welt deren Autor(in) die Naturgesetze vorgibt. „Das Gift“ hat etwas alptraumhaftes, etwas gehetztes. Die Figuren scheinen ein Wettrennen gegen die Zeit zu führen, doch was passiert, wenn sie verlieren, das wissen nicht einmal sie selbst.

Aus dem Off wird diese Leserin von der Stimme eines kleinen Jungen getrieben, die zur Erzählerin der Geschichte spricht. Diese scheint sich in einem Krankenhaus zu befinden, warum erfährt man allerdings erst gegen Ende, und die Stimme, welche sie drängt ihre Geschichte zu erzählen, könnte genauso gut Einbildung sein. Diese Meta-Ebene in der eine Figur ganz offensichtlich mehr weiß, als alle anderen, hat mich zunächst aus dem Lesefluss heraus gebracht. Nach einiger Zeit allerdings wurde sie zu meinem einzigen Halt in einer Flut an Informationen, von denen keine wirklich wichtig zu sein scheint. Immer wieder bringt sie die Erzählerin dazu sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und ist so letztlich meine einzige Chance darauf den Sinn der Ereignisse enthüllt zu bekommen.

Verzweifelt taumele ich an der Seite der Erzählerin durch deren Erinnerungen, auf der Suche nach dem Punkt in der Geschichte, an dem sie alles hätte verhindern können, an dem sie den Ereignissen hätte Einhalt gebieten können. Doch dieser magische Punkt scheint sich außerhalb der Geschichte zu befinden, scheint irgendwo im Prolog zu liegen. Die Macht der Erzählerin schrumpft über die Dauer des Romans zusammen, während mir als Leserin langsam das Ausmaß der ersten Seiten bewusst wird. Diese werfen ihren Schatten über jeden weiteren Augenblick, nehmen der Geschichte die Sonne, die Hoffnung. Die junge Mutter, welche sie erzählt, sackt mit der Zeit, einer verwelkten Blume gleich, zusammen, sobald ihr klar wird, dass ihre geliebte Tochter für immer verloren ist. Woher das Gift kommt, das in der Welt des Romans sein Unwesen treibt, das wird diese Leserin nie erfahren. Doch dringt es nichts desto trotz ungehindert in jede Szene, jede Figur, jede Zeile der Erzählung.

„Das Gift“ liefert Realismus wie er magischer nicht sein könnte. Samanta Schweblin hebelt die Naturgesetze aus den Angeln und zwingt mich als Leserin dazu die Grenzen meiner Vorstellungskraft zu sprengen, wieder und wieder, bis mir der Kopf schwirrt und vielleicht sogar ein bisschen weh tut. Dieser Roman ist keiner, dessen Buchdeckel man mit einem zufriedenen Gefühl zuklappt. Auch Tage nach der Lektüre bin ich immer noch etwas entrückt, verwirrt, so als wäre ich gerade aus einen Alptraum erwacht und müsse mich mühsam wieder in der Realität zurecht finden. „Das Gift“ braucht aufmerksame Leserinnen mit weiten Horizonten, ich zähle mich dazu und doch kann ich das kleine Stimmchen in meinem Inneren nicht zum Schweigen bringen, das sich am Ende der Geschichte fragt – soll das nun wirklich schon alles gewesen sein..?!

Das Gift – Samanta Schweblin – ISBN 978.3.518.42503.9

Für Leserinnen, die…

  • …nichts gegen erzählerische Experimente haben.
  • …die Grenzen zwischen Magie und Realismus verwischen wollen.
  • …gerne über den Sinn einer Geschichte rätseln.

Am besten kombiniert mit…

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