(Neuerscheinung) Der Herr der kleinen Vögel von Yoko Ogawa

Von Yoko Ogawa habe ich seit längerem einige Bücher im Regal stehen. Doch brauchte es die freundliche Zuwendung des liebeskind Verlages, um mir den letzten Anstoß zu geben diese mir bisher noch unbekannte japanische Autorin endlich zu entdecken…

51NnQCZFLTL._SX319_BO1,204,203,200_Auf dem Gelände eines ehemaligen Waisenhauses steht eine Voliere, in der ganz unterschiedliche Vogelarten gehalten werden: Kanarienvögel, Haussperlinge und Prachtfinken, aber auch Papageien. Jeden Tag besucht ein Mann die Voliere, um im Schatten eines Ginkgos dem Gesang der Vögel zu lauschen und mit ihnen zu sprechen. Eines Nachmittags jedoch bricht er neben dem Käfig zusammen und stirbt kurze Zeit später. Die Vögel sind über den Verlust ihres treuen Freundes so bestürzt, dass seinem jüngeren Bruder die Obhut der Voliere anvertraut wird, um sie zu beruhigen. Von den Kindern in der Stadt wird der jüngere Bruder fortan der ‚Herr der kleinen Vögel‘ genannt – so aufopferungsvoll kümmert er sich um die Tiere. Er lebt einsam und zurückgezogen, nur zwei Menschen gelingt es, sein Vertrauen zu gewinnen. Einer jungen Bibliothekarin, die er kennen lernt, als er in der Stadtbücherei Fachbücher über Vogelkäfige konsultiert. Und einem alten Mann, der stets eine kleine Holzschachtel mit einer Grille bei sich trägt, um sich an ihrem Gesang zu erfreuen.

„Der Herr der kleinen Vögel“ ist ein stiller, gemächlicher Roman und fast fehlen mir die Worte ihn zu beschreiben, Dir meine Gedanken und Gefühle zu vermitteln. Insofern fühle ich mich ein bisschen so wie der Bruder der Hauptfigur sich fühlen muss, gefangen in seinem eigenen Kopf, im Karussell seiner Vogelsprache, voller Eindrücke und Einsichten und doch ein bisschen sprachlos, vielleicht auch gerade deshalb. Letztlich werde ich es aber doch versuchen eine Brücke zu bauen von meinem Kopf in die Welt da draußen, wo Bücher gelesen werden. Denn „Der Herr der kleinen Vögel“ von Yoko Ogawa sollte auf jeden Fall eines davon sein.

Wir treffen den Herrn der kleinen Vögel bei seiner Arbeit an, er säubert die Voliere in einem nicht näher beschriebenen Kindergarten irgendwo in Japan – doch es könnte auch woanders sein, selten bezieht sich Yoko Ogawa explizit auf die Kultur ihres Landes. Als Japanliebhaberin war ich kurz etwas enttäuscht, bzw. hätte ich mir mehr Schauplatzanbindung gewünscht, so wie zum Beispiel in „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ von Hiromi Kawakami. Doch kann schließlich nicht überall Tokio sein und nicht jeder Roman in Bars und auf Marktplätzen spielen. „Der Herr der kleinen Vögel“ scheint mir ähnlich entrückt von Zeit und Raum, wie der vogelaffine Bruder des Titelhelden – meines Erachtens die wahre Hauptfigur dieser Geschichte.

Nach einer kurzen Einführung in der sich alles um den Herrn der kleinen Vögel dreht reist Yoko Ogawa in der Zeit zurück und diese Leserin erfährt was es mit der Voliere auf sich hat und wie sie zum Dreh- und Angelpunkt des Lebens zweier Brüder wurde. Die Autorin beschränkt sich an dieser Stelle darauf die Besonderheiten im Verhalten des älteren Bruders zu schildern ohne dabei mögliche Gründe dafür aufzuführen; seine eigenartige Sprache, die nur der jüngere Bruder (der später zum „Herrn der kleinen Vögel“ heranwachsen wird) versteht, seine Rituale, im besonderen den wöchentlichen Lutscherkauf, den er über die Jahre beibehält, selbst dann wenn der Tante Emma Laden des Dorfes schon längst einer Apotheke gewichen ist.

Die Rolle des kleinen Bruders besteht darin ihm zur Hand zu gehen, ihn zu beschäftigen dabei aber selbst im Hintergrund zu bleiben. Und so lebt dieser sein Leben als eine etwas farblose Gestalt, die selbst nach dem Tod des älteren Bruders nicht aus ihrer Routine heraus kann. Als Leserin warte ich auf den magischen Punkt an dem sich alles ändert, den Moment an dem der Herr der kleinen Vögel endlich aufblüht und sein Schicksal in die Hand zu nehmen beginnt. Doch Yoko Ogawa enttäuscht mich an dieser Stelle, lässt alle Chancen auf ein romanhafteres, versöhnlicheres Ende verstreichen. Stattdessen öffnet sie ein Fenster ans andere Ende der Welt durch das man die Landschaft in matten Farbtönen betrachten kann. Dieses Panorama bestückt sie mit lediglich sporadischen Glücksmoment, schüchternen Verliebtheiten und Stimmungen so klein und zart, dass man sie als Leserin zu verpassen droht.

„Der Herr der kleinen Vögel“ macht kein großes Aufhebens um sich selbst und seine Geschichte. Es ist ein Buch, das im Moment vollends genossen werden will, die Leserin danach aber auch wieder in die Welt abseits der Geschichte entlässt, ohne sie noch nachhaltig zu beschweren oder zu beschäftigen. Das Schicksal des Herrn der kleinen Vögel ist dabei ein bisschen tragisch, aber dann auch wieder nicht so sehr, dass es das Blut aus meinem Herzen presst. Es ist ein Mosaik aus verpassten Chancen, nicht angetretenen Reisen und mit der Zeit etwas verblassten Erinnerungen – genauer gesagt ein kleines, bescheidenes Buch mit wider Erwarten großer und doch etwas flüchtiger Wirkung.

Der Herr der kleinen Vögel – Yoko Ogawa – ISBN 

Für Leserinnen, die…

  • …sich am Zwitschern kleiner Vögel erfreuen.
  • …zwischen den Zeilen lesen.
  • …die erzählerische Schlichtheit des japanischen Realismus‘ lieben.

Am besten kombiniert…

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