(Neuerscheinung) Der Sommer hat lange auf sich warten lassen von Melitta Breznik

Lange schon juckte es mich in den Fingern, jedes Mal wenn ich diesen Roman im Buchladen sah. Nun ist endlich die Taschenbuchausgabe erschienen und natürlich gab es bei mir kein Halten mehr…

519kjERwYhL._SX313_BO1,204,203,200_Margarethe, eine Frau Anfang 90, besucht noch einmal den Ort ihrer Kindheit. Auf der Reise dorthin kommen ihr Szenen aus der Vergangenheit in den Sinn: mit ihrem ersten Mann Max, den sie im Zweiten Weltkrieg kennenlernte und der nach seiner Rückkehr aus englischer Kriegsgefangenschaft ein anderer war. Sie denkt an Lena, ihre gemeinsame Tochter, die sich im Lauf der Jahre von ihr entfernt hat und die sie in wenigen Stunden treffen wird. Melitta Breznik erzählt von drei Menschen, deren Leben durch die Geschichte des letzten Jahrhunderts tief gezeichnet wurden und die versuchen, jeder auf seine Weise, damit umzugehen.

„Der Sommer hat lange auf sich warten lassen“ fährt dreigleisig. Zunächst einmal ist da Oma Margarethe die mit 90 Jahren aus dem Pflegeheim abhaut um ihre Tochter in Bergen-Enkheim zu treffen. Dann ist da Margarethes Tochter Lena, die in London als Designerin von sich reden macht. Schließlich ist da noch Max, der erste und jung verstorbene, Ehemann von Margarethe, der Vater von Lena und die Leerstelle, welche er im Leben der beiden Frauen hinterlassen hat. Wenn ich die Erzählstränge hier so einen nach dem anderen aufzähle fügen sie sich ohne weiteres zu einer Familiengeschichte zusammen. Zu Beginn der Lektüre schwirrte mir jedoch der Kopf und zugegebenermaßen habe ich es auch im Weiteren nicht geschafft meinen ersten Eindruck dieses Romans zu revidieren.

Denn so ganz wurde ich nicht warm mit diesem literarischen Kleeblatt, selbst dann nicht als sich langsam alles zusammen zu fügen begann. Woran dies im Einzelnen lag ist schwer zu sagen, meine anfängliche Verwirrung über die harten Schnitte – zunächst Basel, 2011 dann auf einmal Wien, 1965 – wird wohl den Grundstein gelegt haben, jede weitere Schicht in der Mauer, die sich zwischen mir und dem Text aufbaut, schreibe ich meinen persönlichen literarischen Vorlieben zu. Denn Melitta Breznik schreibt unterhaltsam über eine Vergangenheit, die wir Deutsch Sprechenden in ihren Grundzügen alle gemeinsam haben. Letztlich wollte ich mich aber wohl doch nicht so eingängig damit beschäftigen, wie ich gedacht hatte, als ich dieses Buch aus dem Regal nahm.

Der Schauplatz dieser Erzählung mag vielleicht ständig wechseln, doch bleiben die Figuren immer die selben. Insofern hat die Leserin etwas, woran sie sich klammern kann – die robuste, kompromisslose Oma auf Reisen, von der sie nach und nach erfahren, wie sie zu der Person geworden ist, welche die Leserin nun begleitet; die vom Schicksal gebeutelte Tochter, deren Werdegang im fernen England bewundert werden darf; der Vater über dessen Geschichte Melitta Breznik historisch ins Detail geht, sei es nun die Russlandverschickung sozialistischer Kinder zur Nazizeit, der Kriegsdienst in Griechenland oder die anschließende Kriegsgefangenschaft in England, bzw. das, was solche Erlebnisse mit einem Mann machen können.

Wenn ich es mir recht überlege machen die Figuren, mit denen Melitta Breznik ihren Roman bevölkert allesamt einen etwas versehrten Eindruck. Doch gibt die späte Annäherung von Mutter und Tochter auch Grund zur Hoffnung darauf, dass es möglich ist sich mit der Vergangenheit auszusöhnen, selbst wenn es einige Zeit dauern mag diese Fähigkeit zu erwerben. Ich bewundere die Figuren an diesem Punkt in der Lektüre für ihre Großmütigkeit im Angesicht widriger Umstände, bewundere sie zwar, fühle mich ihnen jedoch auch fremd. So drifte ich durch die Kapitel und weiß nicht so recht, was ich von dieser Geschichte halten soll, kann auf der einen Seite erkennen, dass sie durchaus lesenswert ist, bin aber auf der anderen Seite wohl nicht das richtige Publikum.

Letztlich kann nicht jedes Buch ein Volltreffer sein und Melitta Breznik schießt auch nicht komplett daneben, nur trifft sie mein Herz eben nicht so wie es andere Autorinnen vor ihr mit ihren Geschichten taten – auch wenn ich es mir in dem Augenblick, da ich mich für die Lektüre von „Der Sommer hat lange auf sich warten lassen“ entschied, durchaus gewünscht hatte. Trotz allem gönne ich diesem Buch an dieser Stelle viele weitere Leserinnen. Leserinnen, die Geduld haben, wenn es darum geht sich in eine Geschichte einzuleben und ihr so hoffentlich mehr abgewinnen können, als ich es zu tun vermochte. Denn auch wenn wir nicht so richtig miteinander warm wurden, ist der späte Sommer die lange Warterei letztlich doch wert, da bin ich mir ganz sicher.

Der Sommer hat lange auf sich warten lassen – Melitta Breznik – ISBN 978.3.442.74962.1

Für Leserinnen, die…

  • …mehrere Erzählstränge im Kopf miteinander verflechten können.
  • …literarisch in die Vergangenheit reisen wollen.
  • …kosmopolitisch veranlagt sind.

Am besten kombiniert mit…

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